< Zurück   INHALT   Weiter >

2 Hörfunk unterm Hakenkreuz

Der technische Durchbruch gelang dem Radio in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bedeutete zugleich die Unterwerfung der gesamten deutschen Medienlandschaft. Insbesondere im Hörfunk erkannten die Nationalsozialisten früh das Potential für die Verbreitung ihrer völkisch-nationalistischen Ideologie im Inund Ausland. Zudem stand ihnen der reichsdeutsche Rundfunk – im Gegensatz zur Presse – bereits kurz nach der Machtübernahme als Propagandainstrument zur Verfügung; kurz zuvor war der Rundfunk in der Weimarer Republik zentralisiert und dem Staat unterstellt worden. Der Rundfunk wurde unter den Nationalsozialisten „zum betäubenden Instrument staatlicher Massenbeeinflussung, politischer Ausrichtung, geistiger Abschirmung degradiert.“

Kontrolliert wurde der Rundfunk von dem 1933 gegründeten Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) unter Leitung des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels. Das Ministerium übernahm den bisherigen Aufgabenbereich der Reichspost für den Rundfunk. Die regionalen Rundfunkgesellschaften wurden aufgelöst und gemeinsam mit der Reichsrundfunkgesellschaft dem RMVP unterstellt. Seit 1. April 1934 wurden die Regionalsender als Reichssender bezeichnet und verloren damit endgültig ihre Selbstständigkeit.

Mit der Gründung der Reichskulturkammer (kurz: RKK) im September 1933 schritt die Gleichschaltung und Säuberung der Medien und der Kunst fort. Die „berufsständische Zwangsorganisation“ stand ebenfalls unter der Leitung des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels. Die Reichskulturkammer untergliederte sich dabei in sieben Einzelkammern mit den Zuständigkeiten für Presse, Rundfunk, Film, Theater, Musik, Bildende Künste und Schrifttum. Zum Präsidenten der Reichsrundfunkkammer wurde Horst Dreßler-Andreß ernannt.

In den Kammern wurde die Entscheidung darüber getroffen, wer als Künstler, Intendant, Verleger, Journalist etc. arbeiten durfte und wer nicht. Eine Entlassungsund Vertreibungswelle von Medienschaffenden, die nicht in das ideologische Konzept passten, folgte.

Reichsrundfunkkommissar Hans Bredow reichte Ende Januar des Jahres 1933 freiwillig seinen Abschied ein. Im Oktober begann für ihn daraufhin eine 15-monatige Untersuchungshaft. Auch zahlreiche andere Radiomacher standen von 1934 bis 1935 vor Gericht und mussten sich in Schauprozessen der Nationalsozialisten gegen den Vorwurf der Veruntreuung von Gebühren der Rundfunkteilnehmer vor dem Berliner Landgericht verantworten. Bredows Schauprozess begann am 5. November 1934; er wurde zunächst verurteilt, bis im März 1938 das Verfahren gegen ihn eingestellt wurde. Auch gegen die anderen Radiomacher mussten bald fast alle Anklagepunkte zurückgenommen werden.

Damit die propagandistische Beeinflussung auch möglichst viele Hörer erreichen konnte, sollte es jedem Bürger und jedem Haushalt ermöglicht werden, an den Sendungen des nationalsozialistischen Rundfunkes teilzuhaben. Aus diesem Grund entwickelten die Nationalsozialisten in Massenproduktion günstige Endgeräte, die für jedermann erschwinglich sein sollten. Joseph Goebbels stellte zur Eröffnung der Berliner Funkausstellung am 18. August 1933 erstmals den Volksempfänger „VE 301“ vor. Die Zahl steht dabei für Tag und Monat der Machtergreifung der Nationalsozialisten (30. Januar). Das Gerät kostete nur knapp die Hälfte seiner Vorgängermodelle.

Durch die geringen Verkaufspreise verbreiteten sich die Radiogeräte rasant unter der Bevölkerung; der Rundfunk drang damit als Massenbeeinflussungsmittel in alle Lebensbereiche ein, wie auch am Beispiel des Betriebsfunks zu sehen ist: Der Deutsche Arbeitsfront Empfänger „DAF1011“ beispielsweise war ein Gemeinschaftsempfänger, um den sich die Mitarbeiter der Betriebe während ihrer Arbeitszeit versammeln konnten, um auch bei der Arbeit keine wichtigen Ansprachen und Durchsagen zu verpassen. Die Zahl „1011“ steht dabei für den 10. November, an dem Hitlers Rede aus den Siemenswerken in Berlin im Jahre 1933 im Rundfunk übertragen wurde.

Als drittes politisches Gerät wurde der Deutsche Kleinempfänger „DKE 38“ auf den Markt gebracht. Er erschien 1938 und wurde im Volksmund aufgrund der Omnipräsenz der Ansprachen von Joseph Goebbels im deutschen Hörfunkprogramm auch „Goebbels-Schnauze“ genannt; er kostete 35 Reichsmark. Alle Geräte waren sogenannte „Ortsempfänger“, das heißt sie waren technisch so konzipiert, dass keine ausländischen Sender mit ihnen empfangen werden konnten.

Die Verbreitung des Radios wurde im Nationalsozialismus zudem durch die Wandlung der Programminhalte gefördert. Informierende Sendungen traten immer weiter in den Hintergrund, Unterhaltungssendungen mit leichter Musik waren zum Zwecke der Zerstreuung und Ablenkung der Bevölkerung vor dem Hintergrund politischer Manipulation dominierend. Gesendet wurden unter anderem Führerreden, Reportagen und Berichte von Parteitagen und NS-Gedenkund Heldentagen, Staatsakte und Ausstellungseröffnungen. Im Jahre 1938 wurde der deutsche Rundfunk zum „Großdeutschen Rundfunk“ ernannt. Bis Kriegsende sollte das die Bezeichnung für den NS-Hörfunk in Deutschland sein.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Großdeutsche Rundfunk – genau wie das Pressewesen und andere Medien – als Mittel der Psychologischen Kriegsführung eingesetzt. Im Inland sollte er dafür sorgen, die Kriegsbegeisterung der Deutschen anzufachen und aufrechtzuerhalten und über den Verlauf des Krieges zu berichten. Vor und während des Zweiten Weltkrieges war der Rundfunk nicht nur zur Beeinflussung der eigenen Bevölkerung vorgesehen, sondern auch für die Manipulation der Truppen, der Regierung und der Bevölkerung im feindlichen Gebiet.

Für diese Zwecke errichteten die Nationalsozialisten eigene Auslandssender. Mit diesen Sendern wurde versucht, die Feindbevölkerung von der Richtigkeit des deutschen Handelns zu überzeugen sowie die Kampfkraft des Gegners zu schwächen. Zudem versuchte man, Verbündete für die eigene Sache zu gewinnen.

Auslandssender lassen sich dabei in zwei Kategorien einteilen: Zum einen die Sender, die von offizieller Seite geführt wurden, zum anderen die Geheimbzw. Tarnsender. Ein Beispiel für offizielle deutsche Sender stellt etwa die Rundfunkpropaganda der Nationalsozialisten gegen Frankreich in den Jahren 1939/40 dar:

Das Programm des Reichssenders Stuttgart beispielsweise konnte in den Jahren 1939/40 bis ins Landesinnere Frankreichs empfangen werden. Fast täglich wurde ein französisches Programm ausgestrahlt, in dem unter anderem gefangen genommene französische Soldaten propagandistische Ansprachen hielten. So mussten sie beispielsweise die deutsche Kriegsgefangenenbehandlung loben oder behaupten, Frankreich sei von England zum Feldzug gegen Deutschland provoziert worden und wolle keinen Krieg mit Deutschland, andersherum auch Deutschland keinen Krieg mit Frankreich. Als „Köder“, um die französische Bevölkerung vor die Empfangsgeräte zu locken und zu halten, führte Goebbels Sendungen ein, in denen die Namen der französischen Kriegsgefangenen vorgelesen wurden, nachdem die Propagandaansprachen beendet waren.

Neben den offiziellen Sendern gab es auch eine große Anzahl an Geheimsendern. Diese Sender geben dabei vor, eigene Oppositionssender des jeweiligen Empfängerlandes zu sein. Verfolgt wurde eine Verwirrungsund Panikmachetaktik gegen die gegnerische Bevölkerung, indem beispielsweise Falschmeldungen gesendet wurden. Die Arbeit koordinierte dabei das Büro Concordia mit Sitz in Berlin-Charlottenburg, das dem Auslandsdirektor der Reichsrundfunkgesellschaft unterstellt war, der wiederum den Reichpropagandaminister vor sich hatte. Goebbels selbst wirkte an der Programmgestaltung der Geheimsender mit.

Radio Humanité war ein erfolgreicher deutscher Geheimsender im Zweiten Weltkrieg während des Feldzuges gegen Frankreich. Der Sender behauptete, ein französisch-kommunistischer Untergrundsender zu sein, der sich mit Hilfe eines mobilen Senders frei in Frankreich bewege und aus angeblichen Friedensgründen zu Kriegsdienstund Arbeitsverweigerung aufrief, was in Wahrheit dem Zweck dienen sollte, die französische Kriegswirtschaft im Vorfeld des Westfeldzuges zu schwächen. Linke sollten gegen ihre Regierung aufgehetzt, die Franzosen allgemein in die psychologische Defensive und zu einem Gesinnungswandel getrieben werden.

Auch auf Seiten der Alliierten gab es eine Vielzahl an Geheimbzw. Tarnsendern: Radio Luxemburg beispielsweise wurde im Mai 1940 von den deutschen Truppen besetzt und dem Großdeutschen Rundfunk zugeordnet. Zwischen April und November des Jahres 1944 diente der Radiosender aber den US-amerikanischen Truppen als „Stimme Amerikas“ (Voice of America) und ab Dezember als Tarnsender „Sender 1212“. Den Hörern des Rheinlandes, die diese Frequenzen empfingen, wurde vorgetäuscht, es handele sich dabei um einen deutschen Oppositionssender. Die verbreiteten Nachrichten bestanden dabei sowohl aus Fakten als auch aus Vermutungen und sogar bewussten Fälschungen. Die deutsche Bevölkerung und die Truppen sollten zum Überlaufen bzw. zur Kapitulation veranlasst werden.

Den Nationalsozialisten, allen voran dem Reichpropagandaminister Josef Goebbels, war der mächtige Einfluss, den derartige feindliche Radiosendungen auf die eigene Bevölkerung ausüben konnten, aus eigener Praxis gut bekannt. Scharfe Vorschriften, Erlasse und Strafen sollten daher davor abschrecken, den Kontakt mit einem Feindmedium herzustellen. Bereits am Tag des Kriegsausbruchs am 1. September 1939, dessen Anlass der von der SS inszenierte polnische Überfall auf den Reichssender Gleiwitz war, wurde die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ proklamiert und damit das Abhören von Feindsendern sowie das Weiterverbreiten abgehörter Inhalte strengstens verboten. Der Begriff Feindsender stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und meint alle ausländischen und unerwünschten landeseigenen Radiostationen. Dazu zählten etwa die BBC, Radio Vatikan sowie Radio Moskau.

Ein Beispiel für ein feindliches Programm ist die Radioreihe „Deutsche Hörer!“, die in den Jahren 1940 bis 1945 einmal monatlich in der amerikanischen BBC ausgestrahlt wurde. In den Ansprachen appellierte der deutsche Schriftsteller Thomas Mann, der 1938 ins Exil in die Vereinigten Staaten gegangen war, an die Moral und den Verstand der Bevölkerung seiner ehemaligen Heimat. Die Ansprachen verfolgten allgemein den Zweck, die deutschen Hörer zu demoralisieren und von der Sinnlosigkeit des nationalsozialistischen Krieges zu überzeugen, die Hörer somit – zumindest geistig – zum „Überlaufen“ zu bewegen, aber auch, um die Nazi-Gegner in Deutschland in ihrer Haltung zu unterstützen und zu bekräftigen.

Die Strafen für das Abhören von Feindsendern fielen dabei unterschiedlich hart aus. Sie reichten von bloßen Verwarnungen bei leichten Vergehen bis hin zu Gefängnis oder Zuchthaus und sogar der Todesstrafe. Dennoch wurden im Deutschen Reich vereinzelt weiterhin die Feindsender gehört und deren Botschaften trotz der bestehenden Gefahr weiterverbreitet.

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wandelte sich die Programmstruktur des Rundfunks. Das Programm wurde mit Kulturund leichten Unterhaltungssendungen aufgelockert. Es diente fortan der Entspannung und der Ablenkung der Bevölkerung vom Kriegsgeschehen. Ein fester und erfolgreicher Bestandteil des Programmes war etwa das „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ ab 1939, das eingereichte Musikwünsche der Soldaten sowie persönliche Nachrichten zunächst zweimal, später einmal wöchentlich in den Abendstunden spielte. Durch die Kriegsgeschehnisse stieg zugleich das Bedürfnis nach aktueller Information in der Bevölkerung, weshalb das Programm ständig für militärische Informationen beliebig oft unterbrochen wurde.

Da der Sendebetrieb der Hauptund Nebensender im Deutschen Reich wegen des Personalmangels nach Kriegsausbruch (Dienst beim Militär oder den Rüstungsbetrieben) nicht mehr uneingeschränkt weiterbetrieben werden konnte, wurde ab 9. Juni 1940 über alle Reichssender ein überwiegend einheitliches Programm ausgestrahlt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges verringerten sich die Erfolgsmeldungen in der Kriegsberichterstattung (z. B. Afrikafeldzug), Musikund Unterhaltungssendungen zur Beruhigung der verängstigten Bevölkerung wurden dafür ausgedehnter. Mit Durchhalteappellen sollte das Volk optimistisch gestimmt und entgegen der hoffnungslosen militärischen Situation der Glauben an den Sieg aufrechterhalten werden. Der „Sender Werwolf“ beispielsweise strahlte ab 1. April 1945 Rundfunksendungen aus, welche die Bevölkerung der bereits von den Alliierten besetzten Regionen zum Durchhalten und zu Widerstandshandlungen gegen die Besatzer aufrief – allerdings mit wenig Resonanz in Anbetracht des nahenden Kriegsendes und der Kriegsmüdigkeit der Deutschen. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang auch Goebbels Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 („Wollt ihr den totalen Krieg?“).

Nach Hitlers Tod am 30. April 1945 gab es im Deutschen Reich nur noch den Hauptsender Hamburg, den die Briten am 3. Mai 1945 besetzten, sowie Radio Flensburg, der als letzter deutscher Sender auch noch kurz nach der deutschen Kapitulation bis zum Eingreifen der Briten das Reichsprogramm ausstrahlte. Damit war das Ende des Großdeutschen Rundfunks gekommen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >