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8 Die verdeckte Recherche

Die bekanntesten Fälle der verdeckten Recherche wurden von dem Publizisten Günter Wallraff inszeniert. Er schlich sich in wechselnden Masken, fantasievollen Verkleidungen und mit falscher Identität in die Redaktion der BILD-Zeitung, er deckte Steuerhinterziehungen auf, entlarvte politisch inkorrekte Absprachen, er arbeitete als „Ali“ auf dem Bau und als Arbeiter in mehreren Industriebetrieben. Immer mit dem Ziel Skandale, Ungerechtigkeiten, Korruption oder Ausbeutung zu „enthüllen“. Eine besonders umstrittene Form der investigativen Recherche.

Sowohl der Deutsche Presserat als auch das Bundesverfassungsgericht stehen der sogenannten „Wallraff-Methode“ sehr kritisch gegenüber. Die Verfassungsrichter haben sogar in einem Urteil eindeutig entschieden, dass die „rechtswidrige Beschaffung von Informationen“ weder durch die Meinungsfreiheit noch durch die Pressefreiheit geschützt sei. In der Urteilbegründung nannten die Richter diese Art der verdeckten Recherche sogar „illegales Vorgehen“ und „unzulässiges Einschleichen“. Dennoch lässt das Verfassungsgericht ein Hintertürchen für die verdeckte Recherche offen und sagt: Wenn der Informationswert der rechtswidrig recherchierten Ergebnisse eindeutig von öffentlichem Interesse ist und schwerer wiegt als die dadurch begangenen Rechtsverletzungen, dann sei die verdeckte Recherche zulässig.

Für die Verfassungsrichter überwiegt also die Pressefreiheit, die den Journalisten weitgehende Handlungsfreiheit einräumt, wenn es darum geht Missstände aufzudecken, die das Leben und Wirken der Menschen negativ beeinflussen.

Eine Gratwanderung bleibt die verdeckte Recherche jedoch immer. Es ist eine Frage der Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und dem Persönlichkeitsschutz der Zielpersonen oder Institutionen und Unternehmen.

Unter Berücksichtigung der eng gesteckten Grenzen durch die Rechtsprechung birgt die verdeckte Recherche jedoch die Chance an Informationen zu gelangen, die vor der Öffentlichkeit bzw. der Presse abgeschirmt oder verschleiert werden.

9 Die einzelnen Schritte der Recherche

Recherche ist ein individueller Vorgang, abhängig von den jeweiligen Ereignissen, Zusammenhängen oder Ausgangssituationen. Es gibt aber ein paar Grundregeln, die Prof. Michael Haller von der Universität Leipzig in methodische Schritte gliedert.

1. Relevanz einschätzen: Wie wichtig bzw. interessant ist das Ereignis/das Thema?

2. Überprüfen der eingegangenen Informationen mittels Quellen und Faktenkontrolle

3. Erweitern der Sachverhaltsinformationen zur Erhöhung der Informationsdichte und zur

Beschaffung des Umfeldes (Zusammenhang)

4. Hypothesenbildung über Ursachen/Folgen, über Verantwortliche, über Urteile und Beurteilungen von Vorgängen, die Hypothesenüberprüfung zur Bestätigung, Widerlegung respektive Modifizierung der Ausgangshypothese

5. Abfassen des Textes als Meldung, Bericht, Hintergrund, Feature oder Report

9.1 Mit welchen Mitteln?

1. Die Meldung, die Erzählung, das Gerücht auf seine Glaubwürdigkeit abklopfen. Einsetzen der eigenen Erfahrung, Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen.

2. Archive, Online-Dienste, Bibliotheken, Experten; eventuell Augenzeugen, eigener Augenschein (Rekognoszieren am Ort des Geschehens); Befragung von Augenzeugen, Beobachtern.

3. Der eigene Kopf.

4. Materialauswertung; Befragung der Beteiligten; die Akteure und Betroffenen (Befragungsplan und Protokoll), Auswertung.

5. Recherchier-Ergebnis bewerten, den „Bauch“ befragen.

„Im Archiv gibt es viele Schätze zu heben, aber nur wenige Journalisten gehen dort noch hin“

Ernst Probst

 
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