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Mediengeschichte Film

„Das Schönste und an das Wunderbare grenzende aber sind die bei augenblicklicher Belichtung gemachten Aufnahmen. Man sehe nur die Boulevards und Plätze von Paris mit ihren Omnibussen und Wagen, Fußgängern und Reitern, kurz ihrem ganzen Verkehr und Treiben, alles wie durch Zauberschlag gebannt und das interessanteste Studium zulassend, den Charakter des öffentlichen Lebens in den geringsten Details wiedergebend.“

Eduard Liesegang (1838 – 1896)

1 Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg

Wer sich mit dem Medium Film beschäftigt, für den ist es unerlässlich, wenigstens einen kurzen Blick auf den Beginn seiner Geschichte zu werfen.

Die Geburtsstunde des Films kann man – im Gegensatz zur Fotografie – auf ein paar Wochen genau datieren. Die erste öffentliche Filmvorführung vor zahlendem Publikum fand am 1. November 1895 im Berliner „Wintergarten“ durch die Brüder Skladanowsky statt. Damit liegt sie um einige Wochen vor der ersten öffentlichen Filmvorführung, die von den Brüdern Auguste und Louis Lumière am 28. Dezember 1895 im „Grand Café“ am Boulevard des Capucines in Paris veranstaltet wurde. Nachhaltigen Einfluss auf die Geschichte des Films als ein souveränes publizistisches Medium hatten zunächst jedoch die Brüder Lumière mit ihren zehn Kurzfilmen, die mit ihrer neuesten Erfindung, dem „Cinématographe“ gedreht worden waren.

In ihrem Film Attelage d'un camion (Das Gespann eines Fuhrwerks) wird die dokumentarische Aufnahme einer alltäglichen Straßenszene zu einem kunstvoll komponierten visuellen Ereignis. In den 50 Sekunden, die dieser Film dauert, tritt ein Pferd nach dem anderen von unten links ins Bild. Die Einstellung endet erst, als das gesamte, mit Steinblöcken beladene Gespann mitsamt Wagen das Bild einmal in seiner Diagonale durchquert hat und oben rechts wieder aus dem Bildrahmen verschwunden ist. Neben dem Pferdegespann, das die Hauptattraktion der Einstellung darstellt, geraten noch allerlei andere, weniger geordnet erscheinende Bewegungen in den Blick: fahrende Kutschen, vorbeigehende Passanten und Menschen, die Lasten über die Straße tragen.

Das ist der Beginn des Films als einer künstlerischen Gattung, bei der zum ersten Mal durch die Position der Kamera der Bildausschnitt und die Aufnahmeperspektive bestimmt werden und bei der durch Beleuchtung, Bildschärfe und Schnitt mehr als nur die bloße optische Reproduktion eines Gegenstandes geschaffen wird. Noch heute geben diese 50 Sekunden Film in unnachahmlicher Weise Auskunft über den historischen Moment ihrer Entstehung. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit war es möglich geworden, die Vergänglichkeit des Lebendigen in realistischer Form festzuhalten und für die nachfolgenden Generationen wieder sichtbar und gleichsam miterlebbar werden zu lassen.

Auch in den weiteren Streifen der Brüder Lumière wie L'arrivée d'un train en gare à La Ciotat (Die Ankunft eines Zuges im Bahnhof von La Ciotat), bei dem im Gegensatz zu dem gemächlich vorbeiziehenden Pferdegespann ein einfahrender Zug auf die Zuschauer zurast und damit Spannung und Aufmerksamkeit erzeugt, wird das Wunder der naturalistischen Wiedergabe von Szenen aus dem Alltagsleben exemplifiziert. L'arrivée d'un train en gare à La Ciotat spiegelt bereits eine moderne Wahrnehmungserfahrung wider, für die das Moment der Beschleunigung und des Schocks charakteristisch ist.

 
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