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3.3 Die amerikanische Presse

Die erste Ausgabe einer amerikanischen Zeitung hatte den Titel Publick Occurrences: Both Foreign and Domestick und erschien am 25. September 1690. Sie war nur einen Tag erhältlich und wurde vier Tage nach Erscheinen von den Britischen Kolonialbehörden verboten. Weitere Zeitungspublikationen folgten und bis 1730 hatte die Presse in den englischen Kolonien eine derartig große Bedeutung gewonnen, dass sie den britischen Gouverneuren gefährlich wurde.

Der deutschstämmige Publizist und Verleger John Peter Zenger gründete 1733 das New York Weekly Journal. Bereits ein Jahr nach der ersten Ausgabe der Zeitung wurde John Peter Zenger von den britischen Kolonialbehörden angeklagt. Ihm wurde zur Last gelegt, aufrührerische Verleumdung gegen den britischen Gouverneur von New York, William Cosby, in seiner politischen Zeitung veröffentlicht zu haben. Zur allgemeinen Überraschung wurde Zenger am 5. August 1735 jedoch von allen Anklagepunkten freigesprochen. Heute bezeichnen Historiker den Prozess gegen John Peter Zenger als den Beginn der freien Presse in Amerika.

Die amerikanische Presse vollzog während des Unabhängigkeitskriegs einen weiteren Entwicklungsschub. Der erste Verfassungszusatz führte somit dazu, dass sich in den darauffolgenden 200 Jahren die freie Presse entwickeln konnte, die in den USA im Gefüge der „Checks and Balances“ als Vierte Gewalt ihre starke Aufsichtsfunktion über die US-Regierung ausübt und die individuellen Rechte jedes US-Bürgers schützt. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs war Thomas Paine einer der ersten und auch am meisten gelesenen politischen Journalisten Amerikas. Paine plädierte in seinen Schriften und Büchern, wie beispielsweise das 1776 erschienene Common Sense, in beeindruckender Weise für die Unabhängigkeit Amerikas von der Kolonialherrschaft Englands. Er forderte darüber hinaus auch eine stärkere demokratische Ausrichtung der jungen Republik und gilt als einer der überzeugendsten Medienvertreter der amerikanischen Revolution.

Anfang des 19. Jahrhunderts setzte in den Vereinigten Staaten ein rascher und viele unterschiedliche Bereiche tangierender, technologischer Fortschritt ein, der letztlich den Beginn der modernen Medien darstellt. So führten Erfindungen, wie die des Dampfschiffes, der Eisenbahn und der Telegrafie, die Kommunikation in ein neues modernes Zeitalter. Das eingeführte Schnelldruckverfahren durch automatische Setzmaschinen senkte die Produktionskosten erheblich. Durch die gesunkenen Produktionskosten sowie die Aussicht auf einen wachsenden profitablen Markt an Lesern – aufgrund eines weit verbreiteten Schulsystems konnten viele Amerikaner lesen – erkannten viele Herausgeber, dass die Zeit für preiswerte Zeitungen gekommen war. Diese Zeitungen, sogenannte One-Penny-Blätter, hatten eine hohe Auflage, sprachen eine breite Leserschaft an und erhöhten somit das Anzeigenaufkommen. Dadurch entwickelte sich in kürzester Zeit die Presse von einem exklusiven Medium einer kleinen Oberschicht zu einem Massenmedium.

In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden in den USA zwischen 150 und 200 Tagesund Wochenzeitungen gezählt. Bereits 1810 wurden 27 Tagesund etwa 400 Wochenzeitungen in den Vereinigten Staaten herausgegeben und die Zahl neuer Zeitungen stieg in gleichem Maße an, wie sich die junge Nation weiter nach Westen ausdehnte. Horace Greeley gründete im Jahre 1841 die New York Tribune, die kurz nach ihrer Gründung eine der einflussreichsten Tageszeitungen in Amerika wurde. In dieser Zeit wurde die Art Herausgeber geprägt, die beispielhaft für zukünftige Generationen von Journalisten in den USA wurde. Unter ihnen waren hartnäckige Reformer, die Partei für den Kleinen Mann ergriffen, die sich offen gegen die Praktiken der Sklaverei stellten und die die Politik der territorialen Ausdehnung nach Westen befürworteten. Idealismus verbanden diese Herausgeber mit Nationalstolz. Ihre Zeitungen waren das Medium, mit welchem Einwanderer der folgenden Jahrzehnte den American Way of Life vermittelt bekamen.

In den 1850ern wurden weitere wichtige und einflussreiche Zeitungen gegründet. Unter ihnen die New York Times, die Baltimore Sun und die Chicago Tribune. Zwei der bis heute bekanntesten Zeitungsmogule, Joseph Pulitzer (1847 – 1911) und William Randolph Hearst (1863 – 1951), begannen nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) ihre Zeitungsimperien aufzubauen. Diese Verlagshäuser besaßen zahlreiche Zeitungen, die sie dann unter einem Dach zusammenführten. Die sogenannten Zeitungs-Ketten wurden ein Merkmal der amerikanischen Presselandschaft des 20. Jahrhunderts. Der harte Wettbewerb zwischen den zahlreichen Zeitungen führte zu einem Boulevard-Journalismus, der häufig ungenau recherchiert war und den Leser mittels sensationeller Überschriften und Neuigkeiten zum Kauf anregen sollte. Die führende Zeitungs-Kette war zu dieser Zeit die Hearst Corporation, die zu ihrer Hochzeit 28 Tageszeitungen gleichzeitig führte. Weitere Zeitungs-Ketten nach dem Vorbild der Hearst Corporation folgten, wie die Scripps-Howard Company und die Cowles Publishing Company. Lokale Zeitungen, die zu einem Verlagshaus gehörten, konnten ihre Kosten reduzieren, indem sie Beiträge überregionaler Zeitungen nachdruckten. Diese inhaltliche Homogenität der Pressenutzung hat den Nebeneffekt, dass der Berichterstattung internationaler Themen eine untergeordnete Rolle zukam.

Im Kampf um Leser war es für Zeitungsherausgeber von essenzieller Bedeutung, Neuigkeiten als erster zu veröffentlichen. Bereits 1846 gründete der Herausgeber der New York Sun, Moses Yale Beach, die Associated Press (AP), die erste Nachrichtenagentur der USA. Ihr gehörten fünf weitere New Yorker Zeitungen an, die durch ihre Zugehörigkeit alle exklusive Nachrichten über den Amerikanisch-Mexikanischen Krieg erhielten. 1907 wurde die United Press, heute United Press International (UPI), durch die Scripps-Howard Company gegründet.

Der Trend der Konzentration auf große Verlagsgesellschaften setzte sich verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg fort. 1971 gab es 66 amerikanische Städte, in denen zwei oder mehr Zeitungen veröffentlich wurden, die nicht zu der gleichen Verlagsgesellschaft gehörten. 1995 war die Zahl dieser Städte auf 36 gesunken. Der starke Einfluss großer Verlagsgesellschaften auf den Zeitungsmarkt wird besonders deutlich, wenn man sich die Zusammensetzung des amerikanischen Zeitungsmarktes ansieht. So waren im Jahr 1990 135 Konzerne im Besitz von 1 228 Tageszeitungen. Dies entsprach einem Marktanteil von 75 Prozent aller Tageszeitungen in den USA. Der amerikanische Zeitungsmarkt ist also gekennzeichnet durch eine große Titelvielfalt, die jedoch größtenteils im Besitz einige weniger Medienunternehmen sind.

Die Anzahl täglich in den USA erscheinender Zeitungen fiel von 1 878 im Jahr 1940 auf 1 382 im Jahr 2011. Dagegen stieg im gleichen Zeitraum die Vielfalt an Sonntagszeitungen von 425 auf 900 Publikationen. Dies entspricht einer Gesamtmenge von 2 282 täglich bzw. sonntäglich erscheinenden Zeitungen in den USA. Diese haben eine Reichweite, das bedeutet eine Leserschaft, von täglich 95,3 Millionen bzw. 108 Millionen Leser der Sonntagszeitung.

Die Jahre von 1960 bis Ende der 1980er-Jahre waren gekennzeichnet durch eine stagnierende amerikanische Presselandschaft, ohne große Veränderungen bezüglich der Auflagenzahlen und Neuerscheinungen. Die darauffolgenden 20 Jahre hat sich dann ein stark rückläufiger ökonomischer Trend eingestellt: Lag 1990 die Auflage aller verkauften amerikanischen Zeitungen noch bei ungefähr 62,3 Millionen pro Tag, liegen die Verkaufszahlen Ende 2010 bei 43,3 Millionen. Bemerkenswert ist festzustellen, dass seit 2011 eine Trendwende stattzufinden scheint. Die Summe verkaufter Zeitungen stieg im Zeitraum 2011 bis 2013 um 2,2 Millionen auf etwa 45,6 Millionen. Es werden weniger Zeitungen verkauft, aber das Medium Zeitung verfügt bei der amerikanischen Bevölkerung über einen festen Platz innerhalb des regelmäßig genutzten Medienangebots.

Tabelle 2: Die 10 auflagenstärksten Tageszeitungen der USA

Tageszeitung

Gesamtauflage (2012)

Print-Auflage

Digitale Auflage

Wall Street Journal

2 118 315

1 566 027

552 288

USA Today

1 817 446

1 701 777

115 288

The New York Times

1 586 757

779 731

807 026

Los Angeles Times

616 575

516 354

100 221

The New York Daily News

579 636

423 166

156 470

The San Jose Mercury News

575 786

509 573

66 213

The New York Post

555 327

408 579

146 748

The Washington Post

507 615

467 450

40 165

The Chicago Sun-Times

422 335

353 349

68 986

The Chicago Tribune

414 590

387 217

27 373

Das klassische Printmedium Zeitung erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg durch das neue aufkommende Medium Fernsehen eine überaus starke Konkurrenz. Lasen 1964 über 80 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung regelmäßig eine Tageszeitung, so waren dies 1997 nur noch 58 Prozent. Die regelmäßige Nutzung ist weiter rückläufig und im Jahr 2013 lasen nur noch etwas über 41 Prozent der amerikanischen Erwachsenen eine Tageszeitung.

Heutzutage sind Zeitungen in Amerika nicht nur der Konkurrenz durch das Fernsehen ausgesetzt, sondern auch einer Reihe anderer zielgruppenspezifischer und spezialisierter Medien, einschließlich Internetdiensten, Kabelfernsehen und gezielten Spartenpublikationen. Aus diesem Grund haben die Verlagshäuser reagiert und machen sich für ihre Print-Ausgabe die neue Technik zunutze. Im Internet können Leser nun die Online-Version der Zeitung lesen und weitere Dienste in Anspruch nehmen, die entweder kostenpflichtig sind und zumeist Bestandteil eines Abonnements sind, oder kostenfrei zur Verfügung stehen, elektronische Zeitungsexemplare für Smartphones und Handhelds mit verkürzten Inhalten. Im Falle der New York Times, der drittgrößten Tageszeitung in den USA, ist die Auflage der digitalen Ausgabe in der Zwischenzeit höher als die der Printausgabe, wie Tabelle 2 zeigt. Jüngere Erhebungen deuten an, dass dieser Trend sich möglicherweise fortsetzen wird. Die digitalen Ausgaben der Tageszeitungen sind insbesondere bei der Bevölkerungsgruppe zwischen 18 und 24 Jahren sehr beliebt. In dieser Altersgruppe geben 59 Prozent an, Zeitungsinhalte verstärkt über das digitale bzw. Online-Angebot der Tageszeitungen zu nutzen.

Die USA nehmen weltweit die führende Rolle ein, wenn es um Medieninnovationen und die Durchdringung der Gesellschaft mit Medien geht. In der US-amerikanischen Printlandschaft ist kein Platz für eine landesweit dominante Tageszeitung, wie ihn in der Bundesrepublik Deutschland die BILD-Zeitung erlangte. Unter den zehn auflagenstärksten Tageszeitungen der USA ist keine Zeitung vertreten, die über drei Millionen Auflage (Wochenund Sonntagsausgabe addiert) hinauskommt (vgl. Tabelle 2). Gründe hierfür sind sicherlich die traditionell starke lokale Verankerung der amerikanischen Presse, wodurch sich kaum überregionale Zeitungen entwickelten, die Größe des Landes und die unterschiedlichen Zeitzonen. Seit Jahren sind die Auflagenzahlen deutscher Tageszeitungen ebenfalls rückläufig.

Dennoch lag die BILD-Zeitung auch 2013 mit einer durchschnittlichen Auflage in Höhe von über 3 Millionen täglich verkaufter Exemplare über der Auflage der meistgelesenen amerikanischen Zeitung Wall Street Journal. Im vierten Quartal 2013 weisen die Media-Daten der BILD-Zeitung eine Reichweite von 12,15 Millionen Lesern aus. Dies entspricht einer Reichweite von etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland bei 82 Millionen Einwohnern.

 
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