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Mediengeschichte Hörfunk

Das Radio ist das erste ausschließlich auditive Massenmedium unserer Medienkulturgeschichte. Einzuordnen ist es „als das Leitmedium der deutschen Medienkultur“ zwischen seinen Konkurrenten Film (als Vorgänger) und Fernsehen (als Nachfolger). In den Anfangszeiten orientierte man sich bei der Verwendung des Radios am Vorbild des Telefons. Der Unterschied zwischen beiden Apparaten bestand darin, dass im Gegensatz zum verdrahteten Telefon mit dem Radio eine drahtlose Signalübermittlung möglich war. Die damalige Nutzung des Telefons unterschied sich dabei grundlegend vom heutigen Gebrauch. Es gab speziell eingerichtete Hörräume, in denen man gegen Bezahlung über Telefon beispielsweise einer Opernaufführung zuhören konnte. Diese Funktion, eine Quelle an viele Empfänger zu vermitteln, kam nun dem Radio zu; das Telefon entwickelte sich zum Gerät für die private Kommunikation. Die Entwicklung des Radios zu dem Medium, wie wir es heute kennen, war ein langwieriger Prozess, wie der folgende Abriss der deutschen Hörfunkgeschichte verdeutlichen wird.

1 Die Anfänge des Hörfunks

Die Jahre 1920 bis 1924 gelten als die Gründungsjahre des Hörfunks sowohl in Deutschland als auch in Europa und den USA. Der Streifzug durch die Geschichte des Hörfunks beginnt dabei mit seiner Vorgeschichte. Die wichtigsten Entdeckungen und Konzepte stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Den Grundstein für die Rundfunkentwicklung legte die Entdeckung der drahtlosen Telegraphie (Funktelegraphie) mittels elektromagnetischer Wellen durch den deutschen Physiker Heinrich Hertz in den Jahren 1886 bis 1888. Mit der drahtlosen Telegraphie konnten erstmals Nachrichten über weite Strecken hinweg übertragen werden. Zudem konnte nun auch mit mobilen Empfängern, etwa mit Flugzeugen und Schiffen, kommuniziert werden. Daher wurde die Funktelegraphie zuerst für das Militär und den Schiffsfunkverkehr genutzt.

Viele Wissenschaftler beschäftigten sich in der Folgezeit mit der Erforschung und Weiterentwicklung der Funktelegraphie. Technische Entwicklungen wurden dabei oftmals parallel in verschiedenen Ländern entwickelt. So gilt der Italiener Guglielmo Marconi als Vater der „Radiotelegraphie“ . Ihm gelang 1885 die erste drahtlose Telegraphieverbindung der Welt. Im Jahre 1899 überbrückte Marconi den Ärmelkanal und erreichte mit seiner Technik bereits eine Entfernung von sechzehn Kilometern. 1901 gelang ihm die erste drahtlose Funkverbindung von England über den Atlantik nach Neufundland (der Buchstabe ‚S' im Morsecode).

Der Aufbau der ersten drahtlosen Verbindung in Deutschland gelang dem Elektrotechniker Adolf Slaby und seinem Assistenten Georg Graf von Arco im Jahre 1897. Sie überbrückten zunächst eine Strecke von 500 Metern zwischen der Technischen Hochschule Charlottenburg und der Chemischen Fabrik Beringer in Berlin. Im Herbst 1897 gelang eine Verbindung zwischen Berlin-Schöneberg und Rangsdorf mit einer Reichweite von 21 Kilometern, ein Jahr später konnten sie bereits eine Strecke von über 60 Kilometern von Berlin nach Jüterbog überbrücken.

Mit der drahtlosen Telegraphie war es jedoch nur möglich, Nachrichten mittels Morsezeichen zu übertragen. Bald schon folgten erste Versuche, auch Sprache auf drahtlosem Wege

– der sogenannten drahtlosen Telephonie – zu übermitteln. Eine Voraussetzung dafür war die Errichtung von Versuchssendestellen. Die erste Versuchsanlage in Deutschland wurde im Jahr 1909 in Eberswalde bei Berlin eröffnet, übertragen werden konnte sowohl Sprache als auch Musik. 1916 wurde in Königs Wusterhausen eine zweite Sendestelle eröffnet.

Im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) war der Rundfunk zunächst nur militärischen Zwecken vorbehalten. Hans Bredow und Alexander Meißner unternahmen im Jahre 1917 erste Versuche mit Röhrensendern an der deutschen Westfront, was aus technischer Sicht als Ausgangspunkt des deutschen Rundfunks gilt.

Hans Bredow gilt damit als Begründer des deutschen Rundfunks. Er war 1908 zunächst geschäftsführender Direktor bei Telefunken in Berlin, 1919 wurde er Ministerialdirektor im Reichspostministerium und war ab 1926 Rundfunkkommissar des Reichspostministers und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Reichsrundfunkgesellschaft. In diesen Funktionen hatte Bredow großen Anteil am Aufbau des deutschen Rundfunks zum Massenmedium für die breite Bevölkerung und gilt daher als „Vater des deutschen Rundfunks“. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Regierungspräsident in Wiesbaden und von 1949 bis 1951 Verwaltungsratsvorsitzender des Hessischen Rundfunks.

Die technischen Sendeanlagen, die allesamt der Reichspost gehörten, befanden sich allerdings noch im Entwicklungsstadium. So konnten Nachrichten in der Anfangsphase (1919 – 1922) noch immer nur über Morsezeichen übertragen werden. Dieser Rundfunk war noch nicht für die öffentliche Massenkommunikation bestimmt. Ähnlich einer Nachrichtenagentur wurden zunächst zusammengetragene Informationen an ausgewählte Abnehmer staatlicher oder wirtschaftlicher Bereiche, vor allem Zeitungsverlage, verteilt. Es dauerte noch einige Jahre, bis es zu einer vermehrten Nutzung der Geräte in der Zivilbevölkerung unter dem Aspekt der Schaffung eines neuen Absatzmarktes kam.

Einen offiziellen Sendebetrieb gab es im Deutschen Reich damit zunächst noch nicht – ganz im Gegensatz zu den USA und zu Großbritannien. In den USA gab es bereits seit November 1920 einen regulären privaten Sendebetrieb, in Großbritannien wurden seit Januar 1922 zumindest wöchentliche Versuchssendungen ausgestrahlt.

Eine inoffizielle erste Radiosendung im Deutschen Reich kann auf die Vorweihnachtszeit 1920 datiert werden. Das sogenannte „Weihnachtskonzert für Schwarzhörer“, das aus dem Sendestudio Königs Wusterhausen gesendet wurde, war das erste Live-(Weihnachts-) Konzert der Rundfunkgeschichte. Der Versailler Friedensvertrag verbot das Abhören von Funksignalen in Deutschland, der deutschen Bevölkerung war es daher offiziell nicht erlaubt, das klassische Konzert zu hören. Einige „Schwarzhörer“ übergingen das Verbot, indem sie sich eigene Empfangsanlagen zum Mithören bastelten.

Im Deutschen Reich reichten erst im Mai 1922 zwei Unternehmen, namentlich

„Telefunken“ und die „C. Lorenz AG“, einen Konzessionsantrag auf Erteilung einer Sendeerlaubnis ein. Nur einige Tage später reichte auch die neu gegründete „Deutsche Stunde, Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung GmbH“, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Reichspost, einen Konzessionsantrag ein.

Die „Deutsche Stunde“ plante ursprünglich einen Rundfunkdienst unter dem Titel „Zentralfunk“ bzw. „Saalfunk“, bei dem die Sendungen – ähnlich wie bei Filmvorführungen – von den Zuhörern gemeinschaftlich über große Lautsprecher in speziell eingerichteten Hörsälen, Kinos, Theatern etc. empfangen werden sollten.

Der Antrag der Funkindustrie wurde nach wenigen Monaten zurückgezogen, sodass der Deutschen Reichspost ungehindert das Hörfunkmonopol zukam. Die erste öffentliche, zunächst nur einstündige Radiosendung in Deutschland erklang am 29. Oktober 1923 aus dem VOX-Haus in der Potsdamer Straße 4 in Berlin, das Programm wurde von der „Deutschen Stunde“ bereitgestellt. Gesendet wurde auf der Frequenz 750 kHz mit einer Sendeleistung von 250 Watt, die Antennenlänge betrug 30 Meter. Da der Wirkungsgrad der Antenne noch sehr gering war, mussten weitere Sender mit größerer Reichweite errichtet werden. Im Jahr 1924 wurde der Sender im VOX-Haus abgeschaltet. Berlin wurde später hörfunktechnisch vom Sender Witzleben versorgt. Das VOX-Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1971 gesprengt.

Der Aufbau des deutschen Hörfunks ging von da an zügig voran: Im Jahre 1924 wurde Deutschland in verschiedene Senderegionen unterteilt, in denen private Rundfunkgesellschaften gegründet wurden. Die dezentrale Organisation mit mehreren Standorten wurde aus technischen Gründen gewählt. Insgesamt wurden neun Großstädte für dieses staatlich geknüpfte Rundfunknetz bestimmt, die geografisch gesehen etwa ein gleich großes Sendegebiet versorgen konnten. Ende 1924 wurde zudem die „Deutsche Welle“ (spätere Umbenennung in Deutschlandsender) als Gemeinschaftseinrichtung aller Regionalgesellschaften gegründet; ihr Programm sollte in ganz Deutschland verbreitet werden. Die Programmstarts der Regionalgesellschaften und der „Deutschen Welle“ waren im Einzelnen:

▪ Oktober 1923: Funkstunde AG in Berlin

▪ März 1924: Mitteldeutsche Rundfunk AG (MIRAG) in Leipzig

▪ März 1924: Deutsche Stunde in Bayern GmbH in München

▪ April 1924: Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG (SWR) in Frankfurt/Main

▪ Mai 1924: Norddeutsche Rundfunk AG (NORAG) in Hamburg

▪ Mai 1924: Süddeutsche Rundfunk AG (SÜRAG) aus Stuttgart

▪ Mai 1924: Schlesische Funkstunde in Breslau

▪ Juni 1924: Ostmarken-Rundfunk AG (ARAG) aus Königsberg

▪ Oktober 1924: Westdeutsche Funkstunde AG (WEFAG) in Münster

▪ Januar 1926: Deutsche Welle GmbH in Berlin

Zusätzlich sollten regionale Sendegesellschaften kulturell angepasste Programme produzieren; so entstanden in den folgenden Jahren zahlreiche Nebensender, etwa in Bremen, Dresden, Kassel und Hannover.

Die Startphase privater Radiogeräte kann auf das Jahr 1924 datiert werden. In Berlin eröffnete in diesem Jahr die „Erste Große Deutsche Funkausstellung“, auf der Hersteller wie Siemens, Mende und Telefunken diverse Geräte anboten. Das neue Medium kämpfte zunächst noch mit technischen Problemen: So hatten Radios beispielsweise nur eine ungenügende Verstärkung, viele Modelle konnten zunächst nur mit Kopfhörern betrieben werden.

Das neue Medium verband sich zudem international mit der Frage, was die Radiotechnik überhaupt leisten und wie und vom wem sie genutzt werden könnte. Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, welche technische Neuerung mit dem Aufkommen des Radios in das Leben der Menschen getreten ist und welche Faszination bzw. welche Ängste es bei den Zeitzeugen auslösen konnte. So wurde das Thema Radio zunehmend auch in der zeitgenössischen Kunst aufgegriffen. Ein Beispiel hierfür ist die Geburtstagsmappe für BauhausGründer Walter Gropius: Die Mappe enthält sechs Arbeiten auf Papier der Bauhausmeister László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Georg Muche und Wassily Kadinsky, die sich darin mit dem Phänomen Radio künstlerisch auseinandersetzen. Die „Faszination Radio“ lässt sich weiterhin gut an den verschiedenen Radiotheorien ablesen, die ihre Blütezeit vor allem in den 1930er-Jahren hatten. In den Anfangsjahren des Hörfunks waren es vor allem die Radiomacher wie Hans Bredow, die das Medium in begeistertem Tenor in zahlreichen Vorträgen vorstellten. Aber auch Schriftsteller wie zum Beispiel Bertolt Brecht setzten sich in tiefgreifenden radiotheoretischen Diskursen kritisch mit dem Phänomen auseinander.

Nachdem der Rundfunk allmählich für die breite Bevölkerung zugänglich war, folgten stärkere Kontrollen und Zensurmaßnahmen, um einen eventuellen Missbrauch der Geräte zu vermeiden. Die Radiogeräte sollten weder als Sender noch für den unbefugten Empfang benutzt werden können. Im Jahre 1925 gründeten die neun Regionalgesellschaften daher die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG), an der die Deutsche Reichspost 51 Prozent der Anteile innehatte und die damit die staatlichen Überwachungsmaßnahmen des Rundfunks unterstützte. Rundfunkkommissar des Reichspostministers und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Reichsrundfunkgesellschaft war in den Jahren 1926 bis 1933 der Rundfunkpionier Hans Bredow.

Das Reichsinnenministerium kontrollierte und beeinflusste die Programmgestaltung, die Nachrichten und die politische Berichterstattung. Politische Themen sollten weitgehend aus der Programmgestaltung herausgehalten werden; das Augenmerk lag vor allem auf kulturellen, volkserzieherischen und unterhaltenden Programmen.

Anfang der 1930er-Jahre wurde die Programmkontrolle mehr und mehr von der Regierung übernommen. Im Jahr 1932 kam es schließlich zu einer Reformierung des Rundfunkes unter Reichkanzler Franz von Papen, in der das Medium vollständig verstaatlicht wurde. Den Nationalsozialisten wurden damit die Weichen für die vergleichsweise einfache Übernahme des Rundfunks gestellt; mit der Machtergreifung nur ein Jahr später konnte der Rundfunk als Propagandainstrument genutzt werden.

 
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