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Schwierigkeiten im Prozess der Datenauswertung

Im Rahmen ihres Exposés, welches die Verfasserin beim Promotionsausausschuss an der Goethe-Universität einreichte, musste sie bereits ihr Auswertungskonzept darlegen. Zum damaligen Zeitpunkt beruhte es schwerpunktmäßig auf der Umsetzung der Methodologie der Grounded Theory von Strauss und Corbin (1996). Da Forschung ein erkenntnisleitender Prozess nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der methodischen Ebene darstellt, hat sich das Auswertungsdesign im Verlauf der Untersuchung aufgrund der Anforderungen des Datenkorpus verändert.

Zu Beginn der ersten Einzelfallanalyse wurde – wie bereits dargestellt – schnell offenkundig, dass im sprachlichen Handeln des Akteurs das Argumentieren dominiert. Mit dem offenen Kodieren konnte die Struktur der Argumentation zum Erreichen eines besseren Verständnisses des jeweiligen Aussageereignisses nicht durchdrungen werden, sodass die strukturelle Beschreibung in ihrer Eigenschaft, formale und inhaltliche Analyse permanent in ihrer sequenziellen Abfolge zueinander in Verbindung zu setzen, zum Einsatz kam. Auch hier wurde schnell deutlich, dass die strukturelle Beschreibung, wie sie in biografieanalytischen Studien angewendet wird, nämlich mit dem Fokus auf Erzählungen, nicht eins zu eins übernommen werden konnte, da die narrativen Passagen im Datenkorpus in minimaler Ausprägung auftraten. Der Fokus der strukturellen Beschreibung musste auf die Argumentationen gerichtet werden. Hier stellte sich nun die Frage, auf welcher methodologischen Grundlage die argumentative Ausrichtung der strukturellen Beschreibung erfolgen sollte. Ein zeitintensiver Suchprozess begann, indem sich die Verfasserin mit dem Argumentationsschema von Stephen Toulmin (1975) sowie der logischen Argumentationsanalyse von Klaus Bayer

(1999) auseinandersetzte und die jeweilige Anwendung im Rahmen der strukturellen Beschreibung überprüfte. [1] Durch einen Hinweis ihres Betreuers setzte sich die Verfasserin mit dem Text „Strategische Interaktion im Verwaltungsgericht – eine soziolinguistische Analyse zum Kommunikationsverlauf im Verfahren zur Anerkennung als Wehrdienstverweigerer“ (1978) von Fritz Schütze auseinander. Nach Recherchen der Forscherin zufolge, handelt es sich um den einzigen Beitrag von Schütze, in welchem er sich nur dem Argumentationsschema widmet und die einzelnen Grundaktivitäten des Argumentierens und deren Zugzwänge darlegt. [2] Im Vergleich der drei Vorgehensweisen zur Analyse von Argumentationen, entschied sich die Verfasserin für die Anwendung des Argumentationsschemas nach Schütze, da es ihr nicht darum geht die jeweiligen Argumentationen der interviewten Akteurinnen und Akteure als wahr oder falsch zu identifizieren, wozu die Ansätze von Toulmin und Bayer hätten verwendet werden können. Der Verfasserin geht es vielmehr um die Erkenntnis, wie sich die Spezialdiskurse gestalten, wie Form und Inhalt (unabhängig von der Bewertung von wahr oder falsch) zueinander in Verbindung stehen. Die rekonstruktive Perspektive steht somit im Vordergrund.

Nachdem diese Entscheidung getroffen war, bestand die nächste Herausforderung darin, das Argumentationsschema, welches Schütze im Rahmen eines speziellen Gerichtsverfahrens entwickelt hatte, auf einen anderen Anwendungskontext, nämlich dem des Experteninterviews, zu übertragen und dabei entsprechend den Anforderungen des Datenmaterials weiterzuentwickeln (siehe hierzu ausführlich die Erläuterungen in Kapitel 3.4). Durch die kontinuierliche Anwendung der Argumentationsanalyse während des gesamten Auswertungsprozesses, wurde die Verfasserin nicht nur immer sicherer in deren Anwendung, sie konnte durch die permanente Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial immer wieder neue Erkenntnisse bzgl. der einzelnen Argumentationsaktivitäten, deren Zugzwänge und vor allem bzgl. der von ihr neu entwickelten Grundaktivitäten des Argumentierens gewinnen. Dies führte dazu, dass die Verfasserin nach Abschluss der letzten Porträtierung, in die Überarbeitung aller Einzelfallanalysen übergegangen ist, um in jedes Fallporträt die neuesten Erkenntnisse bzgl. der Methodenanwendung einfließen lassen zu können und zu überprüfen, ob sich dadurch Veränderungen auf der Bedeutungsebene ergeben haben.

  • [1] Die Anwendung der beiden Richtungen ließ die Verfasserin im Rahmen einer Forschungswerkstattsitzung reflektieren
  • [2] Zwar wird das Argumentationsschema als solches in einigen Beiträgen (vgl. Kallmeyer & Schütze 1976; Kallmeyer & Schütze 1977) erwähnt, jedoch wird dort nicht weiter darauf eingegangen, aus welchen kommunikativen Tätigkeiten sich das Schema zusammenstellt
 
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