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Einführung

„Es ist schon ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle. Denn, wenn die Frage an sich ungereimt ist, und unnötige Antworten verlangt, so hat sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen doch den Nachteil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten, und den belachenswerten Anblick zu geben, dass einer … den Bock melkt, der andere ein Sieb unterhält.“

Immanuel Kant, 1787: Kritik der reinen Vernunft, Kap. 24

1. Interviewen – Handwerk und keine Kunst

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sollen in einer Stunde ein vierminütiges Interview führen, live und vor Studio-Publikum. Die Redakteurin hat (warum?) eine Dame eingeladen, die anderen Menschen das Telefonieren beibringt. Andere Menschen: das sind meistens Mitarbeiter von Dienstleistern, vor allem Mitarbeiter von Banken, die wiederum andere Menschen anrufen und von günstigen Geldanlagen überzeugen wollen. Sie wissen auch, d.h. die Redakteurin hat es Ihnen gesagt, dass die Gesprächspartnerin, Frau Huber, auch Grundsätzliches zur Kommunikation am Telefon erzählen kann. Was ist zu tun?

Sie führen (warum?) kein Vorgespräch mit Frau Huber – oder doch (warum?)? Finden Sie das interessant, was Frau Huber tut? Wie gefällt Ihnen Frau Huber? Wie redet sie: anschaulich, kompliziert? Wie leicht lässt sie sich unterbrechen? Warum lässt sich Frau Huber interviewen, welches Interesse verfolgt sie oder könnte sie haben?

Was soll Ihr Informationsziel sein, was sollen Ihre Zuschauer nach den vier Minuten erfahren haben? Wer sind Ihre Zuschauer? Was könnte für diese interessant sein an dem Thema? Wie wollen Sie anmoderieren, wie lautet Ihre erste Frage, die zweite, die dritte, wie wollen Sie aussteigen?

Wie jetzt? Zu viele offene Fragen für vier Minuten Arbeit? Und doch, mindestens diese Fragen sind mehr oder weniger bewusst vor dem Interview zu beantworten. Wir meinen: lieber bewusster! Interviewen: Kunst oder Handwerk? Wir beginnen mit einigen grundsätzlichen Überlegungen, auf das Beispiel kommen wir in Kapitel 6 zurück.

Es gibt immer noch Redakteure, die behaupten, Interviews, ebenso wie andere journalistische Formen (Moderation, Reportage), seien eine

„Kunst“, etwas, „was man kann oder nicht kann“. Dieses Argument ist fragwürdig. Da es häufig von älteren Redakteuren benutzt wird, könnte es eine Schutzbehauptung sein: Weil man es selbst nie gelernt und dennoch eine hohe Position erreicht hat, fühlt man sich darin bestätigt, es halt gekonnt zu haben. Das mag im Einzelfall eine berechtigte Selbstwahrnehmung sein – eine Regel lässt sich hieraus jedoch nicht ableiten. Im Gegenteil: Solche Ratschläge und Urteile vermindern den Ehrgeiz von Journalisten und letztlich die Qualität der Beiträge.

Wir vertreten die Auffassung, Interviewen, Moderieren und Reportieren sind journalistisches Handwerk, erlernbar wie jedes Handwerk. Es gibt, um bei dem Vergleich zu bleiben, ungelernte, angelernte und Fach-Arbeiter, aber auch einige Meister. Unsere Absicht ist es, Ratschläge zu geben, die zumindest bis zum Facharbeiter führen, darüber hinaus Wege zum Meister zeigen.

Die Spanne dessen, was sich danach dem Handwerk eröffnet, ist noch immer beträchtlich, weil jeder – sofern es der Sendeplatz erlaubt –, den eigenen Stil finden muss. Dabei besteht offensichtlich kein Zusammenhang zwischen dem Bekannheitsgrad eines Interviewers und der handwerklichen Qualität des Interviews. Deshalb haben Anne Will, Gabi Bauer, Marietta Slomka, Claus Kleber, Caren Miosga, Ingo Zamperoni, Maybritt Illner, Michel Friedman, Frank Plasberg, Gert Scobel, Ulrich Meyer, Günther Jauch, Franz Xaver Gernstl, Giovanni di Lorenzo, Ina Müller, Bettina Tietjen & Alexander Bommes, Jürgen Domian, Gero von Boehm, Peter Voss, Markus Brock, Frank Elstner, Wolfgang Heim, Stefan Siller, Petra Zundel

& Katja Heijnen, Gerhard Delling, Johannes B. Kerner & Sandra Maischberger, Michael Steinbrecher, Katrin Müller-Hohenstein & Rudi Cerne, Heike Götz, Götz Alsmann & Christine Westermann, Christoph Minhoff, Markus Lanz, Michael Hirz, Lutz van der Horst, Gabi Dietzen, Stefan Schlag, Ursula Heller, Barbara Stöckl, Bettina Böttinger, Britt Hagedorn, Stefan Raab, Alexander Kähler, Martin Sonneborn, Jörg Tadeusz, Katrin Bauerfeind, Elisabeth H. Spira, Jochen Spengler, Jan Böhmermann und Armin Wolf (und wen wir noch vergessen haben), außer ihrer TVund Hörfunk-Prominenz wenig gemeinsam.

Unser Gegenstand:

Das Interview ist ein zielgerichteter Wechsel von Fragen und Antworten, wobei eine Person nur fragt, die andere nur antwortet. Es ist von Seiten des Interviewers ein planvolles Vorgehen mit der Absicht, eine andere Person durch eine Reihe (mindestens zwei!) gezielter Fragen, Vorhaltungen und nonverbaler Reize zu Antworten zu bewegen. Dass versierte Pressesprecher versuchen, durch gezielte Antworten und nonverbale Reize (z.B. Büffets) angenehme Fragen zu provozieren, zeigt nur, wie abhängig Interviewer und Befragte voneinander sind – was das Interviewen aber auch so spannend macht. Um das Interview gegen ein Statement abzugrenzen, sollten mindestens zwei Fragen und zwei Antworten auftreten.

Nehmen wir es noch genauer: Um ein Interview zum Interview zu machen, müssen sich die Fragen – zumindest teilweise – auf die Antworten beziehen, weil sonst die Gefahr zu groß ist, dass dann doch nur „Fragen an...“ gestellt werden. Das „Fragen an...“ hat ja durchaus seinen Reiz, was wir spätestens seit den „100 Fragen an“ von Moritz von Uslar wissen, aber auch nur dann, wenn der Frager auf ein Gegenüber trifft, der das Spiel mitspielt. Sonst bleiben bestenfalls die Fragen amüsant.

Jedes Interview ist asymmetrisch: Der Interviewer fragt, der Befragte antwortet. Wie sicher wir uns dieser Rollen sind, merken wir an unserem Erstaunen bis Entsetzen, wenn der Befragte eine Gegenfrage stellt, z.B.

„Was verstehen Sie denn unter einer Zweidrittelgesellschaft?“ oder „Warum sind Sie so ungenau?“ oder gar „What's your question?“.

Wenn der Interviewer sich darauf einlässt und inhaltlich antwortet, schlägt das Interview in ein Gespräch um. Aber auch, wenn er seine Frage mit einer eigenen inhaltlichen Stellungnahme beginnt. Zum Interview zurück findet der Interviewer dann, wenn der Befragte die alte Rollenteilung wieder akzeptiert; also durch eine Frage, die er ohne weitere Rückfrage beantwortet. Das Interview wird um so eher zu einem Gespräch, je höher das Vorwissen und das Engagement des Interviewers ist, das sich häufig in Kommentaren und Bewertungen zeigt. In solchen Fällen setzen Interviewer und Befragter leider oft voraus, dass auch die Empfänger über ein ähnlich großes Wissen verfügen, – was in Kulturund Sportsendungen häufiger vorkommt (vgl. Interview 4).

 
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