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2.3 IP-Radio

Die Verbreitung von IP-Radio erfolgt innerhalb der Infrastruktur des Internets. Dadurch ist die Zahl der empfangbaren Sender praktisch unbegrenzt. Jeder Sender, der irgendwo auf der Welt online ist, kann theoretisch überall auf der Welt empfangen werden. Das führt zu einem praktisch schwer überschaubaren Angebot an Sendern. Allein in Deutschland gab es bereits im Jahr 2010 etwa 2 700 IP-Radios, davon 80 Prozent „Internet-Only“-Angebote. Die GEMA verzeichnet über 1 240 lizensierte Webradios. Weltweit dürfte die Zahl in die Zehntausende gehen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ein simples reichweitenschwaches Radio mit geringen Kosten als Hobby von jedermann betrieben werden kann. Wird IP-Radio mit einem reinen Radioempfänger und nicht mit einem PC empfangen, greift der Empfänger in der Regel auf eine redaktionell gepflegte Senderliste zurück, die die Übersetzung der technischen Internetadresse des jeweiligen Radiostreams in eine verständliche Senderbezeichnung übernimmt.

Stationär kann der Empfang über DSL und gegebenenfalls WLAN-Router erfolgen, für den mobilen Empfang oder den Empfang dort, wo kein DSL verfügbar ist, bedarf es der Datenanbindung über Mobilfunk. Die technischen Voraussetzungen für den Empfang liegen in den meisten deutschen Haushalten vor, zunehmend auch für den mobilen Empfang: Im Jahr 2012 verfügten in Deutschland mehr als zwei Drittel der Haushalte über einen Internetzugang mit weiter steigender Tendenz, . Die Anzahl der Smartphone-Nutzer, also der Nutzer internetfähiger Handys, steigt rapide. Allein von 2010 zu 2011 von 13 auf 20 Millionen.

Die Programmveranstalter müssen für eine Verbreitung via Internetprotokoll kein eigenes Sendernetz für die Distribution aufbauen und unterhalten. Damit fallen auch die Zuleitungskosten vom Radiosender zu den einzelnen Sendestandorten weg. Es genügt eine Zuleitung an den Hauptknoten („Backbone“) des Internetdienstleisters. Die wesentlichen Kosten fallen beim IP-Radio für das Streaming an. Dabei wird für jeden Hörer eine Internetverbindung zum Sender bzw. seinem technischen Dienstleister aufgebaut. Die technischen Kapazitäten, die für das Streaming vorgehalten werden müssen, richten sich damit danach, wie viele Hörer ein Programm gleichzeitig verfolgen. Der Zusammenhang zwischen Hörerzahl und Distributionskosten ist damit sehr eng. Oder anders ausgedrückt: Wenig Hörer führen zu geringen, viele Hörer zu hohen Distributionskosten.

Wenn die gesamte bisherige UKW-Hörerschaft eines Senders über Stream erreicht werden soll, ergeben sich beispielhaft folgende Kosten:

Für eine qualitativ sehr hochwertige Audio-Übertragung ist ein Datendurchsatz von 128 bit/s erforderlich. Solche Streams werden derzeit ab etwa 0,25 Euro netto pro Monat angeboten. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Preise stark von den abgenommenen Mengen abhängen. Der Anbieter „hl komm“ beispielsweise weist in seiner Preisliste maximal 5 000 gleichzeitige Streams aus. Wird ein Sender kontinuierlich Volumina von hunderttausend Streams gleichzeitig abnehmen, wird dies die Preise deutlich verringern. Außerdem würde eine Durchsetzung des IP-Radios im Markt auf Seiten der Anbieter von Streaming den Wettbewerb befördern, erfahrungsgemäß mit preissenkender Wirkung. Hinzu kommt, dass die Radionutzung, vom morgendlichen Peak abgesehen, eine einigermaßen gleichmäßige, vorhersehbare Grundlast verursacht, die für die Netzbetreiber besser zu handhaben ist, als etwa schwer zu prognostizierende Spitzen. Beschränkt man die Bandbreite zudem auf 64 KBit/s und beschränkt sich damit etwa auf die Klangqualität von DAB+ und UKW , werden die Kosten noch einmal erheblich sinken. Vor diesem Hintergrund erscheinen Kosten von 0,10 Euro pro Stream – einen Durchbruch der IP-Distribution vorausgesetzt – auf mittlere Sicht realistisch.

Für einen durchschnittlichen Sender in Sachsen ergeben sich damit beispielhaft folgende Zahlen: Die Netto-Reichweite der privaten Sender in Sachsen ist in den Stunden von 7 bis 8 Uhr (Montag bis Freitag) am höchsten. Die Sender haben in dieser Zeit eine durchschnittliche Nettoreichweite von 195 000 Hörern. Geht man grob überschlägig davon aus, dass der Hörer um diese Zeit etwa 20 Minuten verweilt und sich die Hörerzahl gleichmäßig auf die Stunde verteilt, ergeben sich überschlägig etwa 65 000 gleichzeitige Hörer als durchschnittlicher Spitzenwert. Bei 0,10 Euro pro Stream und Monat ergeben sich damit Distributionskosten von ca. 6 500 Euro monatlich. Der Reichweitenstärkste käme auf einen Spitzenwert von 96000, also 9 600 Euro monatlich.

Rechnet man die vorstehenden Zahlen auf der Basis der bundesdeutschen Bevölkerung überschlägig hoch, ergibt sich folgendes Bild: In Sachsen lebten 2011 ca. 4,1 Millionen Menschen, in Deutschland 81,8 Millionen. Damit entsprechen die oben bezeichneten 65 000 gleichzeitigen Hörer in Sachsen – ähnliche Marktverhältnisse unterstellt – etwa 1,3 Millionen gleichzeitigen Hören in ganz Deutschland. Rechnet man mit dem Spitzenwert von 96 000, ergeben sich 1,9 Millionen gleichzeitige Hörer.

Damit lassen sich annäherungsweise die Distributionskosten eines durchschnittlich erfolgreichen, bundesweit verbreiteten Radios über Internetprotokoll mit etwa 130 000 Euro monatlich beziffern. Legt man den Spitzenwert zugrunde, ergeben sich 190 000 Euro. Die Größenordnungen entsprechen damit denen von DAB+ und liegen dramatisch unter denen der UKW.

Selbst DSL-Anschlüsse mit geringen Bandbreiten, beispielsweise nur 1 MBit/s, reichen aus, um einen Haushalt mit IP-Radio zu versorgen. Theoretisch könnten über einen solchen Anschluss gleichzeitig sechs unterschiedliche Streams empfangen werden. DSL-Anschlüsse sind in den meisten Haushalten ohnehin vorhanden, sodass eine Anschaffung speziell zur Radionutzung nicht erfolgen muss. Da solche Anschlüsse auch keine Beschränkungen der übertragenen Datenmengen kennen, stellen sich hier keine Kostenfragen.

Die mobile Anbindung stellt sich anders dar. Der Mobilfunkstandard LTE erlaubt eine Datenübertragungsrate von 100 MBit/s und damit theoretisch etwa 900 gleichzeitige Streams pro Mobilfunksender. Gleichwohl werden immer wieder Zweifel laut, ob diese Bandbreite ausreicht, um den kontinuierlich zunehmenden Traffic auch im mobilen Bereich zu bewältigen. Der Netzwerkhersteller Cisco geht aufgrund von Studien davon aus, dass sich der mobile Datenverkehr in Deutschland allein von 2011 bis 2016 um den Faktor 21 vergrößern wird. Für die Erhöhung des Datenverkehrs insgesamt, also inklusive drahtgebundener Übertragung, wird ein Faktor von 3,5 prognostiziert. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass mobiler Traffic für den Nutzer auch ein Kostenthema bleibt.

Die Verhältnisse im Jahr 2011 soll der folgende Überschlag verdeutlichen: Die durchschnittliche tägliche Radionutzung in Deutschland beträgt etwa drei Stunden täglich. Geht man davon aus, dass davon nur ein Viertel, also etwa 45 Minuten täglich, mobil empfangen (Fahrzeiten und Orte ohne DSL-Anbindung) und dieser mobile Empfang vollständig über Mobilfunk mit 128 KBit/s abgewickelt würde, ergibt sich ein tägliches Datenvolumen von ca. 42 MB pro Hörer. Eine entsprechende Nutzung nur an 20 Werktagen zugrunde gelegt, ergäbe sich ein Datenvolumen von 840 MB im Monat. Damit hätte der Nutzer noch nicht einmal das auf Hörfunk entfallende Datenvolumen mit einer gängigen Datenflatrate über 500 MB Volumen im Monat abgedeckt.

Der Zugang zum Mobilfunknetz ist derzeit an sogenannte SIM-Karten gebunden. IPRadios, die ihre Daten (auch) über den Mobilfunk beziehen, müssten deshalb mit einer eigenen SIM-Karte ausgestattet werden.

 
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