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7 Recherche-Fakes

Beispiel: In den 90er-Jahren geriet der Publikumsliebling Günther Jauch in die Schlagzeilen, weil sich angeblich exklusive Sensationsgeschichten als Fakes herausstellten. Verkäufer der Story war der freie Journalist Michael Born. Er hat nicht nur Günther Jauch bei „Stern-TV“ bedient, sondern viele andere Programmformate auch.

Immer waren das die investigativen Storys, dessen Sensationscharakter hohe Aufmerksamkeit erwarten ließ. So kaufte Jauch mehr oder weniger ungeprüft zum Beispiel eine Enthüllungsgeschichte über das angeblich kriminelle Handeln eines in Deutschland wirkenden Ku-Klux-Klan, der in der Eifel die Wälder unsicher machen soll. Zu sehen waren spektakuläre Bilder von vermummten, unheimlichen Gestalten, die zur Selbstjustiz nach ihrem Rechtsverständnis aufforderten.

Borns Reportagen zeigten Kinder in Indien, die angeblich für den Billigtexilanbieter KIK für einen Hungerlohn arbeiten müssen, oder Drogenkuriere aus Guadeloupe, die angeblich den europäischen Markt überschwemmen.

Alles selbst inszeniert, die Bilder zum Teil aus den Archiven geklaut. Insgesamt 32 Reportagen und Dokumentationen soll Michael Born produziert und verkauft haben.

Born begründete den Erfolg beim Absatz seiner Fälschungen mit dem auf das Einschaltquoten-fixierte Mediensystem und nachlässige Redakteure.

Das alles entspricht der Realität, deshalb ist die eigene Recherche immer noch das erfolgreichste Konzept gegen plumpe Fälschungen.

Der spektakulärste Fall einer Fälschung allerdings dürften die vom „Stern“ angeblich gefundenen „Hitlertagebücher“ sein. Das Versagen der verantwortlichen Chefredakteure geriet zum größten Medienskandal der Nachkriegsgeschichte. Hier wurden alle erforderlichen Sicherungssysteme journalistischen Handelns missachtet. Der „Stern“ verließ sich weitgehend auf die Beteuerungen eines einzelnen Mitarbeiters, dessen Recherche ungeprüft übernommen wurde.

Die Aussicht auf die größte, weltweit exklusive Story, die persönliche Eitelkeit der leitenden Personen und die Aussicht auf das ganz große Geld waren die Wegbereiter dieses journalistischen Mega-Skandals.

Um sich vor Wiederholungen solcher journalistischen Abstürze – ob groß oder klein – zu schützen, gelten folgende Regeln:

1. Sich nie auf unbekannte Informanten verlassen

2. Quellenkontrolle, Faktenkontrolle

3. Eigene Recherche

4. Doppelt und dreifach nachchecken

5. Eine gesunde Skepsis – besonders bei sogenannten exklusiven Angeboten

6. Die Bereitschaft, die eigene Story vor der Veröffentlichung auch als falsch zu enttarnen

Verantwortlich aber für Super-GAUs im journalistischen Alltag ist neben sicher manchmal nachlässigen Redakteuren auch das Mediensystem selbst. Die Zusammenlegung der Redaktionen, Personalabbau, der Kostendruck und die Flut der Informationen, die eine eigene Überprüfung durch verantwortungsbewusste Recherche oft unmöglich macht, begünstigen verhängnisvolle Irrtümer.

 
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