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Das Mediensystem Indiens

1 Medien im Kontext der gesellschaftlichen Struktur

Die Republik Indien – mit einer Bevölkerung von rund 1,1 Milliarden Menschen die größte Demokratie der Welt – wird oft als Land der Gegensätze beschrieben. Einerseits gehört Indien zu den führenden Industrienationen mit hoch qualifizierten Wissenschaftlern; andererseits ist Indien in weiten Landesteilen noch ein von Rückständigkeit und Analphabetismus geprägtes Land. Allein durch die Größe des Landes mit einer Fläche von 3 287 000 Quadratkilometern (das entspricht der neunfachen Größe der Bundesrepublik Deutschland) und den soziokulturellen, religiösen und sprachlichen Unterschieden kann man nicht von dem einen Mediensystem Indiens sprechen. Es handelt sich vielmehr um ein dichtes Geflecht von mehreren Medienlandschaften. Medien gelten in Indien (stärker noch als in anderen Ländern) als Spiegel der gesellschaftlichen Struktur. Die Medien des Landes werden den verschiedenen sozialen Schichten gerecht. Das Land weißt eine unermessliche kulturelle und religiöse Vielfalt auf. Ein Mediensystem Indiens kann es schon nicht geben, wollen die Medien den sprachlichen Gegebenheiten gerecht werden. Neben den offiziellen Landessprachen Hindi und Englisch sind weitere 21 Regionalsprachen anerkannt. Der wesentliche Punkt im Hinblick auf die Medienlandschaft ist jedoch besonders die in Indien vorherrschende Diskrepanz zwischen urbanem und ländlichem Entwicklungsstand und Lebensstandard. Ist von Medien in Indien die Rede, so muss vielmehr von einem dichten Geflecht von mehreren heterogenen Medienlandschaften – einem „pluralistischen Concerto grosso“ im Mediensektor – gesprochen werden.

2 Freiheit der Medien

2.1 Rechtliche Grundlagen

Artikel 19 (1) a) der indischen Verfassung garantiert das Recht der freien Meinungsäußerung, ohne dabei explizit das Pressewesen zu benennen: „All citizens shall have the right to freedom of speech and expression“. Allerdings wird dieses Grundrecht in dem Unterpunkt 19 (2) eingeschränkt:

„Nothing […] shall affect the operation of any existing, or prevent the State from making any law, in so far as such law imposes reasonable restrictions on the exercise of the right conferred by the said sub-clause in the interests of the sovereignty and integrity of India, the security of the State, friendly relations with foreign States, public order, decency or morality, or in relation to contempt of court, defamation or incitement to an offence.“

Weiterhin wird das Grundrecht aus Artikel 19 in verschiedenen Gesetzen, wie dem Official Secrets Act, eingeschränkt. Als Hauptgrund für die Beschränkungen wird die Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit genannt. Der Prevention of Terrorism Act, welcher 2002 vom indischen Parlament erlassen wurde und bis zu sechs Monate Haft ermöglichte, wurde im Oktober allerdings 2004 wieder abgeschafft. Auf bundesstaatlicher Ebene gibt es immer wieder Versuche, die Rechte der Presse zu beschneiden. In dem Staat Chhattisgarh verbietet ein Gesetz die Berichterstattung über maoistische Rebellen. Journalisten, die dennoch über Aktionen von den Anhängern der Lehren des chinesischen Revolutionärs Mao Zedong berichten, drohen bis zu drei Jahren Haft. Nach Angaben der Regierung sind Maoisten in 76 der 602 Distrikte aktiv. Das Asian Centre for Human Rights spricht von 165 Distrikten. Für Aufruhr sorgt derzeit das Vorhaben, ein Gesetz zu erlassen, dass der Regierung erlaubt, „in Krisenzeiten […] die Kontrolle über die Massenmedien zu übernehmen“ .

In der von der Organisation Reporters without Borders 2007 herausgegebenen Liste zur Situation der Medienfreiheit rangiert Indien auf Platz 120 von 169 bewerteten Ländern. Dem Land werden „noticable problems“ bezüglich der Pressefreiheit bescheinigt und die Gesamtsituation nur als „befriedigend“ eingeschätzt. In ihrem Jahresbericht 2007 schildern die Journalisten die Situation in Indien wie folgt:

“The Indian media is dynamic and protective of its freedoms and plays a crucial role in the country´s democratic system. However, in states shaken by separatist or Maoist rebellions, journalists are caught in the crossfire.” 3

Immer wieder ist von Überfällen, Beugehaft und Mord an Journalisten durch Militante oder von Behinderungen der journalistischen Arbeit durch die Polizei und staatliche Behörden zu hören. Besonders für Schlagzeilen sorgte die Steinigung des Journalisten Arun Narayan Dekate durch Kriminelle, die er zuvor in seiner Berichterstattung genannt hatte.

Seit 2004 gibt es in Indien ein weitreichendes Informationsrecht für Bürger. Das Informationsfreiheitsgesetz Right to Information Act (RIA) ermöglicht und garantiert den Zugang zu Informationen von Behörden. Allerdings ist oftmals in ländlichen Gegenden ein kritischer Journalismus unerwünscht. Bemühungen der Regierung den RIA „wieder abzuschwächen, scheiterten einstweilen am öffentlichen Protest“ .

Es gilt festzuhalten, dass die Presse in Indien ein weitgehend unabhängiges Dasein führen kann. Lediglich „in den besetzten Gebieten Kaschmirs oder den ärmsten Regionen des Landes, wo maoistische Gruppen oder Separatisten Fuß gefasst haben“ findet die Pressefreiheit Grenzen. Generell sind „bestimmte Themen tabu“ . Eine unabhängige Recherche und Berichterstattung über politische Missstände ist besonders im ländlichen Raum schwer. In den Ballungszentren genießt die Pressefreiheit einen größeren Stellenwert.

2.2 Wirtschaftliche Abhängigkeit und weitere Probleme der Presse

Auch wenn die Presse in weiten Teilen frei und auch kritisch ist, so ist sie dennoch nicht unabhängig. Das Problem liegt in der Vertriebsstruktur der indischen Printerzeugnisse. Durch den geringen Copypreis von meist zwei indischen Rupien (0,03 Euro) sind nicht einmal Papier und Druck zu bezahlen. Der Preis wird aber so niedrig gehalten, um großen Teilen der Bevölkerung den Zeitungskauf zu ermöglichen und dadurch auch die Auflage zu steigern. Je höher die Auflage ist, desto größer sind die Einnahmen durch Anzeigen. Indische Printmedien verdienen also fast ausschließlich durch Anzeigenkunden und sind dadurch finanziell besonders stark von ihnen abhängig. Die Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbebotschaften ist oftmals nicht erkennbar. Bedeutende Zeitungen des Landes sind von wenigen großen bzw. mittelständigen Unternehmen abhängig. Es ist also weniger die juristische Grundlage, die Journalisten in Abhängigkeit versetzt, sondern die Verzahnung mit der Wirtschaft. In Medienhäusern ist Korruption weit verbreitet. Journalisten werden bestochen, um positiv über das eigene Unternehmen bzw. schlecht über die Konkurrenz zu berichten. Medien lassen sich oftmals Beiträge bezahlen bzw. koppeln eine mögliche Berichterstattung an Anzeigenschaltung.

Außerdem sind in Indien die allgemeinen Standards der journalistischen Arbeit niedrig. Das Ansehen des Berufsstandes ist gering. Journalisten, mit Ausnahme von Chefredakteuren und Abteilungsleitern, sind oftmals nur die Zweitbesten. Viele von ihnen haben es nicht geschafft, eine Position in einem der größeren Unternehmen zu erhalten. Die Qualität der journalistischen Arbeit sank mit dem Boom der Printmedien weiter, da schnell viele Arbeitskräfte in Redaktionen benötigt wurden. Durch den starken Zuwachs privater Fernsehsender wurden viele Printjournalisten abgeworben. Das Einkommen eines Journalisten einer Rundfunkanstalt liegt deutlich über dem Gehalt eines Zeitungsredakteurs. Außerdem fehlt es an festgeschriebenen journalisten Grundsätzen: „Das hat zur Folge, dass sie häufig mit Falschmeldungen konfrontiert sind. Behauptungen werden als Tatsachen dargestellt und nicht gegenrecherchiert.“

 
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