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4 Die geschenkten Recherchen

Die dramatisch sinkenden Auflagezahlen und der damit verbundene ständig größer werdende Kostendruck bei den Zeitungsverlagen, aber auch bei den elektronischen Medien, haben drastischen Personalabbau zur Folge. Kaum eine Zeitung, eine Zeitschrift, die nicht von der Verschlankung betroffen ist.

Bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ist es schon seit vielen Jahren zunehmend schwieriger, noch eine Festanstellung zu erhalten. Teilweise herrscht sogar Einstellungsstopp. Die Sender weichen auf freie Mitarbeiter aus, die aber auch nur einzelne Tagesoder Projektverträge erhalten.

Der feste freie Mitarbeiterstamm der Sender wird ebenfalls reduziert, frei gewordene Stellen nicht mehr besetzt. Die Personalchefs achten sorgfältig darauf, dass die jährlichen Arbeitstage der festen freien Mitarbeiter 110 Tage nicht überschreiten. Damit schließen sie eine arbeitsrechtliche Klage auf Festanstellung aus.

Um diesen Engpass abzufedern, haben viele Medienunternehmen sogenannte Sitzredakteure eingeführt. Das heißt, die Redaktionen werden bis auf wenige fest angestellte Mitarbeiter reduziert, die dann der Chefredaktion als Verantwortungsträger dienen. Sie verwalten, prüfen und bewerten den Informationsinput, der von freien Journalisten und Agenturen auf ihrem Schreibtisch landen. Die Reporter arbeiten „außen“, die verantwortlichen Redakteure

„innen“.

Für vertiefende Recherche bleibt da wenig Zeit. Die Meldungen und Geschichten werden im „IN-OUT“-Verfahren verwertet.

Der schrumpfende Journalistenbestand in den Medien wurde aber auch von den Public-Relation-Agenturen der Unternehmen oder Institutionen erkannt. Ganze Abteilungen arbeiten an Artikeln, Geschichten oder Dokumentationen, die dann den Zeitungen und den Sendern kostenlos angeboten werden.

Was die Redaktionen da auf den Tisch bekommen, sieht auf den ersten Blick seriös und sorgfältig recherchiert aus. Da sind gute Schreiber, geschulte PR-Manager am Werk, die in seriös wirkenden Artikeln geschickt ihre eigenen Nachrichten unterbringen.

Um den Weg der Story nicht so direkt zu den Lobbyisten zurückverfolgen zu können, gründen Unternehmen eigenständige Nachrichtenpools, die für sie arbeiten und die Kontakte zu den Medienverantwortlichen pflegen.

Der gestresste Redakteur wird hin und wieder gerne auf eine solche Geschichte zurückgreifen, die ihm – mangels eigenen Personals – sonst verschlossen geblieben wäre.

Damit sind nicht abzuschätzende Gefahren verbunden. Der Redakteur gibt mit solchen

„geschenkten Recherchen“ seine Kontrolle komplett ab. Er kann überhaupt nicht überprüfen, wo die Information herkommt, wer sie zur Geschichte formte und vor allem, welche Interessen damit verbunden sind.

Seriöse Medien versichern, dass sie diese Art der Nachrichtenbeschaffung strikt ablehnen. Eigenartigerweise erleben solche Nachrichtenpools einen ungeheuren Boom auf dem Medienmarkt.

4.1 Meinungsjournalismus

Als ebenfalls direkte Folge der Kosteneinsparung und der damit verbundenen Personalverdichtung in den Redaktionen blüht der „Meinungsjournalismus“. Was ich nicht recherchieren kann, wo also der seriöse Nachweis für eine Tatsachenbehauptung fehlt, kommentiert man. Eine „Krücke“, wie die Redaktionen zwar die Geschichten spektakulär halten, den Nachweis aber nicht führen müssen. Die Meinung, gekennzeichnet mit dem Namen des kommentierenden Autors ist ein beliebtes Hilfsmittel.

„Journalismus ist Vermittlung, nicht Pädagogik“ Peter Glotz

 
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