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5 Web 2.0 – „Das Mitmachnetz“ (2006 – 2010)

Primär zwei parallele Einflüsse verändern die journalistischen Onlinemedien ab etwa 2006. Zum einen beginnen die Verlage den Online-Journalismus ernst zu nehmen und zum anderen bringt das Web 2.0 völlig neue Einflüsse mit sich, mit denen sich vor allem die OnlineVerleger auseinandersetzen müssen.

5.1 Technologische und strukturelle Voraussetzungen

Während der letzten Jahre haben sich verschiedene Standards offener Webtechnologien (AJAX, XML, RSS) herausgebildet, die in Verknüpfung neue Möglichkeiten für Programmierung und Anwendungen bieten. Viele dieser Techniken wurden aber bereits viel früher entwickelt. Hettler kommentiert die Veränderung wie folgt: „Web 2.0 ist vor diesem Hintergrund weniger als ein Begriff für eine ‚technologische Ära' zu verstehen, als vielmehr der Ausdruck einer veränderten Wahrnehmung altbekannter Techniken.“ Warum soziale Medien erst ab etwa 2006 von einer breiteren Bevölkerung wahrgenommen werden, hat zudem noch zwei weitere wichtige Gründe. Diese Entwicklung ist teils auf die Steigerung der Datenübertragungsraten zurückzuführen. Die Zugriffsgeschwindigkeiten eines analogen Modems von 56 Kilobit pro Sekunde hatten diese Anwendungen noch nicht ermöglicht. Erst mit Breitband-DSL-Anschlüssen und Empfangsgeschwindigkeiten ab 768 Kilobit pro Sekunde konnten neue Anwendungen realisiert werden. Im Jahr 2009 waren 56 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 14 und 64 Jahren an Breitband-Internet angeschlossen. Ein weiterer wichtiger Grund ist die Senkung der Internetkosten. Die Einführung von Flatrates ermöglichte es erst, manche Webapplikationen für die breite Masse sinnvoll nutzbar zu machen.

5.2 Die Online-Redaktion: Vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger

Seit 2006 kann man von einer Wende im Bereich der „alten“ Medien und ihrer Online-Auftritte sprechen. Sie werden selbst und nutzen gleichzeitig „neue“ Medien. Nach und nach begannen die Verlage, ihre Print-Redaktion auf Veränderungen und Umstrukturierungen vorzubereiten. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, formulierte als erster für eine große Tageszeitung die Parole „Online First“: „Die publizistischen Inhalte werden sofort im Internet veröffentlicht – bevor das Zeitungspapier belichtet ist. Es bedeutet, unsere Nachrichten nach den Bedürfnissen des Web zu veröffentlichen und weniger im Rhythmus und der Erwartung einer gedruckten Zeitung.“ Auch in deutschen Verlagsund Zeitungshäusern begann sich der sogenannte Newsroom durchzusetzen, in dem die Inhalte gebündelt für Print und Online produziert werden sollen und ein Austausch zwischen den Redakteuren unproblematisch und schnell vonstattengehen soll. Das Internet beginnt den Redaktionsalltag zu verändern. Nicht überall in den Printredaktionen stoßen die Entwicklungen auf Freude. Jedoch wird seitdem in deutschen Verlagsspitzen das Online-Medium journalistisch ernst genommen. 2007 wurden viele Online-Chefredaktionen mit erfahrenen Ressortleitern aus Print besetzt. „Wir Online-Redakteure sind in wenigen Monaten von den Sorgenkindern zu Hoffnungsträgern geworden“, bemerkt Jochen Wegner dazu, der Chefredakteur von Focus Online. Doch diese Hoffnungsträger müssen natürlich auch finanziert werden. Eine Online-Redaktion der Verlage und Unternehmen, die sieben Tage die Woche aktuelle Nachrichten verarbeitet, kostet viel Geld.

Um potenzielle Leser im Netz anzusprechen, hat es eines Umdenkens bedurft. Es zählen nicht mehr schwarz-weiße Zeitungsseiten mit dem klassischen Zusammenspiel aus Überschrift, Vorspann und Bildunterschrift. Internetseiten sind bunter, im wahrsten Sinne des Wortes vielseitiger, abwechslungsreicher, multimedial. Bilderstrecken, Audio-Slide-Shows oder kurze Videobeiträge sind im Netz viel angebrachter mitunter als „nur“ ein Artikel. „Diese Logik setzt sich im Online-Journalismus erst langsam durch, denn das Muttermedium – und die meisten Nachrichtenportale sind Töchter von gedruckten Marken – prägt bislang noch stark die Online-Berichterstattung, auch wenn welt.de und spiegel.de ihre Textlastigkeit im ersten Quartal 2008 deutlich verringert haben und das Unternehmen Holtzbrinck mit zoomer.de den expliziten Versuch startet, ein Nachrichtenportal mit einem multimedialen Angebot aufzubauen, weil ein jüngeres Publikum in einem spielerisch medienkonvergenten Umfeld aufgewachsen ist und eine solche Aufarbeitung auch von ihrem Portal erwartet.“ Um den Journalismus und sein Angebot im Bereich der immer größer werden Anzahl von Onlinemedien dennoch zu etablieren, wurden von den einzelnen Unternehmen verschiedene Modelle erprobt. Während der Springer Verlag auf den integrierten Newsroom setzt, der Print und Online gleichermaßen bedient, bindet faz.de einige ihrer Online-Redakteure an die Print-Ressorts, um die Bereiche zu vernetzen. Bei der Verlagsgruppe Holtzbrinck arbeitenen die Online-Journalisten mit dem Newsportal für junge User, zoomer.de, zusammen und versorgen zwei Portale aus einer Redaktion.

 
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