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17 Nouvelle Vague

Die Neue Welle ist eine Stilrichtung, die im französischen Film der späten 1950er-Jahre in enger Anlehnung an den italienischen Neorealismus entstanden war. Es begann damit, dass sich junge Cinéasten gegen die eingefahrene Bildsprache und den vorhersagbaren Erzählfluss des etablierten kommerziellen Kinos wehrten. Die Vertreter waren junge Regisseure mit Erfahrung als Filmkritiker, die ihre Artikel vor allem in den Cahiers du cinéma veröffentlichten. In ihren Artikeln stellten sie sich gegen die Verbiederung und Vorhersehbarkeit des französischen cinéma de qualité und propagierten vor allem Filme von Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Jean Renoir und Roberto Rossellini.

Der 1954 von François Truffaut veröffentlichte Artikel Une certaine tendance du cinéma français (Eine gewisse Tendenz im französischen Film) gilt als erste theoretische Grundlage der Nouvelle Vague und wendet sich vor allem gegen Drehbuchschreiber, die völlig uninspiriert Romanvorlagen adaptieren, ohne selbst den geringsten Bezug zum Kino zu haben. Truffauts Forderung: „hommes de cinéma – Männer des Kinos“ sollten Kino machen und sich nicht von Schriftstellern vorschreiben lassen, was verfilmbar ist und was nicht. Dabei sollten sich die Regisseure an allen Schritten der Filmproduktion beteiligen, um so einen eigenen persönlichen Stil entwickeln zu können. Mit dieser charakteristischen Handschrift des Regisseurs sollten die Filme persönlicher und individueller werden und aus dem Schattendasein der Literatur treten. Das verlangte vor allem, dass der réalisateur dem Film seinen Stempel aufdrückt und nicht nur die vom Drehbuchschreiber vorgegebene Geschichte zu vorhersehbaren Bildfolgen verarbeitet. Jacques Rivette ging sogar so weit, ganz ohne Drehbuch zu arbeiten, sondern skizzierte nur grob auf ein paar Seiten die Handlung.

Aus dieser neuen Vorstellung von der Bedeutung des Regisseurs sollte sich eine école artistique, eine künstlerische Schule und ein ästhetisches Programm entwickeln. Diesem Bedürfnis nach individueller Umsetzung filmischer Vorstellungen kam die Entwicklung neuer, leichterer Kameras und lichtempfindlicheren Filmmaterials entgegen, mit denen es den Filmemachern erstmals möglich war, ohne künstliches Licht und außerhalb der Filmstudios mit der Handkamera zu drehen. Die hohe Zeit der Nouvelle Vague dauerte bis Mitte der 60erJahre. Die seinerzeit entwickelten Effekte und Erzähltechniken werden aber noch heute, auch in kommerziellen Filmen und in der Werbung verwendet.

Einer der wichtigsten Akteure der Nouvelle Vague ist der Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Schauspieler Claude Chabrol, der mit einer Erbschaft und dem kommerziellen Erfolg seines zweiten Films Les cousins (Schrei, wenn du kannst, 1958) seine eigene Produktionsfirma gründen konnte. Hier wurden auch die Erstlingswerke von Èric Rohmer

(Le Signe du LionIm Zeichen des Löwen), Philippe de Broca (Les jeux de l'amourLiebesspiele) und Jacques Rivette (Paris nous appartientParis gehört uns) produziert.

François Truffaut, der Begründer der Idee der Nouvelle Vague, war 1956 Assistent von Roberto Rossellini und wurde 1957 Filmproduzent mit einer eigenen Firma. Sein Filmdebüt Sie küssten und sie schlugen ihn (1959) setzte er mit der Liebesgeschichte Geraubte Küsse fort. Unvergessen von seinen über zwei Dutzend Filmen ist seine poetische Dreiecksgeschichte Jules und Jim und sein Okkupationsdrama Die letzte Metro mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu und Heinz Bennent.

 
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