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7. Vorgespräch

Kaum ein Element des Interviews ist unter Journalisten so umstritten wie das Vorgespräch. Sollte man überhaupt eines führen oder ist dann „die Luft raus“? Reicht die Zeit für ein Vorgespräch? Was geschieht, wenn man es nicht führt? UND Wenn man doch eines führt – wie am besten? Knapp formuliert, lautet unser Ratschlag: Führen Sie ein Vorgespräch. Führt man es, kommt es auf das „Wie“ an und darauf, ob es sich um ein Informationsoder ein kontroverses bzw. Rechtfertigungs-Interview handelt.

Der Interviewer sollte im Vorgespräch offen sein und die Befragte nach Ansichten und Fakten fragen. Er sollte der Befragten nicht den Eindruck vermitteln, schon alles über das Thema zu wissen und schon gar nicht, bereits feste Meinungen zu haben. Fragt der Interviewer nur seine eigenen Meinungen zu dem Thema ab, wird die Befragte freundlich, aber „zu“ sein.

Vorgespräch bei Informations-Interviews:

Ein Vorgespräch ist bei allen „Informations-Interviews“ erforderlich,

• damit der Interviewer Information über ein ihm wenig vertrautes Thema erhält: das Vorgespräch als Recherche;

• um zu prüfen, ob die Informationen im Material, z.B. Zeitungsberichten, stimmen;

• um das Thema einengen zu können;

• zur Absprache der „Punkte“, aber nicht der genauen Fragen;

• zur Absprache über: Zielgruppe(n), Definitionen, Fremdwörter („Signifikanz“), Fachausdrücke („karzinogen“), Zahlen, ein Beispiel; und um Ausdrücke wie „Strukturproblem“, „Zuständigkeit“ oder „Alleinstellungsmerkmal“ zu vermeiden;

• um das nonverbale Verhalten des Befragten kennen zu lernen (z.B. lässt er sich nur schwer unterbrechen?);

• um die Interessen der Befragten kennen zu lernen; stellen Sie am Ende des Vorgesprächs die Frage: „Gibt es etwas, was Ihnen an dem Thema besonders wichtig ist?“

• Bei einem unsicheren Befragten empfehlen wir: Schreiben Sie sich die erste Frage (und nur diese) auf und nennen Sie diese bei einem Informationsinterview dem Befragten vorab. Damit werden Sie und vor allem der Befragte ruhiger, wenn die erste Frage im Interview auch so kommt.

Nach unseren leidvollen Erfahrungen hat es sich als sehr wichtig herausgestellt, die Informationen in dem Recherchematerial im Vorgespräch zu prüfen. So lag einem Interview mit einem Befragten der Stiftung Warentest ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29. 8. 1997, S. 15, zugrunde, der überschrieben war „Stiftung Warentest streitet immer öfter mit Anbietern vor Gericht“. Der ansonsten informationsund zahlenreiche Artikel enthielt aber keine Angaben dazu, wie viele Prozesse in welchen Jahren geführt worden waren, sondern nur, dass es zwölf Prozesse im Jahre 1996 waren. Das „immer öfter“ wurde im Artikel nicht belegt, weshalb der Gesprächspartner erst einmal gefragt werden musste, ob es tatsächlich 1995 weniger Prozesse waren, um dann beide Zahlen auf die (im Bericht mitgeteilten) Zahlen der Tests in 1995 und 1996 zu beziehen. Nur dann wäre es gerechtfertigt, „immer öfter“ zu übernehmen, z.B. in die Anmoderation.

Stellen Sie im Vorgespräch nicht die Fragen des Interviews, sondern prüfen Sie nur, ob die Befragte zu dem „Punkt“ etwas weiß. Wenn ja, so unterbrechen Sie ihn mit: „Ist gut. Sagen Sie mir das doch bitte nachher im Interview“.

Vorgespräch bei kontroversen bzw. Rechtfertigungs-Interviews:

Hier ist nur ein sehr knappes Vorgespräch sinnvoll: um die Art der Argumentation und des nicht-sprachlichen Verhaltens kennen zu lernen. Liegt nicht ohnehin eine Zeitspanne zwischen Vorgespräch und Interview, dann machen Sie eine Pause zwischen Vorgespräch und Interview. In dieser Zeit können Sie zweierlei tun:

• das Konzept des Interviews überdenken und die Zahl der Punkte verringern;

• sich überlegen, was Sie über das nicht-sprachliche Verhalten des Befragten gelernt haben und was dieses für Ihre Fragestrategie bedeutet,

z.B. sich auf das Unterbrechen einzustellen oder einen schüchternen Befragten durch Nicken und Lächeln zu ermuntern.

Es ist überhaupt kein Problem, den Befragten für einen Moment allein zu lassen, wenn Sie sagen „Sie haben mir jetzt soviel erzählt/so viele wichtige Informationen gegeben, die muss ich erst einmal sortieren/darüber muss ich einen Moment nachdenken“. Falls Ihnen gar nichts einfallen sollte, so bleibt Ihnen die Ausflucht, dass Sie erst einmal auf die Toilette müssen. In fast allen Fällen wird die zu befragende Person diese Pause akzeptieren.

Wie erwähnt, ist eine wichtige Aufgabe des Vorgesprächs die Recherche; dann ist wiederum zu prüfen, ob der Bericht, der als Ausgangsmaterial dient, korrekt ist. Sollte dies nicht der Fall sein und der Interviewer verwendet eine falsche Zahl oder Aussage in der Anmoderation und/oder einer Frage, so wird die Befragte ihn korrigieren, z.B. mit „Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich zunächst richtig stellen, dass wir nicht zehn, sondern nur vier Klagen hatten”. Dann macht die Befragte eine Pause, sowohl der Interviewer als auch die Empfänger sind aus dem Interview heraus, bis dann der Interviewer sagt: „Zurück zu meiner Frage ...“.

Dem Vorgespräch geht eine Recherche voran. Wie sich hierbei ein komplexes Thema zerlegen lässt, wollen wir am Beispiel „Ganztagsschule“ (GTS) erläutern. Ausgangspunkt ist der Artikel „Jeder zweite will mehr Ganztagsschulen“ in Abbildung 3. Das Thema ist ein Musterbeispiel für politische Programme und Maßnahmen, die sich – im wörtlichen Sinne – viel versprechend anhören, aber in der „Umsetzung“, wie das meist genannt wird, beträchtliche Schwierigkeiten aufweisen; oft so große, dass sie die Ziele des Programms infrage stellen. Das gilt auch hier.

Die Aufgabe der Journalisten, der „vierten Gewalt“, ist es dann, herauszuarbeiten, wie realistisch solche Programme und Versprechen sind, sie fragen nicht „Wie soll das gehen?“ sondern „Wie kann das gehen?“ Widersetzen Sie sich dem Verlautbarungsjournalismus (vgl. Kap. 14).

 
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