Fernsehen

Fernsehen wurde 1959 als Experiment der UNESCO eingeführt. Ziel war es, in der Region Delhi Bildungsprogramme als Teil der Entwicklungshilfe auszustrahlen. Seit 1965 gibt es ein tägliches Programm. Als man 1972 das Projekt auf acht weitere Städte in Indien ausweitete (Mumbai, Srinagar, Amritsar, Pune, Kolkata, Chennai und Lucknow), war das Wachstum noch sehr verhalten. Der Absatz von Fernsehgeräten war wegen hoher Produktionskosten schwierig. Seit 1976 wird Fernsehen eigenständig unter dem Namen Doordarshan (door: fern; darshan: sehen) geführt. Bis dahin wurden die Sendungen immer unter dem Dach von All India Radio ausgestrahlt.

Erst in den 1980er-Jahren entwickelte sich das Fernsehen zum Massenmedium. Einen großen Beliebtheitsschub bekam es, als im November 1982 die Asienspiele in Delhi stattfanden und Farbfernsehen eingeführt wurde. Außerdem wurden ab 1982 familienorientierte Programme in den Sendeablauf aufgenommen. Telenovelas nach dem Vorbild lateinamerikanischer Sender stießen auf mehr Begeisterung als entwicklungspolitische Bildungsprogramme. Beliebte Telenovelas, wie Ramayana, erreichten in einigen Landesteilen eine Sehbeteiligung von 95 Prozent. In den Jahren 1980 bis 1985 stieg „die Zahl verkaufter Fernsehgeräte von zwei auf fünf Millionen“. Mitte der 1980er-Jahre wurden bereits 80 Prozent der städtischen und 50 Prozent der ländlichen Bevölkerung erreicht. Nicht unerheblich war, dass Indien in Kooperation mit den USA zwei Satelliten in den Dienst stellte. Die Einführung des Farbfernsehens und der zeitgleiche Empfang in ganz Indien sind die Hauptgründe für das massive Wachstum des Fernsehens in den 1980ern.

Einen gravierenden Einschnitt erlebte die indische Fernsehlandschaft 1991, als der Sender CNN live vom Golfkrieg berichtete und somit „den Beginn des transnationalen Fernsehzeitalters einführte“ . Viele indische Familien hatten Angehörige in den Golfstaaten und waren so besonders am Geschehen interessiert. Außerdem faszinierte die Menschen, „live“ am Geschehen beteiligt zu sein. Doordarshan, bis dahin der einzige Anbieter auf dem indischen Fernsehmarkt, sah sich nun einer internationalen Konkurrenz ausgesetzt. STAR TV, ein Satellitenunternehmen von Rupert Murdoch, begann von Hongkong aus nach Indien zu strahlen und stieß auf große Beliebtheit. Zunächst sendete STAR TV nur auf Englisch – später kamen verschiedene Regionalsprachen dazu. Für die privaten Hindi-Sender spielte ZEE-TV eine entscheidende Rolle. ZEE-TV, seit Oktober 1992 auf Sendung, war außerdem entscheidend für die Expansion des Kabelnetzes. In den Folgejahren drangen weitere Sender, wie SONY-TV aus Japan, BBC World, Discovery Channel, National Geographic, MTV oder der pakistanische Sender PTV, auf den indischen Markt. Auch DW-TV wird von fast allen Kabelnetzbetreibern eingespeist.

Entscheidend für die Öffnung des Marktes war ein Urteil des obersten Gerichtshofes im Jahr 1995. Er befand, dass „Funkwellen oder Frequenzen öffentliches Eigentum sind und als solches von einer unabhängigen, öffentlichen Behörde verwaltet werden müssen. Dies führte zum Prasar Bharati Gesetz von 1997“. Prasar Bharati, eine unabhängige Körperschaft mit voller Autonomität, verwaltet und vergibt Frequenzen. AIR und Doordarshan wurden dieser Behörde unterstellt, um deren Unabhängigkeit zu gewähren.

Nachrichtensender, die per Satellit nach Indien ausstrahlen, müssen mehrheitlich im Besitz indischer Unternehmen sein. Die Regierung versucht so, den Trend der globalen „Murdochisierung“ zu stoppen und die einheimische Wirtschaft zu stärken. Für STAR TV bedeutete dies, dass Murdoch binnen kurzer Zeit 74 Prozent seines Senders an einen indischen Unternehmer verkaufen musste. In dem Fall wurden die Anteile von der Pressegruppe Anandabazar Patrika gekauft. Generell muss man festhalten, dass besonders Zeitungsverlage wie India-Today oder Indian-Express an einer Beteiligung im TV-Markt interessiert waren und in den letzten Jahren die Chance nutzten, die Fernsehlandschaft erfolgreich mitzugestalten.

2006 hatte das Fernsehen eine Reichweite von 81 Prozent. Kein anderes Medium erreicht in Indien so viele Menschen. Dabei ist die Fernsehreichweite in den vergangenen Jahren konstant geblieben, während vor allem Print, trotz des Pressebooms, an Reichweite (gemessen an der Gesamtbevölkerung) verliert. Der Grund hierfür liegt in dem gigantischen Bevölkerungswachstum, mit dem die Distribution von Presseerzeugnissen auf dem Land nicht mithalten kann.

Etwa 75 Mio. Haushalte verfügen über einen Fernsehanschluss, darunter knapp die Hälfte per Kabel. Andererseits muss den Zahlen hinzugefügt werden, dass noch rund 40 Mio. Haushalte nur terrestrischen Empfang haben und somit nur die staatlichen Doordarshan-Programme empfangen können. So ist zwar die Mehrheit der Menschen Indiens in Reichweite von Fernsehen, hat jedoch keine Programmauswahl. Doordarshan zählt heute mit 1 134 Sendeanlagen, 64 Produktionszentren und 23 Kanälen zu einem der größten Fernsehnetzwerke der Welt. Weiterhin betreibt Doordarshan rund 100 Satellitenprogramme. Ingesamt gibt es derzeit in Indien 255 TV-Känale. Dies hat zur Folge, dass besonders in den urbanen Räumen ein großer Verdrängungswettbewerb herrscht.

Abbildung 1: Reichweite der Medien

Fernsehen ist nicht nur das am weitesten verbreitete Medium, sondern auch jenes mit der größten Nutzung. Allerdings geht die für Fernsehen aufgewendete Zeit zurück. Dies gilt sowohl für Werktage, als auch für Wochenenden. Im Schnitt sehen an einem Werktag 386 Mio. Menschen 107 Minuten fern. Damit führt Fernsehen die tägliche Mediennutzung deutlich vor Radio (80 Min.), Internet (60 Min.) und Printprodukten (35 Min.) an.

Tabelle 1: Mediennutzungsverhalten in Indien (in Minuten)

An Wochentagen

Presse Fernsehen Radio Internet

Leser (Mio.) Zeit

Zuschauer (Mio.) Zeit

Hörer (Mio.) Zeit

User (Mio.)

Zeit

2000

2001

2002

2003/04

2005

232

233

231

252

360

32

31

30

29

35

333

343

350

370

386

114

110

112

108

107

122

105

101

138

153

64

63

66

80

80

3

5

8

12

12

65

65

66

58

60

An Sonnund Feiertagen

Presse Fernsehen Radio Internet

Leser (Mio.) Zeit

Zuschauer (Mio.) Zeit

Hörer (Mio.) Zeit

User (Mio.)

Zeit

2000

2001

2002

2003/04

2005

223

225

222

261

370

35

34

32

31

37

334

349

357

376

390

139

129

129

124

122

120

104

103

131

149

67

65

68

81

83

2

4

6

10

11

68

66

69

57

59

Von der für Fernsehen aufgewendeten Zeit entfallen rund 60 Prozent auf Satellitensender und 40 Prozent auf das terrestrische, staatliche Fernsehen. Infrastrukturell bedingt, erreicht allerdings das staatliche Doordarshan mit 259 Mio. Menschen die meisten Inder. Weit davon abgeschlagen liegen die bedeutendsten Satellitensender STAR PLUS (54 Mio.), SONY (41 Mio.) und ZEE-TV (36 Mio.). Zusammen betrachtet, besitzen die Satellitenkanäle eine Zuschauerschaft von 166 Millionen Menschen.

 
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