Abschied von der „Kostenlos-Kultur“?

Im Gegensatz zu den Printmedien, die zunehmend unter finanziellen Druck geraten, werden der Online-Journalismus im Speziellen und Onlinemedien im Allgemeinen trotz anfänglicher Schwierigkeiten dennoch als zukunftsträchtig empfunden. So richten sich klassische Verleger wie der Axel-Springer-Verlag oder Der Spiegel auf das Geschäft im Internet aus, indem sie verstärkt redaktionelle Inhalte bezahlungspflichtig anbieten. Bunz schreibt dazu: „In der Tat steht man aktuell in Bezug auf Online-Journalismus vor einem Desaster, allerdings findet sich dieses Desaster nicht dort, wo es vermutet wird. Denn nicht die Qualität des Journalismus steht auf dem Prüfstand, sondern seine Finanzierung.“

Zeitungen und Zeitschriften haben über die Jahre bedenklich an Auflagenstärke und Anzeigenumsatz verloren. Die Flaute reißt nicht ab. Laut eines Artikels der Media-Perspektiven steigt dagegen die Zeit, die die Deutschen im Netz verbringen, kontinuierlich an: „Im Schnitt widmet jeder Erwachsene täglich über 100 Minuten (2007: 54 Minuten) dem Internet. Parallel zur Zunahme der Internetnutzung bleibt der Fernsehund Hörfunkkonsum mit über 200 Minuten täglich auf hohem Niveau stabil.“ Der Konsum von Zeitungen und Zeitschriften fällt hingegen zurück auf den letzten Platz. Das heißt: Der Medienkonsum steigt insgesamt weiter an, das Internet ist mittlerweile auf Platz 3 der tagesaktuellen Medien fest etabliert. Und zukünftig wird das Internet vielleicht auch das Fernsehen und den Hörfunk von der starken Stellung ablösen, die beide Medien noch haben. Einfach aus dem Grund, weil auch Radiound Fernsehinhalte zunehmend im Netz konsumiert werden – „on demand“.

Die heranwachsende Generation wird künftig nur noch im Netz Nachrichten, Informationen, Relevantes und Interessantes konsumieren. Und auch die technischen Entwicklungen werden dazu führen, die Funktion der Zeitung, des klassischen Radios und Fernsehens schrittweise zu ersetzen: Kleine Notebooks, Tablet-PCs, tragbare Musikund Videoplayer, hochentwickelte Smartphones und die dazu gehörigen Anwendungen werden das Lesen und Anschauen von aktuellen Nachrichten unterwegs und von überall aus möglich machen – und die ursprünglichen Informationsquellen damit ablösen. Schon jetzt bestimmen sogenannte Apps – Applikationen (kleine Programme auf mobilen Endgeräten) – das Erscheinungsbild der Technik. Hinzu kommt eine permanente Internetverbindung. Auf den Handys kann man nun nicht mehr nur Nachrichten konsumieren – über Programme oder den Browser –, sondern diese Informationen sofort bewerten, kommentieren und mit den sozial Vernetzten teilen.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es also für die klassischen Medien, sich zu behaupten und auch für die neuen Medien sowie für den Journalismus, sich gleichzeitig gewinnbringend zu finanzieren und unersetzlich zu machen? Nach der jahrelangen „Kostenlos-Kultur“ im Netz, bei der jeder alle möglichen Inhalte überall und jederzeit konsumieren konnte, wo Musik und Software entweder auf legalem Weg oder aber auf illegalen Plattformen heruntergeladen werden konnten, steht jetzt der Begriff Bezahl-Inhalte – „Paid Content“ – im Raum. Der Versuch, seit der Jahrtausendwende über eingeblendete Werbung (Banner-Werbung, Buttons, Interstitial oder Metascreens) Online-Inhalte zu finanzieren, misslang. Damit lässt sich bislang guter Journalismus nicht ausreichend finanzieren. Zu teuer sind fleißige Redakteure, Programmierer und die erforderliche Technik.

Parallel werden zur Finanzierung der Onlinemedien derzeit mehrere Modelle erprobt. Eine Möglichkeit, die gerade die Verlage in den letzten Jahren nutzen wollten, war die komplette Sperrung der Webseite beispielsweise einer Zeitung für potenzielle Leser. Nur noch Abonnenten des gedruckten Mediums oder Konsumenten, die auf Rechnung bereit waren, ein Online-Abo abzuschließen, konnten die Inhalte ohne Einschränkung einsehen. Einige Verleger setzen nach wie vor auf diese Art der Finanzierung. Doch sie hat keinen oder nur sehr geringen Erfolg. Potenzielle Neukunden waren und sind nicht bereit, für Inhalte, die sie vor kurzem noch zum Nulltarif abrufen konnten, plötzlich zu bezahlen. Ihre Informationen bekommen sie schließlich auch an anderen Stellen im Netz.

Zweite Variante: Bestimmte Inhalte stehen auf den Seiten kostenlos zur Verfügung, weiterführende Inhalte sind nur gegen Bezahlung einsehbar: Das sogenannte „FreemiumModell“. Doch Blogger veröffentlichen immer noch vollkommen auf eigene Kosten und stellen ihre Beiträge gratis ins Netz. Und auch viele andere Webseiten stellen weiterhin kostenlos und rein werbefinanziert ihre Inhalte und auch Nachrichten ins Internet. Sie halten dabei die Kosten gering, speisen ihre Seiten mit Agenturmeldungen und brauchen dafür nur sehr wenig Personal. Also schlägt auch dieser Plan meistens fehl. Die Konsumenten scheinen einfach nicht bereit, für den von Journalisten generierten, hochwertigen Inhalt bezahlen zu wollen.

Doch nun scheinen sich wieder neue Wege aufzutun, endlich ausreichend Geld zu verdienen. Mit der zunehmenden technischen Weiterentwicklung mobiler Endgeräte, mit dem Aufkommen des iPhones, iPads und dem App Store der Firma Apple, mit der Programmierung des Android Marktes der Firma Google für weitere Handymodelle, scheint eine Möglichkeit gefunden zu sein, mit Apps den Nutzer zum Bezahlen für Software, Unterhaltung und vielleicht auch journalistischen Inhalt zu bringen. Das Prinzip dieser Angebote ist ein fach: Programmierer entwickeln ein kleines Programm – eine Applikation – die dem Nutzer einen Mehrwert bietet. Einige Apps sind gratis, andere kosten einen kleinen Betrag. Navigationssoftware für das iPhone kann bis zu einhundert Euro kosten, Apps der Social Networks hingegen stehen gratis zum Download bereit, da diese Unternehmen ihre Nutzer an sich binden wollen und eher mit der Vermarktung der Nutzerdaten (ob legal oder illegal, anonymisiert oder persönlich) an die Werbeindustrie ihr Geld verdienen. Einen Wecker, ein kleines Spiel oder eine Fotosoftware mit einem Klick und nur für ein paar Cent per Kreditkarte zu bezahlen, fällt leicht. Die Verlage sehen darin nun ihre Chance. Und während die öffentlich-rechtlichen Sender längst Gratis-Apps und „Kostenlos-Inhalte“ mit der Rechtfertigung durch die Rundfunk-Gebühr dem Internetnutzer zur Verfügung stellen, scheinen Apps nun doch auch für Printmedien ein Hoffnungsschimmer zu sein. Spiegel Online beispielsweise – das erste und nach wie vor erfolgreichste Internet-Nachrichten-Portal – bietet neben der werbefinanzierten Homepage nun auch eine App für iPhone und Co. Für einen kleinen monatlichen Betrag oder pro Ausgabe kann der Nutzer den aktuellen Spiegel als ePaper lesen. Die Süddeutsche Zeitung bietet eine App mit Basisfunktionen, die jedoch in Umfang und Anmutung dem Nutzer kaum Freude und Mehrwert bietet und weist permanent auf die Vollversion gegen Bezahlung hin. Axel Springer brachte Anfang 2010 mit der Bildund WeltApp eine erste reine Bezahl-App auf die mobilen Endgeräte. Dennoch gibt es nach wie vor noch genügend Nachrichten-Apps, die Informationen kostenlos zur Verfügung stellen. Und google News gibt es auch noch – den ewigen Konkurrenten, der die Online-Nachrichtenwelt mit seinem kostenlosen Service und seinen Nachrichten vollkommen auf den Kopf stellt und den Verlegern Kopfschmerzen bereitet.

Eine weitere Idee, die auch Bloggern ebenso zu Gute kommen könnte, ist eine Art freiwillige Spende, die der Konsument nach Lesen eines Artikels, Betrachten einer Fotostrecke oder Anschauen eines Videos erbringen kann. Darin sehen alle Informationsvermittler eine Chance, mit ihren Inhalten Geld verdienen zu können. Prinzip ist, dass der Konsument sich auf einer Plattform anmeldet, ein Profil anlegt, Geld auf dieses überweist und jedes Mal, wenn er es für richtig hält, ebenfalls angemeldete Autoren finanziell auf deren Homepage über einen Button entlohnt. Dafür gibt es mittlerweile mehrere, ähnlich funktionierende Dienste und Anbieter im Netz, darunter beispielsweise auch flattr. Auch über externe Anzeigen-Anbieter könnte es eine Möglichkeit geben, Homepages rentabel zu machen. Ein Anbieter, wie beispielsweise Google AdSense, erhält Zugriff auf die Homepage, liest dort die Texte aus, und schaltet zweizeilige Textanzeigen, die nach Meinung der Berechnung einer Maschine passen könnten. Mit der Platzierung allein hat der Webseiten-Betreiber allerdings noch kein Geld verdient. Erst, wenn jemand auf die Werbung klickt und auf dem Internetauftritt des Werbenden landet, kassiert der AdSense-Kunde in paar Cent. Eine weitere Idee, die für Verlage, freie Autoren, Blogger, Hobby-Fotografen und -filmer ebenso interessant sein könnte: Plattformen im Netz, auf die man, wie es bisher auch andere Plattformen anbieten,

seine Inhalte hochladen kann, diese jedoch dann zum kostenpflichtigen Download zur Verfügung stellt. Dieses Prinzip findet bereits auf wissenschaftlicher Ebene seine Anwendung, wenn Absolventen oder Doktoranden ihre Arbeit im Netz veröffentlichen. Der Vorteil der zuletzt genannten Modelle im Gegenteil zu „Freemium-Modellen“ ist der, dass die Nutzer nur für etwas bezahlen, was sie auch wirklich nutzen wollen: Für einen Blog-Artikel, den sie lesen oder für ein großes Reportagestück einer Zeitung. Und sie bezahlen dabei meist nur für einen einzelnen Beitrag, nicht für das ganze Produkt.

 
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