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5.6 Die Presse Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung

Die Unsicherheit, die im Laufe der politischen Wende in den DDR-Redaktionen einsetzte, währte nicht lange. Denn schon im Laufe des Jahres 1990 entstanden Kontakte zu westdeutschen Verlagen, die großes Interesse am Kauf der Zeitungen in der DDR bekundeten. 1991 verkaufte die Treuhandanstalt die ostdeutschen Zeitungen und Zeitschriften. Den Zuschlag bekamen ausschließlich westdeutsche Verlage. Da die schon zu DDR-Zeiten führenden Tageszeitungen, die früheren SED-Bezirkszeitungen, beim Verkauf nicht geteilt wurden, blieb deren monopolartige Stellung in Ostdeutschland bis heute erhalten. Dazu kam, dass aufgrund kartellrechtlicher Vorgaben die neuen Eigentümer die kleinen, inzwischen ebenfalls erworbenen ehemaligen Blockzeitungen im Verbreitungsgebiet – ohnehin defizitäre Unternehmen – einstellen mussten. Dies zementierte Konzentrationsentwicklungen.

Die hohen Auflagen – die Regionalzeitung mit den meisten Abonnenten war die in Chemnitz erscheinende „Freie Presse“ mit rund 600 000 Lesern – konnten freilich nicht gehalten werden. Das hat zum einen demografische Gründe. Zum anderen stellte sich heraus, dass ein nicht unerheblicher Teil der Auflage auch an Betriebe, Massenorganisationen und Vereine ging, die gleich nach der Wende ihre Abos kündigten, zum Teil, weil sie sich selbst auflösten. Die Verlage im Gegenzug mussten unter erheblichen Kraftanstrengungen ein eigenes Vertriebssystem aufbauen, da sie zunächst keine Abonnentendaten besaßen.

Zwar gründeten andere (zumeist kleinere) westdeutsche Verleger zu Beginn der 1990erJahre eine Vielzahl von Lokalzeitungen. Diese mussten jedoch zumeist wieder eingestellt werden, meist aus wirtschaftlichen Gründen. Denn bemerkenswerterweise gelang es den früheren SED-Zeitungen trotz ihrer Vergangenheit, das Vertrauen der Leser in der Zeit der politischen Erneuerung zu erhalten bzw. neu aufzubauen. Die Leser verhielten sich konservativ und blieben ihren alten Blättern treu. Die Anzeigenkunden setzten auf Auflagenhöhe und verschmähten die kleinauflagigen neuen Titel. Auch deshalb scheiterten Verleger mit Neugründungen von Zeitungen.

Von den zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990 entstandenen 30 alternativen Zeitungen existierten im Oktober 1991 nur noch drei. Den Zeitungen der ehemaligen Blockparteien, die schon zu DDR-Zeiten eine marginale Rolle gespielt hatten, erging es nicht besser. Ihr Auflagenanteil ging bei der Regionalpresse von neun Prozent nach der Wende auf 2,8 Prozent im Mai 1992 zurück. Das bedeutete, dass elf der 14 Zeitungen ihr Erscheinen einstellen mussten.

Zu den wenigen Neugründungen im Bereich Publikumszeitschriften im Osten zählten nach der Wende die „Gute Idee“, die 2004 zweimonatlich erschien und sich an 25bis 45-jährige Ostdeutsche richtete, die sich nach Aussagen des Chefredakteurs „nicht mehr über die DDR definieren“, sondern nach vorne schauen wollen. Die Zeitschrift hatte eine Druckauflage von 50 000 Exemplaren. Erfolgreicher ist der „Spiesser“. Letzterer hat eine Druckauflage von einer Million Exemplaren und soll Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren ansprechen. Er erscheint fünf Mal im Jahr und liegt bundesweit an über 19 000 Auslagestellen in eigenen Displays und Standsystemen aus. Auf ein rein ostdeutsches Publikum zielt nicht zuletzt die „SUPERillu“, eine bunte, wöchentlich erscheinende Zeitschrift. Sie ist hervorgegangen aus der gescheiterten Boulevardzeitung „Super!“.

 
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