< Zurück   INHALT   Weiter >

3 Historische Entwicklung der Zeitungen

3.1 Einblattdrucke und Flugschriften

Was Gutenbergs Erfindung von 1445 den Menschen gebracht hat, wird Mitte des 15. Jahrhunderts deutlich. Pressedrucke im eigentlichen Sinn erschienen: die Einblattdrucke und Flugschriften. Dabei handelte es sich um lose, nicht periodisch erscheinende Druckerzeugnisse, in denen beliebige Ereignisse und Gegenstände thematisiert wurden. Die Flugschrift hat – im Gegensatz zum Ein-Blatt-Druck – mindestens vier Seiten. Für den Wortbestandteil

„Flug“ gibt es zwei Erklärungen: Er bezieht sich zum einen darauf, dass die Blätter der Flugschrift nicht gebunden sind, und zum anderen auf ihre schnelle, manchmal auch illegale Verbreitung.

Die meisten Flugschriften und Flugblätter erschienen in großen Städten. Sie wurden in Handelsund Nachrichtenzentren verkauft, vor allem in Nürnberg, Straßburg, Frankfurt und Augsburg. Die Flugschriften gehörten zu den ersten Medien der Massenkommunikation und gingen den Tageszeitungen direkt voraus. Sie dienten zur aktuellen Information in kurzer, prägnanter Form und wurden zur politischen Propaganda und zur religiösen Ermahnung benutzt. Aufgrund ihrer propagandistisch-agitatorischen Intentionen wurden Flugschriften zum „Druck“-Mittel für gesellschaftliche Veränderungen. Besonders in der Zeit der Reformation spielten sie eine wichtige Rolle im öffentlich geführten Streit der Konfessionen. Sie publizierten damals schon kontroverse Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen und versuchten, das Meinungsbild zu beeinflussen. Es war neu, dass Beeinflussung nicht mehr nur mündlich stattfand, etwa durch den Prediger von der Kanzel herab, und nicht mehr an einen Anlass gebunden war.

Martin Luther nutzte Flugschriften, um seine reformatorischen Ideen an die Öffentlichkeit zu bringen. Allein Luthers Adelsschrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ von 1520, die mit einer Auflage von 4 000 Stück erschien, war schon nach wenigen Tagen vergriffen. Aber auch andere Persönlichkeiten verfassten Flugschriften, zum Beispiel der Reformationsgegner Johannes Eck sowie der Theologe und Bauernführer Thomas Müntzer. Zudem sind Künstler der Reformationszeit, wie Hans Sachs und Albrecht Dürer, als Verfasser von Flugschriften bekannt. Man kann sagen: In der Reformationszeit hatte die Flugschrift Konjunktur. Nach 1525 dienten Flugschriften dann überwiegend Kanzleien und Theologen, um für ihre „wahre“ Richtung zu werben. Zwischen 1500 und 1530 erschienen etwa 10 000 Flugschriften mit religiösen und/oder politischen Aussagen. Oft wurden gegnerische Auffassungen mit Kritik und Satire verspottet.

Flugschriften waren nie um Objektivität bemüht, sondern waren (und sind es auch heute noch) ein typisches Protestmedium. Sie sind daher mit heutigen politischen Pressemitteilungen, Info-Broschüren von Interessenverbänden oder Positionspapieren von Parteien vergleichbar. Sie zeichnen sich durch Einfachheit in der Herstellung und Verbreitung aus, zeigen große Illustrationen und Bilder, erscheinen oft einmalig und sprechen den Rezipienten unmittelbar an, etwa mit Aufforderungssätzen oder Fragen.

Die Flugschrift war in der Reformationszeit nicht kostenlos. So soll Thomas Müntzer Einnahmen aus seiner publizistischen Tätigkeit gehabt haben. Und von Martin Luther heißt es, dass er mit den Schriften zeitweise doppelt so viel verdiente wie mit seiner Tätigkeit als Pastor.

Gerade weil heute kaum noch ein Mensch bereit ist, für politische Agitation zu bezahlen, muss man sich fragen, warum dies zu Luthers Zeiten offenbar anders war. Der Grund: Die Nachrichten hatten damals einen viel höheren Wert als heute, da aufgrund eines ungehinderten Informationszugangs eine Neuigkeit schon nach wenigen Minuten weltweit verbreitet und damit keine Neuigkeit mehr ist. Damals aber gab es nur wenige Informationsquellen, die Menschen hungerten nach jeder Art von Information – und waren bereit zu zahlen. Dennoch erreichten die Flugblätter und Flugschriften nur einen kleinen Teil der Bevölkerung: Der Prozentsatz jener, die damals lesen konnten, lag bei 10 bis 15 Prozent.

Flugschriften agitierten aber nicht nur – durch die Popularität des „neuen Mediums“ wurde im Heiligen Römischen Reich 1529 die Zensur eingeführt. Die Obrigkeit hatte sich zu häufig angegriffen und diffamiert gefühlt und wollte demzufolge Kontrolle über verbreitetes Schriftgut.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >