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13 Der Film in der Bundesrepublik Deutschland – die 50er-Jahre

Nach der Währungsreform, der Gründung der Bundesrepublik und der Befreiung vom Lizenzierungszwang setzte eine lebhafte Gründertätigkeit in der Filmbranche ein. Nicht nur in den Großstädten schossen die Kinos wie Pilze aus der Erde. Die Menschen waren hungrig nach Unterhaltung und Ablenkung. Fernsehen gab es noch nicht.

1949 wurden 62, 1950 insgesamt 82 und 1951 an die 60 Filme produziert. Die meisten Filme dieser Zeit sind mit dem Makel der Zweitrangigkeit, der Beliebigkeit und Austauschbarkeit und einer provinziellen Nachkriegsmentalität behaftet. Produziert wurden in dieser Zeit vor allem Literaturverfilmungen, daneben Historienund Heimatfilme, Soldatenfilme sowie Arztund Bergfilme.

Von der internationalen Bedeutung her konnte sich die westdeutsche Filmindustrie nicht mehr mit der französischen, italienischen oder japanischen Konkurrenz messen. Deutsche Filme wurden im Ausland als provinziell wahrgenommen und Verkäufe an andere Länder waren eher selten. Koproduktionen mit ausländischen Partnern, wie sie in dieser Zeit etwa zwischen italienischen und französischen Firmen bereits üblich waren, wurden von den deutschen Produzenten in der Regel abgelehnt.

In den 50er-Jahren erlebte das deutsche Kino trotz allem ein „Kinowunder“. Es stieg nicht nur die Zahl der gezeigten Produktionen, sondern auch die Anzahl der Kinos und der Kinobesuche in der Zeit von 1946 bis 1956 rapide an. 1956 erreichten die bundesrepublikanischen Zuschauerzahlen mit 817 Millionen Kinobesuchern ihren Zenit.

Der Erfolg deutscher Heimatfilme begann mit dem ersten deutschen Nachkriegsfarbfilm Schwarzwaldmädel (1950) nach der gleichnamigen Operette von August Neidhart und Leon Jesse. Regie führte Hans Deppe, Sonja Ziemann und Rudolf Prack stellten das Traumpaar dieses Films dar. Weitere erfolgreiche Heimatfilme waren Grün ist die Heide (1951), ebenfalls von Hans Deppe. Fast zum Synonym für den verkitschten Heimatfilm dieser Zeit wurde noch vor Das Schweigen im Walde (1955) der Streifen Der Förster vom Silberwald (1954). Insgesamt wurden in den 50er-Jahren mehr als 300 Filme dieses Genres gedreht.

Charakteristisch für die Heimatfilme der 50er-Jahre war ihre melodramatische Handlung, meistens eine Liebesgeschichte mit komischen oder tragischen Verwechslungen, die in abgelegenen, aber spektakulären und durch den Zweiten Weltkrieg unzerstörten Landschaften wie dem Schwarzwald, den Alpen oder der Lüneburger Heide spielte. Frauen wurden meistens als Hausfrau und Mutter dargestellt, und es wurden konservative Werte wie Ehe und Familie betont. Heiraten war nur innerhalb derselben sozialen Schicht möglich und die Obrigkeit durfte nicht in Frage gestellt werden. Viele Heimatfilme dieser Zeit waren Remakes alter UFA-Produktionen, allerdings weitgehend befreit vom Blut-und-Boden-Mythos ihrer Vorlagen aus der NS-Zeit.

Beliebt bei den Zuschauern waren auch die Filme von Charlie Chaplin und amerikanische Melodramen. Dennoch war der Anteil amerikanischer Filme in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in den 50er-Jahren noch vergleichsweise gering: Der Marktanteil der deutschen Filme lag in dieser Zeit bei 40 Prozent, während die mit doppelt so viel Filmen im Verleih befindlichen amerikanischen Filme nur auf einen Marktanteil von 30 Prozent kamen. Dies änderte sich erst in den 60er-Jahren.

Auch wenn die meisten Filme, die in dieser Zeit produziert wurden, zu Recht in den Archiven verschwunden sind, gelten einige in ihrem jeweiligen Genre doch als bedeutsam. Dazu zählen in der Gattung Literaturverfilmung Königliche Hoheit (1954) nach dem Roman von Thomas Mann, mit Dieter Borsche und Ruth Leuwerik in den Hauptrollen; Des Teufels General nach dem Drama von Carl Zuckmayer, mit Curd Jürgens in der Titelrolle und der hinreißenden jungen Schauspielerin Marianne Koch. Curd Jürgens spielte auch in der Verfilmung des Schinderhannes (1958) unter der Regie von Helmut Käutner und nach einem Drehbuch von Carl Zuckmayer die Hauptrolle, begleitet wurde er von Maria Schell. Unübertroffen ist auch die Verfilmung der Buddenbrooks von 1958, unter der Regie von Alfred Weidenmann und mit Starbesetzung: Werner Hinz, Lil Dagover, Hansjörg Felmy, Hans Lothar, Lieselotte Pulver, Gustl Halenke, Helga Feddersen, Robert Graf und Gustav Knuth, nicht zu vergessen Walther Sedlmayr als Permaneder.

Von den Historienfilmen im Gedächtnis geblieben sind die drei Sissi-Filme (1955 – 1957) mit Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth und Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph.

Mit der Wiederbewaffnung Westdeutschlands 1955 setzte eine Welle von Kriegsfilmen ein. Beispiele dafür sind 08/15 (1954/55) nach dem Roman von Hans Hellmut Kirst mit Joachim Fuchsberger und Helen Vita in den Hauptrollen, oder Der Arzt von Stalingrad nach einem Roman von Heinz G. Konsalik. Diese problematischen Streifen zeigten den deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges als tapferen, unpolitischen Kämpfer, der eigentlich schon immer „dagegen“ gewesen war. Ansonsten erschöpfte sich die Vergangenheitsbewältigung in einigen wenigen Filmen zum militärischen Widerstand gegen Hitler. Hier ist besonders der Film Der 20. Juli (1955) von Falk Harnack zu nennen, der selbst Widerstandskämpfer war und der Gruppe der Weißen Rose zuzurechnen ist. Wichtig ist auch der Antikriegsfilm Haie und kleine Fische (1957) unter der Regie von Frank Wisbar und mit Hansjörg Felmy in der Hauptrolle.

Absolut herausragend und zeitlos gültig ist Die Brücke von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1959, nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Manfred Gregor, der darin seine persönlichen Kriegserlebnisse verarbeitet hat.

Mit diesem Antikriegsfilm, der auch heute noch erschüttert und mit seiner kargen Bildästhetik und klaren Formensprache als aufrüttelnder Appell gilt, nicht dem blinden Wahn einer rücksichtslosen Ideologie zu folgen, brach Bernhard Wicki kompromisslos in die Heimatfilmverlogenheit der 50er-Jahre ein. In einem Interview sagte er: „Ich habe in den Jahren seit der Brücke Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das und die Auszeichnung der Vereinten Nationen für die Arbeit am Frieden zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“ 2003 erstellte die Bundeszentrale für politische Bildung einen Filmkanon für die Arbeit an Schulen und nahm diesen Film in ihre Liste auf.

Für vier der sieben Darsteller der Jungen, die eine unbedeutende Brücke verteidigen sollen, war dies der Beginn einer großen Filmkarriere – Frank Glaubrecht, Volker Lechtenbrink, Michael Hinz und Fritz Wepper.

 
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