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3.2 Hörfunk in Indien

1923 begannen einzelne Amateure des Bombay Radio Club und des Radio Club of Calcutta, erste Sendungen auszustrahlen. Vier Jahre später ging aus den beiden Clubs in Mumbai die erste kommerzielle Radiostation hervor, die sich über Lizenzgebühren und einem Aufschlag pro verkauftem Radiogerät finanzierte. Diese Indian Broadcasting Company (IBC) wurde jedoch 1930 wegen finanzieller Probleme aufgelöst. Auf Druck der britischen Regierung wurde 1935 der Indian State Broadcasting Service (ISBS) ins Leben gerufen, der ein Jahr später in All India Radio (AIR) umbenannt wurde. Die Umbenennung geht auf die Tatsache zurück, dass die Briten der Ansicht waren, Inder könnten das Wort „Broadcasting“ nicht aussprechen. Zunächst entwickelte sich das Radio zögerlich, was an hohen Anschaffungskosten lag. Gemeinsames Radio hören wurde zum Bestandteil indischer Kultur. Im Zweiten Weltkrieg, als AIR verschiedenen Ministerien und der Zentralregierung unterstand, wurde das Radio zu einem Propagandainstrument.

1947 unterhielt AIR ein „Netzwerk von sechs Radiostationen und 18 Transmittern“ . Die damalige Bevölkerung von 350 Mio. Menschen verfügte über lediglich 280 000 Empfangsgeräte, sodass 2,5 Prozent der Landesfläche und 11 Prozent der Bevölkerung erreicht wurden. Finanziert wurde Radio (neben den Gebühren auf Radiogeräte) durch die Regierung, die das Medium als Bildungsund Informationsinstrument sah. Das Programmmotto lautete:

„Bahujan Hitays, Bahujan Sukhaya“ (Wohltaten und Glück für möglichst viele Menschen). Es wurden Nachrichten, Dramen und Musik gesendet, wobei Filmmusik und Werbung tabu waren. Da Filmmusik in Indien jedoch sehr beliebt ist, es aber keinen nichtstaatlichen Hörfunk gab, der dies bediente, hörten die Inder andere Sender über Kurzwelle. Besonders Radio Ceylon (britisch) oder Radio Goa (portugiesisch) erfreuten sich großer Beliebtheit. Die British Broadcasting Corporation (BBC) hat bis heute eine weit verbreitete Hörerschaft. 1957 reagierte man auf die Bedürfnisse der Bevölkerung, indem man mit dem neu gegründeten Sender Vividh Barathi auch dem Bedürfnis nach Filmmusik nachkam. Vividh Barathi, das sich seit 1967 auch über Werbung finanziert, ist heute einer der beliebtesten Radiosender Indiens. Radio wurde in Indien besonders in den 1960er-Jahren beliebt, als preiswerte Transistorradios auf den Markt kamen und sich auch weniger wohlhabende Bevölkerungsschichten ein Empfangsgerät leisten konnten. Das Radiogerät wurde zum Statussymbol. „Umstritten war in diesem Zusammenhang allerdings eine Aktion zur Geburtenkontrolle, bei der die indische Regierung Männern, die sich sterilisieren ließen, ein Radio schenkte, was dem Besitz eines

Radiogeräts einen zweifelhaften Stellenwert zukommen ließ.“

AIR war jahrzehntelang alleiniger Veranstalter von Hörfunk und hatte das Monopol über die Frequenzen inne. Es war dabei nur der Aufsicht des Informationsund Rundfunkministeriums unterstellt. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde der Hörfunkmarkt geöffnet. 1993 wurden erstmals private UKW-Radiostationen zugelassen, die in ausgewählten Zeitfenstern von AIR senden durften. Mit der Mischung aus Unterhaltung, Musik und Call-In-Sendungen wurden besonders jüngere Rundfunkteilnehmer angesprochen. Die Berichterstattung über Nachrichten und aktuelle Themen war den privaten Sendern allerdings nicht gestattet. Zu den erfolgreichsten Sendern zählten Times FM und Radio Mid-Day.

Einen Rückschlag erlitt das Hörfunkwesen 1998. Die privaten Sender wurden entweder verboten oder ihre Lizenzen nicht verlängert. Nach heftigen Protesten durften 1999 150 Sender in 40 Städten ihre Arbeit wieder aufnehmen, allerdings weiterhin mit dem Verbot der aktuellen Berichterstattung. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden weitere Lizenzen versteigert. Wegen extrem hoher Gebühren gingen nur wenige Sender on-air.

Als das staatliche All India Radio nach der indischen Unabhängigkeit auf Sendung ging, gab es nur sechs Sendestationen (Delhi, Mumbai, Kolkata, Chennai, Lucknow und Tiruchirapalli). Heute erreicht AIR mit einem Netzwerk von 229 Rundfunkzentren mit 148 Mittelwellen-, 54 Kurzwellenund 168 UKWFrequenzen 91,79 Prozent des Gebietes von Indien. Damit werden 99,14 Prozent der Gesamtbevölkerung bedient. AIR sendet in 24 Sprachen und 146 Dialekten und wird somit der sprachlichen Vielfalt gerecht. Die Auslandsdienste von AIR senden in 17 nationalen und zehn ausländischen Sprachen. Geschätzte 132 Mio. Radiogeräte stehen in Indien zum Empfang bereit.

Der Aufbau von All India Radio ist dreigeteilt: Das lokale Radio mit den Schwerpunkten Bildung und Entwicklung, die regionalen Programme, die den staatlichen und provinziellen Bedürfnissen gerecht werden und das nationale Radio, welches Nachrichten sowie Sendungen zum Zeitgeschehen und Musikprogramme anbietet.

Das Programm von All India Radio enthält folgende wesentliche Bestandteile:

▪ Nachrichten (mit den stündlichen Nachrichtensendungen aus Delhi),

▪ Musik mit einem Anteil von 40 Prozent und

▪ das gesprochene Wort in Form von Gesprächen, Diskussionen oder Ratgebersendungen

mit einem Anteil von 37 Prozent.

Der Großteil der zu AIR gehörenden Sender unterbricht das Programm zwischen 23:00 und 6:00 Uhr.

Die privaten Sender (meist UKW-Stationen) haben die Radioszene des Landes verändert und treten in massive Konkurrenz zu AIR. Der derzeit größte private Sender ist Radio Mirchi, ein Sender der Times-Group. Mirchi ist seit dem 23. April 2002 über zehn Stationen in mehreren indischen Städten zu empfangen. Insgesamt ist privates UKW-Radio in 128 Städten verfügbar und erreicht ein Drittel der Bevölkerung. Privaten Hörfunkstationen ist es nach wie vor untersagt, Nachrichten zu senden oder zu aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen. Im Unterschied zum Fernsehen besteht im Hörfunksektor ein Nachrichtenmonopol für das staatliche AIR. Davon sind allerdings nur Sender betroffen, die auf UKW senden. Der Deutschen Welle, die über Kurzwelle empfangen werden kann, ist es also gestattet, Nachrichten zu verbreiten. Das Nachrichtenmonopol und die extrem hohen Lizenzgebühren lassen vermuten, dass der indischen Regierung nicht an einer Öffnung des Medienmarktes gelegen ist. Allerdings wird eine Lockerung bzw. Abschaffung des Monopols diskutiert. Im Januar 2008 waren 187 FM-Radiosender in Indien registriert.

 
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