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7 Fazit und Ausblick

Doch was bedeutet das alles für die Zukunft und die Rolle des Journalisten? Brauchen die Konsumenten denn überhaupt noch den klassischen Journalismus mit recherchierten, seriösen Inhalten? Wie wird der Journalist künftig arbeiten oder arbeiten müssen, um sich in der digitalen Welt und in der Phase des Medienwandels zu behaupten?

Eines steht fest: Festanstellungen sind kaum noch üblich. Die Medienhäuser bedienen sich bei freien Mitarbeitern – jungen Köpfen, die als Digital Natives mit dem Netz groß geworden sind. Early Adopter, die jedes neue Gerät, jede Anwendung und jede neue Plattform im Netz kennen und natürlich auch das Handwerk des klassischen Journalismus kennen und können. Dazu Programmierer, Grafiker, Videojournalisten und Fotografen – dann kann das digitale Produkt entstehen. Angestellte in Redaktionen übernehmen zunehmend das Management, die Projektkoordination, die Gesamtleitung für konkrete Umsetzungen eines bestimmten Themas.

Journalisten werden aber auch zunehmend als Marke fungieren – fungieren müssen! Der Name steht für Qualität, für Recherche, für Themen, für Neugier und Seriosität – oder eben auch nicht. Der selbständige Journalist ist auf den Plattformen unterwegs, bedient seine Profile in den sozialen Netzwerken, schreibt auf einem Blog, arbeitet für den Hörfunk und den lokalen Fernsehsender, twittert, recherchiert, postet, diskutiert und verkauft seine Inhalte über seine Eigenschaften. Weil er sich auskennt, wird er zitiert, befragt, eingeladen. Der Mensch als Marke ist bekannt und wird als Quelle zitiert. Die Community, die Fans und Follower folgen dem Journalisten auch zu wechselnden Arbeitgebern und gehen durch die Selbstständigkeit – auch über Mediengrenzen hinweg. Die Zielgruppe bezieht der Journalist immer mit ein. Er verfolgt dort, wo die Themen sind und macht sich so zur „Human Brand“. Der Journalist muss neugierig sein und sich gerade während des digitalen Wandels permanent weiterbilden. Das heißt Neues auszuprobieren, soziale Netzwerke zu erkunden, Plattformen auszuprobieren und vor allem – die Dienste auch privat zu nutzen, ohne es als Belastung zu sehen. Innovative Ansätze sind neben den bisherigen journalistischen Kernkompetenzen die Regel. Er muss offen sein für neue Technologien, interdisziplinäres Arbeiten wird selbstverständlich. Darüber hinaus wird journalistische Recherche selbst zum Prozess. Was der Journalist als Marke selbst in seiner Community anschiebt, verfolgt er weiter und zählt auf user generated content. Seine Nachforschungen und Ergebnisse stellt er zur Verfügung und zur Diskussion. Er ist auf Hinweise angewiesen und nutzt diese wiederum im Produktionsprozess. Die Arbeit ist transparent, publikumsund prozessorientiert. Wichtig sind vor allem Offenheit und Kommunikationskompetenzen.

So anders wie die Arbeit der Journalisten auch scheint – sie dürfen sich nicht länger als die Elite bezeichnen, die allein Inhalte zur Verfügung stellt oder für Qualität steht. Genug Dienste nutzt der Interessent, um an Informationen zu kommen. Er bedient sich verschiedener Feeds, der Eilmeldungen der Agenturen, der viralen Meldungen aus dem Freundesund Bekanntenkreis.

Journalisten sind nicht mehr die Einzigen, die Wahrheiten und Weltgeschehen verbreiten. In Zeiten von Twitter und anderen Netzwerken kann jeder gleichzeitig Sender und Empfänger werden. „Neben der so genannten vierten Gewalt, den Medien, ist als fünfte Gewalt eine kritische Netzgemeinde hinzugekommen. Eine Stimme in der Öffentlichkeit hat inzwischen jeder: Bei Wikipedia schreiben Experten, die ihren Status an keiner Hochschule erworben haben. Bei YouTube stellen Hobbyfilmer ihre Filme ein, ohne eine Sendelizenz zu benötigen. Auf Blogs schreiben Autoren Beiträge, ohne dass ein Redakteur sie beauftragt oder redigiert. Beim Kurznachrichtendienst Twitter konkurrieren Amateure mit professionellen Nachrichtenagenturen auf der Jagd nach aktuellen Neuigkeiten im Weltgeschehen.“ Bezeichnend dafür ist das Bild des verunglückten und notgelandeten Flugzeugs im Hudson River, dessen Bilder, geknipst mit einer Handykamera, binnen Minuten um die Welt gingen. Die Revolutionen in Ägypten, Tunesien und Libyen, die Wahl des US-Präsidenten, die Oscar-Verleihung – Kurznachrichtendienste und Bloggingdienste sind Informationsquelle Nummer eins geworden – sie sind unmittelbar, in Echtzeit und nah. „Journalisten können und sollten sich der nutzergenerierten Informationsflut nicht entgegenstellen, sondern sich mitten hinein begeben.“ Deswegen gilt es als Journalist, nun zu kuratieren. Der Journalist muss die Rolle des Sammlers, des Beobachters, des Filters übernehmen. Er ist mit seiner Fachkompetenz dafür zuständig, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen und verständlich für die Leser und Zuschauer aufzubereiten. Einige Zeitungen, wie der Guardian machen es vor.

„Schon Mitte 2009 bat die britische Zeitung […] ihre Nutzer um Mithilfe bei der Recherche über den Spesenskandal der Unterhaus-Abgeordneten. Sie stellte fast eine halbe Million Dokumente auf ihre Webseite und fragte: Bitte helfen Sie uns beim Überprüfen dieser Daten. Mit überwältigendem Erfolg.“

Für den Journalisten sind mittlerweile für das Kuratieren von Nachrichten gute Hilfsmittel im Netz verfügbar – Plattformen und Dienste, die es erlauben, Inhalte zu bündeln, Zusatzinhalte zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig die Kommunikation im Netz abzubilden. Storify oder rebelmouse, Scribblelive oder Ähnliches – die Dienste geben dem Journalisten die Rolle des Auswählers, des Prüfers und des Neuordners der großen Flut an Information.

Das Internet ist ein Netz – die Nutzer suchen sich die Inhalte, die gut, schnell und zuverlässig sind. Der Journalist muss sich damit neu positionieren. Und er hat damit auch die Chance, Strömungen und Stimmungsbilder zu erkennen, aufzufangen und weiter zu drehen. Er hat in seinem Publikum auch eine Kontrollinstanz. Das Netz belebt die Prozesse und hilft transparent und unmittelbar die Geschehnisse einzuordnen. Das Wichtige aber dabei ist, mehr Mut zu haben. Noch immer herrscht in vielen Redaktionen und Köpfen das Vorurteil des schnelllebigen Internets, in dem nichts Wert hat oder zur Wahrheit taugt. Immer noch wird die neue Form der Kommunikation abgelehnt. Ist ein Kommentar denn nun eine Art Leserbrief oder vielleicht ein zu schnell und unüberlegt abgesandter Text, der zum Shitstorm mutiert? Sind die Nutzer nur ehrlicher, schneller und haben unmittelbaren Zugang statt Hemmungen, zum Briefkasten zu gehen?

Wie lange wird die Zielgruppe der linearen Nutzer noch linear konsumieren? Wann werden Video-on-Demand, Social TV, der Second Screen und IPTV die Medienlandschaft vollkommen verändert haben? Oder kann man die Online-Nutzer ein Stück weit weiter ignorieren? Für sie kein Angebot im Netz schaffen und weiter auf althergebrachte Ausspielwege setzen? Kein privates Unternehmen wird die Verlage retten und auch kein Nutzer wird für schlechten Journalismus und unliebsam aufbereitete Online-Seiten Geld zahlen. Da muss ein Umdenken, da müssen Innovationen her.

Jedes Medienunternehmen muss sich neu erfinden, neue Ideen ausprobieren und experimentieren. Vielleicht lieben oder hassen die Nutzer neue Angebote – aber nur so kann jedes Medienhaus herausfinden, was die Zielgruppe sucht. Es gibt keinen Weg, der vorgegeben wird, niemand weiß, wie ein Mem entsteht und nur die wenigsten reagieren auf einen Shitstorm adäquat. Es ist ein Lernprozess, der ein spannender Weg ist.

Wer wird guten Journalismus finanzieren, wie kann der Journalist als Marke auch gleichzeitig ein Unternehmen werden – schließlich muss er auch davon leben können?

Spot.Us – eine Plattform, auf der Bürger Recherchen zu gesellschaftlich wichtigen Themen vorfinanzieren oder ProPublica – eine stiftungsfinanzierte Webseite, deren Beiträge schon Pulitzerpreise errungen haben, sind gute Beispiele für Beteiligung und Interesse der Nutzer. Derzeit wägt sich der Journalismus in Deutschland in einem Dilemma. Hierzulande wird über den Sinn und Unsinn der Tagesschau-App gestritten, Verlage sehen den Untergang des guten Journalismus, Blogger kämpfen um Anerkennung, Twitter wird als Medium in Deutschland unterschätzt, die Kommunikation mit den Nutzern nur selten wahrgenommen und interaktive, crossmediale Arbeitsweise immer noch zu selten praktiziert. Ab und an allerdings passiert es: da wagen sich Journalisten auf eigene Faust mit eigenem Blog und eigener Technik auf neue Wege. Sie sind Marke. Sie liefern Inhalte. Andere recherchieren und veröffentlichen auf eigene Faust. Rechercheredaktionen werden gegründet, Geld wird investiert und mal die eine oder andere Geschichte multimedial veröffentlicht. Und ab und an kommt es sogar vor, dass auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk neue Ausspielwege genehmigt. Und kleine, junge, innovative Formate langsam Eingang in die Köpfe finden.

Was wird aus dem Gatekeeper von einst, der in seinem Elfenbeinturm die vierte Gewalt symbolisiert – oder sollten wir vielleicht schon in der Vergangenheitsform sprechen?

Paul-Josef Raue betreibt auf seiner Internetseite einen eigenen Weblog – und schreibt darin: „25 Jahre – das scheint mit Blick auf Medien, aber auch auf die Gesellschaft eine Ewigkeit zu sein. Vor einem Vierteljahrhundert kannte kaum jemand das Internet, flächendeckende Netze für Handy wurden erst aufgebaut, das „Smartphone“ stand noch nicht einmal im Duden.“

Siegfried Weischenberg, bekannter Nachrichtenexperte und Journalist, formuliert sein Statement drastischer: „Der professionelle Journalismus ist auf dem absteigenden Ast. Schlimmer noch: Er verliert im Prozess der digitalen Revolution seine Identität und ist durch Selbstkommerzialisierung auf dem besten Wege, sich selbst abzuschaffen.“ Es liegt wohl an der Zunft selbst, dieses zu verhindern.

 
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