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5.4 Die Onlinemedien beginnen selbst Social Media zu nutzen

2009, also 4 Jahre nachdem Social Media das Internet erobert hatte, benutzen zum ersten Mal auch Onlinemedien „Social Media“, um mit Lesern Meinungen auszutauschen und Diskussionen anzuregen. Zur Bundestagswahl 2009 aktivierte Spiegel Online einen Twitter-Account und eine eigene Facebook-Seite, um Nutzer zu erreichen. Das Netz ermöglicht den Menschen spontane Interaktivität; es sind schnelle Reaktionen möglich. Das, was in den USA und anderen Teilen der Welt schon viel weiter fortgeschritten ist, geht in Deutschland nur zögerlich voran. „Das Prinzip lautet: Lean back – lean forward. Zurücklehnen und konsumieren, dann sich vorbeugen und agieren – immer im Wechsel ohne großen Aufwand.“ Laut einer Nielsen-Studie liegen die Länder Brasilien, Italien, Spanien, Großbritannien und die USA vor Deutschland, was die Nutzung sozialer Netzwerke und die Interaktion im Internet angeht. Ziel ist es, in Zukunft klassische Medien und klassischen Journalismus mit Social Media und neuen Möglichkeiten in Verbindung zu bringen – per Kommentarfunktion, Foren, Chats, Umfragen, Aufruf zum Mitmachen, interaktiven Darstellungen wie Karten und Fotos, Videos, Spielen, sogenannten „Tagclouds“ (Schlagwortwolken) und ganz besonders die Anbindung an alle gängigen Social-Web-Anwendungen.

5.5 Jeder kann zum Verleger werden

Eine Frage drängt sich unweigerlich auf. Die Medien – sind das heute immer noch die Angebote der klassischen Medien? Sind Medien immer noch nur Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehsender und deren Online-Pendants? Verschwimmen nicht vielmehr die Grenzen zwischen „Producer“ und „Consumer“? „User Generated Content“ bestimmt die neue Medienwelt. Videos, Bilder und Texte werden von den Usern zu der Zeit konsumiert, zu der sie es selbst mögen. Und gleichzeitig in dem Maße produziert und veröffentlicht, wie sie es sich selbst vorstellen. Das Internet, seine stetigen Veränderungen, das vielfältige Angebot und die Konkurrenz verändern die Arbeit der Journalisten in den Redaktionen. Aber verändert es auch den Journalismus? Wie Bunz schreibt, kommt man am Netz nicht einfach so vorbei: „Das Web wächst nicht nur, Blogs verändern die Rolle des Journalisten und bedrohen die Deutungshoheit der traditionellen Medien. Ihre Hegemonie gerät ins Wanken. War das Senden von Information bislang aufwändig und kostenintensiv und somit Medieninstitutionen vorbehalten, macht die Technologie des Internets jetzt das Veröffentlichen eines Artikels so einfach wie das Versenden einer E-Mail.“ Damit hat sich ein Wandel vollzogen: Es gelten heute nicht mehr nur die eigentlich journalistischen Angebote im Netz als Onlinemedien, sondern vor allem auch Angebote privater Anbieter, Initiativen, Privatpersonen und Unternehmen. Gleichzeitig ist mit dem Begriff Web 2.0 auch das Konsumieren und Produzieren – eine ganz neue Handhabe im Internet verbunden. „User Generated Content“, der vom Nutzer selbst erstellte Inhalt, ist dabei neuer und integrativer Bestandteil des einst so einseitigen Internetangebots der ersten Jahre. Untenstehende Grafik visualisiert anschaulich die veränderte Realität.

Abbildung 3: Web 1.0 – Web 2.0

Zum einen wird deutlich, dass der Kommunikationskanal im Web-1.0-Zeitalter eher einseitig war, daher hat sich auch die Bezeichnung „Read-Only-Web“ eingebürgert. Mit Web 2.0-Anwendungen wird es möglich, dass die breite Masse zunehmend eigene Inhalte produziert und sich am Geschehen beteiligt, daher der Begriff „Mitmachweb“. Die Entwicklung wird vor allem dadurch begünstigt, dass die Masse an Menschen, die im Web aktiv sind, zudem stetig anwächst. Je mehr Menschen aktiv sind, desto mehr Daten werden in das globale Netzwerk eingegeben. Es hat sich in diesem Zusammenhang der Begriff „Kollektive Intelligenz“ (nach Tim O'Reilly) eingebürgert. Als Paradebeispiel kann Wikipedia gelten. Nur durch die Beiträge von Millionen entsteht ein einziges riesen globales Werk, dessen Wissen die Summe aller Einzelwissen ist, bzw. durch Vernetzung noch mehr.

Die kommunikativen Formen sind nicht mehr nur die individuelle Kommunikation per E-Mail, Instant Messager, Voice over IP, Chats oder Foren, sondern Veröffentlichung und Kommunikation finden vor allem in und über Blogs, Podcasts, Vodcasts, per Mikroblogging, via kollaborativer Zusammenarbeit, per Communitys, in virtuellen Welten oder auch in

„Mashups“, die alle genannten Inhalte miteinander verbinden können, statt. Und genau dort finden sie sich – die „neuen“ Medien.

Der Leser kennt seine Quellen. Heute ist der Internetnutzer kein einfacher und leicht zufrieden zu stellender Konsument mehr, sondern er möchte mitreden. Er will kommentieren, seine Meinung zu bestimmten Themen an die Öffentlichkeit bringen, selbst Inhalte im Netz produzieren und Diskussionen anregen. „Consumer“ und „Producer“ verschmelzen zum „Prosumer“. Doch: „Während man den Leser als konkreten Empfänger entdeckt hat und nicht mehr in einen diffus abstrakten Raum namens Öffentlichkeit sendet, tut man sich mit den Antworten dieses Empfängers allerdings noch schwer. Die meisten Journalisten bevorzugen den Leser besserwissend zu informieren und sind wenig erfreut darüber, wenn dieser Leser auf die Idee kommt, das ihm Zugesendete zu berichtigen, zu verbessern, den Journalisten auf einen Fehler hinzuweisen und ihn somit schlichtweg ebenso: zu informieren.“ Zwar gab es auch schon vor dem Zeitalter des Internets die Möglichkeit, Artikel zu kommentieren – zum Beispiel per Leserbrief oder Gegendarstellung. Doch heute wollen die Journalisten sich der neuen Kanäle immer noch ein wenig versperren. Ab und an könnte der Eindruck entstehen, dass die Medienmacher von früher aus ihrem Elfenbeinturm kaum herauskommen wollen. Sie wollen sich noch immer nicht den Gesetzen der neuen Online-Welt mit ihren Medien und Inhalten beugen. Die Nähe, die sich über Mitsprache und Inhalte herstellen lässt, ist ihnen scheinbar unangenehm. Vielleicht die Angst, dass ihnen das Netz und dessen Inhalte den Thron streitig machen können? Wichtig scheint nun, zunehmend die neuen Onlinemedien der Gemeinschaft, Social Communities, Netzwerke, Diskussionsforen, Plattformen und Dienste mit in die Arbeit des Journalisten einzubeziehen; diese für Trends, Recherche und Kontaktaufnahmen zu nutzen, sich den neuen Entwicklungen und der Etablierung der Onlinemedien zu fügen und diese für sich nutzbar zu machen. Auch die Verleger wissen aber darum, dass so etwas nicht nur Zeit, sondern vor allem Geld kostet. Auch eine eigene, gut funktionierende Community benötigt jemanden, der diese betreut. Und auch Feedback, Kommentare – kurz: alle Inhalte, die vom Leser kommen und veröffentlicht werden sollen – müssen gegengelesen, beantwortet und betreut werden.

 
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