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10 Ziele der Recherche

Was leistet die Recherche in der journalistischen Arbeit? Sie vertieft Informationen, hinterfragt Ereignisse oder deren oberflächliche Meldungen darüber. Die Recherche ordnet ein, liefert Erklärungshilfen, zeichnet ein umfassendes Bild des Geschehens und setzt es in Sinnzusammenhänge.

Die zweite Stufe der Recherche ist die bereits genannte investigative Recherche. Sie leistet noch viel mehr. Sie deckt eben Missstände im gesellschaftlich-politischen oder behördlichen System auf, prangert sie an, stellt Fehlverhalten bloß. Der recherchierende Journalist nutzt dabei meist auch nicht öffentlich zugängliche Quellen, die zur Aufklärung verschleierter Sachverhalte dienen können. Er hat somit eine wichtige Funktion innerhalb unserer Gesellschaft und deren politischen Parteien und Regierungen. Neben der Exekutive, der Judikative und der Legislative sind Presseorgane wie Zeitungen und Fernsehen, inzwischen auch die Informationsplattformen des Internets die vierte Macht im Staat. Diese Macht nicht zu missbrauchen ist der höchste ethische Anspruch der Journalisten.

Damit gehen aber leider nicht alle mit der erforderlichen Sorgfalt um. Auf der Jagd nach Auflagenzahlen und Einschaltquoten verlassen viele Journalisten den Pfad der Tugend. Sie vorverurteilen, grenzen aus; leider immer öfter nicht unparteiisch und nach Auswertung der Fakten, sondern subjektiv, einseitig und publikumswirksam. Sie suchen Sensationen, auch wenn Objektivität und Wahrheit auf der Strecke bleiben. Ein solches Verhalten bekräftigt den oft „schlechten Ruf“ der Medien und ihrer Journalisten.

Die einzige wirksame Maßnahme gegen den Sittenverfall in den Medien ist die nicht zu ersetzende, akribische Recherche.

Die Zukunft des Journalismus ist also ohne die vertiefende oder auch enthüllende Recherche undenkbar.

11 Die Grundlagen der methodischen Recherche

Die methodische Recherche ist die Basisrecherche im journalistischen Alltag. Auch sie folgt bestimmten Regeln.

▪ Regel Nr. 1: Ist das Ereignis, die Information, die Erzählung relevant? Das heißt: ist ein öffentliches Interesse festzustellen?

▪ Regel Nr. 2: Ist die Information überprüfbar?

Das heißt: Woher kommt sie, wer hat sie öffentlich gemacht, wieweit ist ein FaktenCheck möglich?

▪ Regel Nr. 3: Welche Art der Recherche ist erforderlich?

Faktencheck, Quellencheck, erweiterte Recherche oder die tiefer gehende Recherche zur Klärung der Fakten, Aussagen oder Behauptungen.

▪ Regel Nr. 4: Rechercheaufwand definieren

Das heißt: Nach Einordnung der Information durch die Bestimmung der Anfangsrecherche eine Recherchierplan erstellen, sich einen Zeitrahmen geben und für eine Methode entscheiden.

▪ Regel Nr. 5: Ergebnisse sammeln und gliedern

Das heißt: Die recherchierten Fakten, die Quellennachweise, die Befragungsergebnisse (wenn erforderlich beider betroffener Seiten), mögliche Augenzeugenberichte, angeforderte Stellungnahmen etc. nochmals auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen und für die Story (Meldung, Reportage oder Dokumentation) in einen logischen Zusammenhang zu bringen.

▪ Regel Nr. 6: Den Artikel schreiben, den Film-Schnitt und -Text endfertigen

Das heißt: Die vorliegenden Rechercheergebnisse werden in der letzten Überprüfung vom Autor (Journalist) in verständliche Sprache umgesetzt, logisch nachvollziehbar und für die Leser/Zuschauer leicht konsumierbar.

Zu Regel Nr. 3:

(3.1) Der Faktenund Quellencheck sind grundsätzliche Recherchen. Folgen Journalisten diesem Gebot nicht, werden sie auf Dauer keinen Erfolg mit ihrer Arbeit haben.

Wann wird eine weiterführende Recherche notwendig?

(3.2) Die Überprüfte Meldung: Der Redaktion wird ein Unfall gemeldet, bei dem zwei Schwerverletzte aus den Autowracks geborgen wurden. Das „Was?“, „Wann?“, „Wo?“ ist damit zunächst klar. Liegen zwischen dem Unfall und der Veröffentlichung mehrere Stunden, wird die Nachfrage nach dem Zustand der Verletzten erforderlich. Der Redakteur wird recherchieren, wie es den Unfallopfern geht, ob sie am Leben sind.

Die überprüfte Meldung stellt also sicher, ob die Informationen durch einen zeitlichen Abstand zwischen Ereignis und Veröffentlichung noch gültig sind oder ob Veränderungen eingetreten sind.

(3.3) Die Fragen nach dem „Wie ist es passiert?“ und „Warum?“, gehören auch bei der überprüften Meldung in diesem Beispiel bereits in die Recherchekategorie „Hypothese“, also Information plus Sinnzusammenhänge und Einschätzungen im Rahmen der methodischen Recherche. Damit ist erwartungsgemäß bereits mehr Zeit und Aufwand verbunden.

Zu Regel Nr. 4:

Zur methodischen Recherche gehört also auch die tiefer gehende Recherche.

(4.1) In einer Pressekonferenz stellt das Sozialreferat einer Stadt die Entwicklung der Kindertagesstätten vor und unterstreicht besonders den „erheblichen“ Zuwachs von Betreuungsplätzen. Gleichzeitig ist bekannt, dass viele Eltern erfolglos nach Kindergartenplätzen suchen. Eine Diskrepanz, die Aufklärung verlangt.

Der Journalist wird sowohl im Sozialreferat der Stadt recherchieren, Zahlen und Fakten ermitteln und Interviews führen. Er wird auch die Odyssee von Betroffenen auf der Suche nach Betreuungsplätzen nachverfolgen. Erst am Ende der Recherche, der Zusammenführung der Ergebnisse und Einschätzungen wird die eigene, weitgehend objektive Geschichte daraus.

(4.2) Ein Pharmakonzern stellt ein neues Medikament vor, dem der Hersteller wahre Wunder in der Heilung prognostiziert.

Der sorgfältige Journalist wird dies zunächst in Frage stellen. Hier beginnt die

Recherchearbeit.

(4.3) In der Elbmarsch bei Hamburg erkranken auffällig viele Kinder an Krebs. Vermutet wird ein Zusammenhang mit dem dortigen Kernkraftwerk „Krümmel“ und einer daran grenzenden Kernforschungsanlage. Eine Expertenkommission wirft nach 6 Jahren Arbeit ergebnislos das Handtuch.

Der Rechercheansatz für den Journalisten ist die Tatsache, dass die Untersuchungskommission völlig zerstritten ist. Es gilt herauszufinden, weshalb die Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und weshalb offensichtlich von den Betreibern der Atomanlagen Tatsachen verschwiegen oder geleugnet wurden.

Die Recherche in allen drei Fällen erfordert Mut, Standhaftigkeit und ein hohes Maß an Verantwortung. Nur was mit Fakten zu belegen ist, wird Eingang in die Geschichte, die Story finden.

 
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