Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Medienmanagement
< Zurück   INHALT   Weiter >

Vorwort

Als Abschluss der vierbändigen Lehrbuchreihe zum Medienmanagement erscheint der Schwerpunktband zur Medienpraxis. Unabhängig von der Hinwendung der traditionellen Gattungsstrukturen zum modernen Cross-Media-Management bildet nach wie vor die Beherrschung der journalistischen Handwerksmethoden und die Kenntnis der Strukturen in Print, Hörfunk, Fernsehen, Film und Online die Basis des Medienmanagement. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung von seriöser und umfassender Recherche. Die Entwicklung moderner Medien ist nur im Kontext mit der historischen Geschichte der Gattungen zu verstehen; Medien haben zu unterschiedlichen Zeiten das Denken und die Wahrnehmung der Gesellschaft verändert und erzeugten soziale Wirkungen. Unterschätzt wird gemeinhin der Einfluss von Medienordnungen auf Mediensysteme; sie bilden das Gerüst medialer Entwicklungen und geben den Rahmen zur Ausübung medialer Tätigkeiten vor. Insofern enthält der Band auch einen kurzen Überblick über grundlegend unterschiedliche Ansätze. Abschließend wird die Nutzung der Medien betrachtet, die zu jeder Zeit Änderungen unterliegt, schwerpunktartig aber in den letzten Jahren.

Bei den Autoren handelt es sich ausschließlich um anerkannte Praktiker und Experten, die sich mit großem Engagement in das Buchprojekt einbrachten.

Die permanenten Umwälzungen im Mediensektor und die Etablierung des BolognaProzesses in der akademischen Praxis, die auch Konsequenzen für die Herangehensweise und Strategie im Bereich des Medienmanagements nach sich zogen, hatten auch Auswirkungen auf die zeitliche Herausgabe des letzten Bandes der Reihe. Beispielhaft für solche Veränderungen werden für die Ebene der Medienordnungen alte Märkte (USA) und neue (Indien) dargestellt.

Das vorliegende Werk ist auch das Produkt der Mühen und des Engagements einer Reihe von Mitarbeitern. Zu nennen ist hier in erster Linie Silke Knauer, die die Kommunikationsstrukturen pflegte und den Fortgang der Arbeiten begleitete. Der Dank gilt aber auch den studentischen Mitarbeitern, die organisatorische und redaktionelle Zuarbeiten leisteten.

1 Medienpraxis

Medienlehre Fernsehen

1 Grundlagen des Fernsehjournalismus

1.1 Wie wirkt Fernsehen?

Seit gut 90 Jahren flimmert es in Deutschland, und die Strahlkraft des Fernsehens ist (noch?) ungebrochen. Im August 1928 zeigte die Deutsche Rundfunkausstellung in Berlin die ersten TV-Versuchssendungen. Ende 1952 begann der erste Fernsehsender, die heutige ARD, mit dem Sendebetrieb. Die zur Ikone des deutschen Fernsehens gewordene Tagesschau wurde „geboren“. Kein anderes Medium würde heute mehr vermisst oder erreicht mehr Menschen. Die durchschnittliche Sehdauer lag 2013 laut Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGDF) bei etwa 220 Minuten pro Tag. Das sind trotz Digitalisierung und technologischen Fortschritts 20 Minuten mehr als noch vor zehn Jahren. Kein anderes Medium beeinflusst oder polarisiert so stark. Und kein anderes bestimmt die Ausrichtung der Wohnzimmercouch in nahezu jedem deutschen Haushalt. Allerdings nur bei den etwas oder ganz Alten. Wer noch keine 20 ist, lässt sich deutlich weniger vom klassischen Fernsehen beeinflussen und empfängt das klassische Fernsehen am PC zeitund ortsunabhängig.

Wer die Wirkung des Mediums Fernsehen, oder besser: die Wirkung bewegter Bilder, theoretisch erfassen will, muss sich mit unserem Gehirn befassen. Das menschliche Gehirn besteht aus 12 Milliarden Neuronen. Die Anzahl der Muster, die daraus gebildet werden können, liegt weit über der geschätzten Anzahl aller Atome des Universums. Dem Wissenschaftler Roger Sperry ist es in genialer Weise gelungen, den beiden Hälften des Gehirns ihre Geheimnisse zu entlocken. Dank spezieller Techniken schaffte er es, bestimmte Informationen jeweils nur einer Gehirnhälfte zugänglich zu machen und so zu zeigen, dass sie streng getrennt jeweils eigene Aufgaben erfüllen.

Die linke Hirnhälfte ist vor allem an analytischen Prozessen beteiligt. Sie abstrahiert, rechnet, misst die Zeit, trifft rational und logisch begründete Feststellungen. Insbesondere ist unsere linke Gehirnhälfte für die Spracherzeugung und das Sprachverständnis (setzt Empfinden in Sprache um) zuständig. Informationen werden sequentiell, also nacheinander, verarbeitet.

Die rechte Hirnhälfte übernimmt dagegen räumliche Aufgaben und musikalische Leistungen. Sie bezieht sich auf den gegenwärtigen Zustand der Dinge, kann Bilder verstehen, träumen, hat räumliches Empfinden. Anfallende Informationen werden parallel, also gleichzeitig, verarbeitet. Mustererkennung und Raumvorstellung der rechten Gehirnhälfte verständigen sich in einer primitiven Sprache mit der dominanten linken Hälfte. Damit Fernsehen als Medium wirken kann, muss es beiden Teilen des Gehirns „Stoff“ liefern.

Auf welchem Wege kann dies geschehen? Seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts liefert die sogenannte Gestaltpsychologie wichtige Erkenntnisse zur Wahrnehmungsforschung. Die wesentlichen Grundaussagen, die Fernsehjournalisten betreffen, lauten: Wenn wir fernsehen, also hinsehen und hinhören, suchen wir zuerst immer einen Sinn, einen Zusammenhang. Wenn wir diesen Zusammenhang nicht finden, weisen wir eine neue Wahrnehmung ab. Soll aus einem Informationsinhalt der optimale Nutzen gezogen werden, setzt dies voraus, dass das objektiv vermittelte Bild, die reine Nachricht gewissermaßen, als solche überhaupt erkannt und wahrgenommen werden kann. Es darf also weder zu Abwehrnoch zu Umdeutungsprozessen kommen.

Eine weitere, für die Fernsehwirkung wichtige Erkenntnis der Gestaltpsychologie lautet: Das Ganze, also zum Beispiel ein Bild, ist qualitativ mehr als die bloße Summe der zugrunde liegenden Elemente. Das Gesamtbild hat also eine zusätzliche Qualität. Dies gilt auch (besonders) für optische Reize.

Drittens geht die Gestaltpsychologie davon aus, dass das Denken als Gestaltungsprozess denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegt wie der offensichtlichere Prozess der Wahrnehmung. Wie und wieso wird überhaupt in Gestalten wahrgenommen, oder umgekehrt formuliert, warum wird zu Gestalten verarbeitet? In jedem Menschen existiert diese Fähigkeit, und zwar ohne eine bestimmte Vorerfahrung. Sie folgt personenunabhängig bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Allerdings bestimmt das individuelle Vorwissen die konkrete Wahrnehmung und damit Verarbeitung eines konkreten Sachverhaltes. Dieses Zusammenspiel von Wissen und Wahrnehmung ist die zentrale psychologische Grunderkenntnis für das Gestalten von Fernsehbeiträgen. Das Zusammenspiel folgt drei Prinzipien:

(1) Prinzip der Ähnlichkeit und Gleichheit:

Menschen neigen dazu, ähnliche Informationen als zusammengehörig wahrzunehmen, sie zu Komplexen zu verdichten, vor allem dann, wenn eine raumzeitliche Nähe besteht (oder der Eindruck erweckt wird). Wenn in einem Satz zwei Dinge erwähnt werden, die an sich nichts miteinander zu tun haben, jetzt aber dicht nebeneinander stehen, dann nehmen wir sie als zusammengehörig wahr. Und wenn zwei Dinge (oder auch Vorgänge) sich ähnlich sehen, gilt dasselbe. Ähnlichkeiten wecken Muster von Assoziationen, aber auch Klischees.

Daraus entwickelt sich das Bedürfnis, gegensätzliche Informationen zu vernachlässigen oder zu leugnen. Die Suche nach Gleichartigem dominiert. Interessanterweise ist die einmal vorgenommene Zuordnung von gleichen Informationen sehr stabil.

(2) Prinzip der Vollständigkeit:

Geben Informationen, die zueinander passen, noch kein vollständiges Bild, so besteht eine starke Tendenz, selbständig das fehlende Glied zu einem geschlossenen Ganzen zu vollenden. Dies ist dadurch möglich, dass kleinere Unregelmäßigkeiten oder Auslassungen für ein kognitives Gesamtbild sinnentsprechend geglättet oder ergänzt werden. Sogar scheinbar Unzusammenhängendes wird aufgrund des durch Erfahrung gewonnenen Wissens geformt.

(3) Figur-Grund-Prinzip:

Neben dem Bemühen, ein möglichst geschlossenes Bild von Teilausschnitten des Gesehenen

zu erhalten, tritt das Bedürfnis, diese Figur deutlich vom Hintergrund abzuheben.

Hinzu tritt das Phänomen der Kognitionsmuster. Sinneseindrücke, die im Laufe des Lebens verarbeitet wurden, bilden eine Struktur, die Wahrnehmungspsychologen Kognitionsmuster nennen. Diese Muster enthalten unbewusste Elemente: rationale und irrationale, intellektuelle und emotionale. Kognitionsmuster sind individuell und nicht starr, sie verändern sich. Kognitionsmuster wirken wie Filter, sie entscheiden, ob neue Informationen aufgenommen werden oder nicht. Nicht der Intellekt, sondern emotionale Kontrollen entscheiden meist über Aufnahme von Informationen.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften