Bollywood – die indische Filmindustrie

Die Filmindustrie hat in Indien eine lange Tradition. 1899 drehte der indische Fotograf Harischandra S. Bhatvadekar mit The Westler den ersten Kurzfilm seines Landes. Die Inder wollten nicht nur Filme von den damaligen Filmnationen England und Frankreich sehen, sondern auch Produktionen mit einheimischen Schauspielern.

1912 wurde der erste indische Spielfilm gedreht. R.G. Torneys und N.G. Chitre verfilmten die Legende eines alten heiligen Mannes. Als Vater des indischen Films gilt jedoch der aus einer Priesterfamilie stammende Dhundiraj Govind Phalke, der 1913 mit seinem Debüt Raja Harishchandra große Erfolge feierte. Ihm ist es zu verdanken, dass sich der indische Film zu einer „selbstständigen Kunstform und Wirtschaftsbranche entwickelt hat“ . Zentrum mit mehreren Studios wurde Mumbai (Bombay). Der Erste Weltkrieg stoppte den Aufschwung des Filmes. Erst Ende der 1920er-Jahre, als das Selbstbewusstsein des indischen Volkes wuchs, entwickelte sich ein neues filmisches Schaffen. Dies fiel mit dem Ende der Stummfilmära zusammen. Am 14. März 1931 lief Alam Ara (Licht der Welt), der erste in Indien produzierte Tonfilm, in den Kinos an. Der Siegeszug des Tonfilmes brachte jedoch auch Probleme mit sich. Besonders die breit gefächerte sprachliche Struktur des Landes erforderte es, dass Filme in Hindi-Urdu produziert werden. Diese Filmsprache wird von einer Vielzahl von Menschen in Indien verstanden, ohne dass sie sie lesen oder schreiben könnten.

Einen weiteren Schub erfuhr der Filmmarkt in den 1940er-Jahren, als aufgrund von Industrialisierung und Aufrüstung viele Menschen die ländlichen Gebiete verließen und in die Städte zogen. Fern von der Heimat und der gewohnten Umgebung flüchteten sie sich im Kino in eine Traumwelt, die sie die Konflikte zwischen Tradition und modernen Leben für eine Weile vergessen ließen.

1952 fand in Mumbai, Chennai und Kolkata das erste internationale Filmfestival statt. Im Zuge dessen gründeten einige Regisseure, darunter auch Raj Kapoor, eigene Filmunternehmen. In diese Zeit der frühen 1950er-Jahre fallen Filme, die weltweit vertrieben wurden und Anerkennung fanden. Dazu gehören vor allem Awara (Der Vagabund, 1951) und Do Bigha Zameen (Zwei Hektar Land, 1953). Die 1960er-Jahre waren geprägt von zahlreichen Mainstream-Produktionen. Der Glanz des filmisch-kreativen Schaffens der 1950er-Jahre verblasste und es dominierten unterhaltungsorientierte Multi-Genre-Filme. Aufgrund dieses Qualitätsverlustes kam es in den 1970erund 1980er-Jahren zu einer Filmkrise, die durch Finanzierungsprobleme verstärkt wurde.

Aufschwung brachten die 1990er-Jahre. Hauptgrund hierfür ist die Umsetzung neuer Marketingstrategien. Außerdem wurde die Filmmusik bewusster eingesetzt und vermarktet. 65 Prozent aller verkaufter Musik in Indien ist Filmmusik. Ein dritter wichtiger Grund ist die Tatsache, dass nun aufgrund der verbesserten Infrastruktur ein Film in bis zu 500 Kinos gleichzeitig laufen konnte. Die Finanzierungsprobleme wurden gelöst, indem man stärker auf Ausstrahlungsrechte, DVDs und Merchandisingartikel setzte. Der Verkauf von Rechten macht geschätzte 70 Prozent der Einnahmen des indischen Films aus. Dadurch wurde das Filmgeschäft weniger risikoreich. Außerdem sorgte eine Reihe von neuen Stars in der Filmszene für neuen Glanz und internationale Aufmerksamkeit.

Das kommerzielle Kino Indiens ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts das Produktivste der Welt. 2006 wurden 1 091 indische Kino-Spielfilme produziert, die zu 3,2 Mrd. verkauften Tickets führten. Hinzu kommen laut Central Board of Film Certification (CBFC) 7 242 indische Kurzfilme allein im Jahr 2006. Damit liegt Indien unangefochten an erster Stelle weltweit. Die indische Filmindustrie bringt mehr als das Doppelte der Anzahl von Hollywoodproduktionen hervor. Deshalb verbindet man mit dem indischen Film auch das Wort Bollywood, eine Kombination aus Bombay und Hollywood. Das heutige Mumbai ist Zentrum des kommerziellen Hindi-Kinos. Ein zweites Produktionszentrum ist in Südindien um Hyderabad und Andhra Pradesh zu finden. Die Ramoji Film City in Hyderabad ist der größte Filmstudiokomplex der Welt. 20 internationale und bis zu 40 indische Produktionen können hier gleichzeitig erstellt werden. Kleinere Produktionsstätten gibt es in fast allen Landesteilen. Die indische Filmindustrie ist mit einem Jahresumsatz von rund 80 Mrd. indische Rupien zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor des Landes geworden.

Kino und Film spielen eine bedeutende Rolle im modernen Indien: „Kino ist unsere zweite Religion, in manchen Fällen sogar unsere erste Religion“ . Die Aussage der indischen Fotografin Dayanita Singh spiegelt die Bedeutung und Verwurzelung des Films im Land wider. „Es leistet unbestritten einen Beitrag zum Bewusstsein und zur Erzeugung von Werten und trägt zur Bereicherung der Kultur bei“ . Thematisch wird Kino von einer „Mixur aus Liebesfilmen und Familiendrama mit Actionanteilen und obligatorischen Tanzund Gesangsszenen“ bestimmt. Ein Film dauert oftmals mehr als drei Stunden. In den letzten Jahren war häufig zu beobachten, wie auch Themenschwerpunkte aus Europa oder Amerika in den indischen Film eingearbeitet wurden. Der indische Markt richtet sich thematisch zunehmend nach Westen aus, um auch künftig im außerasiatischen Raum einen größeren Absatzmarkt zu erschließen. Somit wird das klassische Themengefüge aus hinduistischen Werten, Familientradition, Elternautorität, Gehorsam, arrangierter Ehe und Unterwürfigkeit des weiblichen Geschlechtes aufgebrochen.

Die etwa 13 500 Filmtheater des Landes ziehen täglich rund 15 Mio. Besucher an. Dabei wird auch die Landbevölkerung in abgelegenen Gebieten erreicht. Die im November 2007 vorgelegte Studie Dodona Research-Cinemagoing India besagt, dass es 2011 jährlich 4 Mrd. Kinobesucher in Indien geben soll. Basis dafür ist vor allem die wachsende Mittelschicht. Es wird prognostiziert, dass binnen fünf Jahren der Umsatz durch den Verkauf von Kinokarten um 30 Prozent steigt. Bereits heute wird die Hälfte aller Kinobesuche weltweit in den Kinos Indiens gemacht.

 
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