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5.3 Zeitungen in der Besatzungszeit

Nach Kriegsende 1945 schufen die Siegermächte die Grundlage für den vollständigen Neuaufbau des Pressewesens sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der Deutschen Demokratischen Republik. Die Umgestaltung der deutschen Medienlandschaft lief in den einzelnen Besatzungszonen unterschiedlich. Konkrete Richtlinien für die Pressepolitik wurden am 16. April 1945 im „Handbook for the Control of German Information Services“ vorgelegt. Ziel war es, nationalsozialistisches Gedankengut abzuschaffen, wozu die Beseitigung der gesamten traditionellen Presse als notwendig erachtet wurde. Das „Handbook“ sah folgenden Fahrplan vor: Zunächst das Verbot aller deutschen Medien, dann die Herausgabe alliierter Heeresgruppenzeitungen und ferner die Genehmigung neuer deutscher Lizenzzeitungen.

Zur Beseitigung des nationalsozialistischen Einflusses sollten Journalisten sowie die Altverleger Berufsverbot erhalten, die seit 1933 in Deutschland gearbeitet hatten. Fast alle traditionellen Tageszeitungen mussten auf Anweisung der Besatzungsbehörden schließen, einige wenige konnten jedoch für einige Tage bis Wochen unter ihrem Namen wieder erscheinen, meist waren sie inhaltlich auf lokale Berichterstattung und Bekanntmachungen beschränkt. Auch die übrigen Maßgaben, insbesondere das Berufsverbot für Journalisten, wurden nicht konsequent umgesetzt.

Die Entwicklung in den einzelnen Besatzungszonen verlief unterschiedlich. So war es Ziel der Amerikaner, das amerikanische Pressesystem als Vorbild für eine unabhängige und freie Presse in Deutschland zu installieren. Um dies zu ermöglichen, war nach Ansicht der amerikanischen Besatzer allerdings zunächst eine tiefgreifende Umerziehung des deutschen Volkes nötig. Man wollte demokratisches Denken verankern und so das Wiederentstehen von Nazismus, Militarismus und Rassismus verhindern. Des Weiteren sollte jegliche Unterwanderung der Presse durch Interessengruppen, seien sie wirtschaftlicher oder parteipolitischer Art, verhindert werden. Keinesfalls durfte es zu Einflüssen seitens der deutschen Regierung kommen; um dies zu verhindern sollten in den nächsten Jahren wirksame Pressegesetze erlassen werden, die die Unabhängigkeit der deutschen Presse garantieren konnten.

Doch trotz aller Bemühungen um weltanschaulich heterogene Redaktionen und Verlegergruppen bildeten sich in der amerikanischen Zone bald ideologisch ausgerichtete Blätter heraus. Amerikanische Presseoffiziere betrieben nur eine geringe Nachzensur, die Militärverwaltung gab aber Direktiven heraus, die die Behandlung von Tabuthemen, beispielsweise Streit zwischen den Alliierten, verboten und die Trennung von Nachricht und Meinung sowie die Abkehr von Nazisprache durchsetzen sollten. Ab Juli 1947 war allerdings Kritik an den Sowjets zugelassen. Bis 1948 wurden 56 Zeitungen mit 112 Nebenausgaben lizenziert. Zunächst erschienen die Zeitungen wegen Papierknappheit zweimal wöchentlich mit durchschnittlich fünf Seiten. Dennoch wurden die Lizenzzeitungen wegen ihrer Monopolstellung wirtschaftliche Erfolge. Die britische Militärverwaltung stützte sich bei ihrer Lizenzierung auf die inzwischen gebildeten deutschen Parteien. Im Gegensatz zu den Amerikanern erlaubte man schon 1945 parteinahe Zeitungen (SPD, KPD, CDU, FDP) mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren. Die Briten wollten nicht durch die innere Pluralität in den Redaktionen, sondern durch die Konkurrenz der Zeitungen verschiedener Ausrichtungen die Meinungsvielfalt sichern. Wegen Papierknappheit und zerstörter Druckereien kam die Lizenzierung in der britischen Zone nur langsam voran. Eine der ersten lizenzierten Zeitungen war im Januar 1946 die „Braunschweiger Zeitung“. Die Militärverwaltung betrieb eine besonders intensive Nachzensur, die aber bei der Masse der Blätter kaum effektiv wirkte. 1947 existierten 40 Lizenzzeitungen. Kritik an Versorgungslage, Militärbehörde und Sowjets konnte in der britischen Zone kaum unterdrückt werden. Zunehmend begannen die Briten zu spüren, dass Zeitungen zu Parteiblättern verkamen. Sie betrieben daher ab Mitte 1946 verstärkte Weiterbildungsinitiativen für Journalisten und gründeten die Agentur Deutscher Pressedienst DPD, die ihren Sitz in Hamburg hatte und später in der Deutschen Presse Agentur aufgegangen ist.

Die Franzosen orientierten sich grundsätzlich an den britisch-amerikanischen Vorgaben. Sie begannen am 4. August 1945 mit der Lizenzierung, das erste Lizenzblatt war der „Mittelrhein-Kurier“. Es galt grundsätzlich das Prinzip der ideologisch heterogenen Redaktionen, allerdings setzten die Franzosen stärker als die anderen Westalliierten Kontrolloffiziere in den Redaktionen ein. Bis 1948 wurden insgesamt 29 Zeitungen lizenziert, ab Ende 1945 wurden auch Partei-Zeitungen zugelassen. Ab dem Frühjahr 1949 ging das Lizenzierungsverfahren auf den Zeitungsverlegerverband über.

Die Sowjets begannen früh mit der Schulung von deutschen Exilkommunisten als Kader für den Medienaufbau. Seit Juli 1943 gab das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) die deutsche Wochenzeitung „Freies Deutschland“ heraus und betrieb Radiosender in der Sowjetunion, beides zunächst vor allem als Mittel der psychologischen Kriegführung. Hauptziel war anfangs, deutsche Soldaten zum Überlaufen auf die sowjetische Seite zu veranlassen.

Nach Kriegsende nahmen die kommunistischen Kader die Arbeit auf. Sie gingen wie die Westalliierten von zum Nationalsozialismus verführten Massen aus und sollten diese über NS-Verbrechen und die Kriegsschuld aufklären. Anders als bei den Presseoffizieren der Westalliierten, die ein pluralistisches Leitbild für die deutsche Presselandschaft verfolgen sollten, gab es für die kommunistischen Funktionäre einen klaren ideologischen Auftrag zur Umformung der Weltanschauung in Richtung Sozialismus.

Doch die aus Moskau kommende Führungsschicht hatte mit einem offenbar nicht gerechnet: Als der Wiederaufbau anlief, konnte dies nur dezentral und ohne Rücksicht auf zentralistische Politikvorstellungen erfolgen. Außerdem traf die Rote Armee vielerorts auf ein breites Spektrum an Ausschüssen, die die kampflose Besetzung erleichtern und beim Aufbau mitwirken wollten. Die Ausschüsse waren Sammelbecken für Männer und Frauen, die sich gegen Faschismus und Reaktion bekannten. Sowjetische Kommandeure arbeiteten mit den Komitees zusammen. Die Kommunikation zwischen Besatzungsmacht, örtlichen Verwaltungen und Bevölkerung musste hergestellt werden, Informationen zur Organisation des täglichen Lebens, wie der Verfallsdauer von Lebensmittelmarken und der Dauer der Ausgangssperre und des Wiederaufbaus, mussten veröffentlicht werden. Um den Aufbau zu beginnen, Befehle zu erteilen und die Aufhebung alter NS-Gesetze bekannt zu geben, brauchte es verlässliche, lokale Informationsquellen. Deswegen erschienen kurz nach Kapitulation im sowjetisch besetzten Gebiet – hier vor allem in Sachsen und natürlich im unbesetzten Gebiet um Schwarzenberg – zahlreiche kleine Zeitungen. Zum einen waren dies Wiedergründungen einst bestehender Zeitungen. Hierzu zählen das „Annaberger Tageblatt“, das „HohensteinErnstthaler Tageblatt“, aber auch das „Tageblatt für Penig und Lunzenau“. Zum anderen kamen Neugründungen heraus, die von antifaschistischen Ausschüssen und kommunistischen Komitees initiiert worden waren, zu nennen wäre etwa die „Volksstimme Meißen“. In Waren erschien „Die Rote Fahne“. Wie zu erwarten, betonten diese und andere Zeitungen die Bedeutung der Roten Armee und Stalins für die Befreiung Deutschlands. Die einzige Neugründung, in der sich nach Stefan Matysack keine politische Instrumentalisierung nachweisen lässt, waren die „Chemnitzer Nachrichten“. Die Blätter wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht im Großen und Ganzen bis Sommer 1945 genehmigt bzw. toleriert. Die unterschiedliche Genehmigungspraxis und Vielfalt in der Presselandschaft in der SBZ unmittelbar nach dem Krieg deutet nicht darauf hin, dass es zentrale Weisungen zum Umgang mit der deutschen Presse gab. Ein Befehl, der flächendeckend die generelle Einstellung aller Verlagstätigkeiten anordnete, konnte in den Archiven bislang nicht gefunden werden.

Das Ende dieser lokalen Presse in Ostdeutschland kam schon bald. Die Kader der KPD waren damit beschäftigt, eine zentrale politische Steuerung aufzubauen und unabhängige antifaschistische Aktivitäten zu unterbinden. Wie die Westalliierten lehnte auch die Rote Armee einen von unten initiierten Wiederaufbau ab, da dieser weniger kontrollierbar war. Die Bekämpfung dezentraler Politik ging einher mit der Ausweitung zentral redigierter Tageszeitungen, die direkt von den Heeresgruppen der Roten Armee und den Landesleitungen der KPD, SPD und CDU herausgegeben wurden. Das Ende der Pressevielfalt nach dem Krieg in der SBZ kann auf August 1945 terminiert werden.

Die Druckereien gingen an die SBZ-Verwaltung über, die den Druck von Zeitungen organisierte. Neben den kleinen Lokalblättern war von Anfang an nach dem Krieg die „Tägliche Rundschau“ erschienen, ein Blatt der sowjetischen Militäradministration SMAD. Die „Tägliche Rundschau“ bezeichnete sich selbst als „Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung“. Sie erschien bis Ende Juni 1955 mit dem Untertitel „Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur“. Ihre propagandistischen Aufgaben wurden von der SED-Zeitung „Neues Deutschland“ und anderen DDR-Parteizeitungen später übernommen.

Die Sowjetische Militäradministration übte strenge Zensur aus. In den örtlichen Kommandanturen waren dafür Presseoffiziere, meist im Hauptmannsoder Majorsrang mit in der Regel sehr guten Deutschkenntnissen, eingesetzt. Während die Zeitungen der Sozialistischen Einheitspartei (SED) sich mit Selbstzensur an die vorgegebenen Sprachregelungen für die Berichterstattung („Parteilinie“) hielten, unterlagen die Blätter der sogenannten Blockparteien CDU, LDPD und NDPD der Vorzensur. In der Praxis musste ein dafür bestimmter Redakteur vor Beginn des Druckprozesses die Seitenabzüge der nächsten Ausgabe in der Kommandantur vorlegen und sich die Imprimatur erteilen lassen.

Organisatorisch bestand die „Verwaltung für Propaganda und Zensur“ und später die Verwaltung für Information als Teil der Sowjetischen Militäradministration SMAD. Mit der Gründung der DDR 1949 war die „Gleichschaltung“ der Presse und die Verstaatlichung der Medien und Druckereien soweit abgeschlossen, dass die Vorzensur abgeschafft und durch subtilere Formen der Zensur abgelöst wurde.

 
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