Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Das journalistische Interview
< Zurück   INHALT   Weiter >

Strategien der Befragten in kontroversen Interviews

In einem kontroversen Interview geht es um strittige Sachverhalte. Deshalb wollen wir von dem Befragten eine möglichst eindeutige Stellungnahme erhalten, er soll Position beziehen. Am Ende soll ein „Ja“ oder ein „Nein“ zu einer der möglichen (im einfachsten Falle zwei) Positionen stehen. Um sich jedoch nicht festzulegen, wählen Befragte stypischerweise eine der folgenden Strategien:

a) Ausweichen,

b) Beschreibung statt Rechtfertigung,

c) „Leimrute“,

d) Frage ersetzen,

e) Gegenfrage.

a) Ausweichen

I: Wird das ohne Steuererhöhungen gehen? B: Wir wollen die Steuern nicht erhöhen.

Jetzt muss der Interviewer nachhaken; entweder mit:

I: Wollen Sie nicht, werden Sie aber müssen. (Ein Statement) B: Nein, das ist nicht zwingend.

I: Wie wollen Sie sonst X finanzieren?

oder

I: Was macht Sie da so sicher?

Entscheidend ist, dass der Interviewer nachhakt. Das wiederum erfordert, genau zuzuhören und nicht die nächste Frage von seinem Zettel zu stellen. Das tut die I im folgenden Beispiel 29, aber der B weicht nicht nur mehrfach aus, sondern gibt auch noch lange Antworten. Die I hätte das Interview nach der Antwort „Wir müssen den Haushalt …“ abbrechen sollen.

Interview 29

ZDF heute journal, 29. 10. 2009

Marietta Slomka – Andreas Pinkwart, FDP

Marietta Slomka zählt noch einmal auf, welche Sparmaßnahmen die FDP vorschlägt.

I: Ja, darüber wollen wir uns jetzt mit Andreas Pinkwart unterhalten, dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden, NRW-Landeschef und einer der Verhandlungsführer in Berlin. Guten Abend, Herr Pinkwart.

B: Guten Abend.

I: Wir haben gerade gesehen, wie Ihr Finanzexperte Solms das Schuldenloch zu buddelt. Schauen wir uns das noch mal an: Wenn man sich das so anguckt: Witwenrente kürzen, Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer streichen, Elterngeld für Arbeitslosen geld 2-Empfänger streichen, Investitionen zum Klimaschutz im Ausland streichen, Maßnahmen zur Eingliederung behinderter Menschen streichen, und so weiter. Sind Sie jetzt so mutig, zu 1 sagen: Jo, das kommt, das setzen wir durch?

B: Das was Sie hier vortragen, ist ein Sparbuch, das die FDPBundestagfraktion zum letzten Bundeshauhalt 2009 vorgelegt hat. Aus diesen Vorschlägen ist nichts geworden, weil die Regierung sie seinerzeit nicht übernommen hat, sondern sie hat in den

letzten Jahren durch die Bank über ihre Verhältnisse gelebt ...

I: Aber jetzt kommen Sie ja an die Regierung ... B: ... hinzugetreten ...

I: ... jetzt können Sie das ja machen ...

B: ... ist die Finanzkrise; schwierigste Krise seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Und diese Krise hat insgesamt äh den Gesamtstaat in eine sehr schwierige Haushaltslage hineingebracht und was wir jetzt machen müssen, ist doch nicht, dass wir gegen die Krise ansparen können, sondern wir müssen jetzt die

13. Kontroverses Interview

Krise gestalten; das heißt, wir müssen neben Steuersenkungen vor allem für kleine und mittlere Einkommen und die mittelständischen Betriebe vor allen Dingen Deutschland wieder auf einen klaren Zukunftskurs bringen, durch ein energiepolitisches Gesamtkonzept ...

I: Herr Pinkwart, das ist all das, was Sie ...

B: ...durch Investitionen in Bildung und Forschung ...

I: ... Herr Pinkwart, das ist all das, was Sie uns im Wahlkampf auch schon erzählt haben. Aber wir sind ja jetzt ganz gespannt,

wie Sie das finanzieren wollen... B: Ja, aber das ist jetzt ...

I: Werden Sie jetzt Sparmaßnahmen, werden Sie Sparmaßnah men ergreifen oder wollen Sie das ohne Sparmaßnahmen schaffen?

B: Wir müssen den Haushalt, die Haushalte insgesamt, in Ordnung bringen. Und wer die Haushalte in Ordnung bringen möchte, vor allem den Bundeshaushalt, der muss vor allen Dingen eines schaffen: Wachstum und Beschäftigung, denn das – haben Sie ja eben selbst in Ihrem Diagrammsozialen gezeigt – dass gerade hier die sozialen Sicherungssysteme und deren Stabilität ganz wesentlich den öffentlichen Bundeshaushalt mit bestimmen. Und wenn wir den Arbeitsmarkt nicht in Ordnung bringen, und wenn wir nicht dafür sorgen, dass wir ein nachhaltiges Wachstum bekommen, dann können wir an allen Enden und Enden sparen – wir werden den Haushalt nicht sanieren können. Deswegen hat

eine konsequente Wachstumspolitik Vorrang. Und dann ..

I: (versucht zu unterbrechen) ...

B: Dann kommt hinzu, dass man jeden Bereich im öffentlichen Haushalt viel kritischer unter die Lupe nimmt als das in der Vergangenheit, nicht nur beim Bund, auch bei anderen, der Fall war. Heute hat der Bund der Steuerzahler einen neuen Bericht vorgelegt, sein Schwarzbuch, und hat festgestellt, dass im vergangenen Jahr in Deutschland in öffentlichen Haushalten 30 Milliarden Euro verschwendet wurden ...

I: Herr Pinkwart, wir wollten eigentlich über Maßnahmen der FDP sprechen und nicht über das Schwarzbuch vom Bund der Steuerzahler, sonst hätten Sie ja auch damit Wahlkampf machen können. Kommen wir noch mal darauf zurück ...

B: Ja, aber das sind doch wichtige Vorschläge drin enthalten ...

I: Herr Pinkwart, Sie wollen ja noch nicht einmal,

B: wie zum Beispiel in unserem Liberalen Sparbuch ...

I: Herr Pinkwart, Sie wollen ja im Moment noch nicht einmal zugeben, dass Sie diese 10 Milliarden, mit denen Sie im Wahlkampf Werbung für sich gemacht haben, durchsetzen. Wenn Sie sich das nicht trauen, wie wollen Sie denn dann die Haushaltslücke insgesamt schließen, die beträgt 86 Milliarden mindestens allein im letzten Jahr?

B: Wir wollen den Haushalt durch zwei wesentliche Maßnahmen in Ordnung bringen: Eine klare Wachstumsstrategie und zum anderen ein nachhaltiges, vernunftgeleitetes Sparen. Und wenn Sie eben zum Beispiel aus unserem Sparbuch gesagt haben, dass die Bundesregierung die Zahl der Staatssekretäre reduzieren sollte, wenn die Bundesregierung die Öffentlichkeitsarbeit in einem vernünftigen Umfang macht mit weniger Hochglanzbroschüren als die letzte große Koalition, dann können Sie damit Geld sparen, d.h. durch vernunftgeleitetes Ausgeben und das können Sie Titel für Titel im Haushalt durchgehen und dann werden Sie über die Zeit sehen, dass Sie sehr nachhaltig sparen können aber nicht ...

I: Aber insgesamt ...

B: ... indem bei den Leistungsbeziehern Leistungen kürzen. Das wollen wir nicht.

I: Okay. Bei diesen 10 Milliarden, von denen ja dann vielleicht das eine oder andere – wenn es denn irgend geht und nicht allzu

viel Aufmerksamkeit verursacht – durchgeführt wird, bleiben es

10 Milliarden. Dem nächsten Haushalt fehlen 86 Milliarden, außerdem wollen Sie noch Steuern senken, Milliarden. Wo kommt das Geld her?

B: Dem Haushalt fehlen vor allen Dingen dann Mittel, wenn wir weiter davon ausgehen müssen, dass die Wirtschaft schrumpft oder nicht in dem Maße wächst, wie es notwendig wäre. Wenn wir nicht davon ausgehen, dass wieder Beschäftigung entsteht, sondern die Beschäftigung weiter abgebaut wird ...

I: Jetzt ...

B: ... dann wird die Verschuldung weiter steigen, deswegen ist das der Dreh und Angelpunkt überhaupt für eine vernünftige

Konsolidierungspolitik.

I: Herr Pinkwart, ich halte fest, Sie wissen nicht, wie Sie die Steuererleichterungen uns finanzieren wollen, und Sie wollen

auch nicht zugeben, dass Sie vorhaben, tatsächlich so zu sparen,

wie Sie im Wahlkampf angekündigt haben.

B: Wir haben deutlich gemacht, dass wir sparen wollen, aber mit Sinn und Verstand und vor allem auch nachhaltig, zum Beispiel, indem wir auch Doppelstrukturen aufheben. Nehmen Sie zum Beispiel mal die Energieforschung in Deutschland. Für die Energieforschung in Deutschland sind fünf Bundesministerien und 54 Landesministerien zuständig.

I: Also wenn Sie die zusammenlegen, das wäre einmal ein Sparvorschlag zum Beispiel.

B: Ja, das das sind das eine, ich hab' eben schon andere genannt. Nehmen Sie sich den Bundeshaushalt der letzten Jahre. Die Bundesrepublik Deutschland hat an China Entwicklungshilfe gezahlt, bis heute. Ich frage Sie, warum sollen wir an China, ein Land, das uns eben schon als Exportnation überrundet hat, heute noch Entwicklungshilfe zahlen?

I: Das ist ein ...

B: Das sind alle Positionen ..

I: Das ist ein eher kleiner Betrag, damit werden Sie Ihre 35 Milliarden, werden Sie damit nicht finanzieren können.

B: Ja, sehen Sie ...

I: Aber wissen Sie ...

B: ...Sie machen es sich zu leicht. Sie wollen die Einzelmaßnahmen abfragen; wenn ich Sie Ihnen benenne, dann sagen Sie, es reicht nicht.

I: Ja, das sind 10 Milliarden; ich kann ja rechnen.

B: Und dann sollte man an den Privathaushalt. Wenn der Privathauhalt irgendwo streichen will, dann wird er nicht am Notwendigen streichen, sondern er wird an dem streichen, was nicht notwendig ist. Und das sind im Regelfall viele kleine Ausgabepositionen, die in der Summe aber eine ganz große Wirkung entfalten ...

I: In der Summe sind das 10 Milliarden ...

B: ... und diese Disziplin müssen wir in der Zukunft eben an den Tag legen.

I: In der Summe sind das 10 Milliarden, und der das sind Haushaltsdefizit nächstes Jahr 86 Milliarden und die Steuererleichterungen sind 35 Milliarden. Also ich kann schon rechnen (lacht).

B: Ja, ich kann auch rechnen, und ich sage Ihnen, dass wir jetzt aus der tiefsten Wirtschaftskrise, die unser Land hatte, herauskommen wollen, dann müssen wir vor allem eines machen: Wir müssen die Wirtschaftskräfte stärken und es geht nicht an, dass wir die Krise auf dem Rücken der kleinen und mittleren Einkommensbezieher meinen finanzieren zu können, vor allem auf dem Rücken der Familien mit Kindern, die dringend der Entlastung bedürfen ...

I: Lassen ...

B: ... und wenn wir dort nichts ändern und beim Mittelstand, dann werden wir auch Wachstum und Beschäftigung nicht organisiert bekommen.

I: Herr Pinkwart, vor diesem Hintergrund: Sind Sie eigentlich traurig, dass die FDP nicht das Finanzministerium bekommt,

sondern dass das aller Voraussicht nach Thomas de Maizière

machen wird?

B: Wir reden jetzt über Inhalte, wie wir unser Land insgesamt nach vorne bringen können, und dann reden wir darüber, wer für welche Ressorts Verantwortung übernimmt. Ich bin ganz sicher, wir werden bei den Inhalten eine zukunftsgerichtete Entscheidung bekommen und auch bei der Besetzung der Ressorts.

I: Wir sind gespannt. Dankeschön, Herr Pinkwart. B: Vielen Dank.

Anmerkungen

1: Frage wäre ohne die Sätze „Schauen ...“ kürzer gewesen.

2: Sie hätte ihn hier schon zensieren sollen: „Herr Pinkwart, meine Frage war , ob Sie diese Sparmaßnahmen jetzt umsetzen?“

3: Dieses Ausweichen von Pinkwart ist unerträglich. Deshalb nochmals: „Herr Pinkwart, das beantwortet nicht meine Frage. Werden Sie Ihre Sparmaßnahmen umsetzen – Ja oder Nein?“ Und nun müsste er eigentlich / hoffentlich eine klare Antwort geben.

4: Das ist eine Umschreibung dessen, was wir in (3) vorgeschlagen haben. Solche Politiker müssen stärker zu Antworten gezwungen werden. Das geht am besten mit kurzen Fragen.

5: Ja, so legt sie ihn fest.

6: Das ist ein Problem: Der B setzt keine klaren speech turn signals – weshalb die I denkt, seine Antwort sei durch. Es ist aber auch eine Form von Macht, die hier über I ausgeübt wird – ich rede solange ich will. (Sehr wahrscheinlich sind die Wirkungen des B auf die E sind bis zu diesem Zeitpunkt schon miserabel.)

7: Kürzer wäre hinter „Steuerzahler“ gleich die Frage. 8: „Wie viele Millionen können Sie damit sparen?“

9: Den Teil „Bei diesen 10 Milliarden, von denen ja dann vielleicht das eine oder andere – wenn es denn irgend geht und nicht allzu viel Aufmerksamkeit verursacht

– durchgeführt wird, bleiben es 10 Milliarden“ hätte die I besser nicht genommen, denn sie kommt ins Argumentieren und die Fragen sind zu lang. Sie will jetzt gewinnen

Wenn I häufiger kurze Fragen stellt, fällt umso mehr auf, wie lang und inhaltslos der B spricht, zudem kann der B nicht denken: Wenn I lange fragt. kann B auch noch länger antworten.

10: Leider stellt I jetzt keine Frage, deshalb kann der B ungesteuert antworten. Die I kann dann auch nicht sagen „Herr Pinkwart, Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“.

11: Das ist zwar richtig, aber auch keine Frage.

12: Statement; deshalb eine Frage anfügen, z.B. „Woher kommt das Geld?“

13: + 14: I muss sich nicht rechtfertigen; sonst gerät I ins Argumentieren. Weil das so ist, fügt I leider auch keine Frage an.

15: Wozu noch ein neues Thema? Er hat doch nicht einmal das alte beantwortet.

b) Beschreibung statt Erklärung

Dies ist eine besondere Form auszuweichen, die meist nicht von dem Interviewer erkannt wird. Im obigen Beispiel sähe das so aus:

I: Wie wollen Sie sonst xxx finanzieren?

B: Sehen Sie, Herr Müller [Achtung, wenn der B den Namen des I nennt, soll der I eingewickelt werden], wir haben schon vor zwei Jahren eine große Steuerreform vorgeschlagen. Diese Vorschläge liegen noch immer auf dem Tisch und sollten erst einmal diskutiert werden.

Der Befragte antwortet hier nicht auf das „Wie“ oder ein „Warum“, beschreibt ein Ereignis, statt sich festzulegen (oder zu rechtfertigen). Diesen Trick wendet der Befragte im Interview 13 an. Wenn Sie auf die Abbildung

148 Grundlagen auf S. 114 gehen, so wäre dies ein Sprung von dem rechten Ende auf das linke.

c) „Leimrute“

Auch hier wird der Interviewer nicht sofort die Antwort als strategische Antwort erkennen. Ein erstes Beispiel aus einem Interview mit einem Pressesprecher eines Reifenherstellers:

I: Wie viele Angestellte werden Sie entlassen müssen?

B: Das ist sicherlich ein Problem, wir werden nicht darum herumkommen, Personal in der Reifenherstellung frei zu setzen. [Damit wird auf die Frage nur mit einer Beschreibung des Sachverhalts, der Anlass für die Frage war, geantwortet

– siehe oben.] Viel wichtiger ist aber, dass wir ein völlig neues integriertes System von Reifen und Rad entwickelt haben, das uns langfristig die Arbeitsplätze sichert.

Ein zweites Beispiel aus einem Interview von Ernst-Dieter Lueg mit dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Dr. Heinrich von Pierer (ARD, „Bericht aus Bonn“, 30. 12. 1994):

I: Darf denn – mit Blick auf die politische Stabilität –, Herr von Pierer, an den Grundlagen der Solidarprinzipien gerüttelt werden, an den sozialen Sicherungssystemen, um die wir ja von unseren westlichen Nachbarn beneidet werden?

B: Ich glaube, dass niemand an den Grundprinzipien, wie Sie das ausgedrückt haben, rütteln will. Aber wir brauchen, und da herrscht ja weitgehend Einigkeit, einen Umbau unserer Sozialsysteme. Einen Umbau des Sozialstaats. Das bedeutet nicht notwendigerweise eine Einschränkung, aber es bedeutet eine andere Form der Finanzierung, und es wird auch bedeuten, dass wir, und darüber besteht auch Einigkeit, den Missbrauch energischer bekämpfen müssen.

In beiden Fällen beantwortet der Befragte die Frage nicht. Dann fügt er am Ende des Satzes eine neue Information hinzu. Das hat die doppelte Absicht, den Interviewer einerseits dazu zu bringen, nicht bei der eigentlichen Antwort nachzufragen und andererseits auf das neue Thema einzugehen, nämlich das neue Produkt im ersten Falle, den Missbrauch im zweiten. Diese Strategie ist deshalb für den Interviewer so knifflig, weil er sich nun entscheiden muss, ob er a) eine Nachfrage zu der unbefriedigenden Antwort stellt (was wir empfehlen), b) auf das neue Thema eingeht oder c) die nächste Frage seines Konzeptes stellt (was meist geschieht, aber fast immer falsch ist). Will man überhaupt auf die Leimrute eingehen, so könnte das so geschehen:

I: Auf den Missbrauch kommen wir noch zurück. Aber jetzt erst einmal die Nachfrage: Was genau wollen Sie am Sozialstaat verändern?

d) Frage ersetzen

Die Strategie des Befragten ist sehr einfach: Er ersetzt die Frage des Interviewers durch (s)eine eigene – die er dann auch beantwortet. Das kann dann in einem Interview mit einem Mitglied des Sachverständigenrates so verlaufen:

I: Was hemmt die Investitionstätigkeit?

B: Es sind viele Dinge. Wir müssen eher fragen: Was könnte getan werden, um die bestehenden Hemmungen zu beseitigen? Das ist vor allem die Verunsicherung über den Kurs der Finanzpolitik, die Verunsicherung darüber, wie das in Zukunft im Bereich der Löhne und Arbeitskosten weiter geht.

Schlimmer ist es noch, wenn der Befragte antwortet: „Das ist nicht die Frage. Die Frage lautet vielmehr ...“.

Was soll der Interviewer in diesen Fällen tun? Er kann sich a) dafür entscheiden, die ursprüngliche Frage zu wiederholen („Meine Frage war aber ...“) oder bei der Antwort auf die Frage des Befragten fort zu fahren und nachzuhaken („Und wie könne nun diese Hemmungen beseitigt werden?“). In den meisten Fällen wird es, d.h. dem Informationsziel, angemessener sein, die ursprüngliche Frage zu wiederholen. Damit macht der Interviewer auch deutlich, dass er die Fragen stellt und gewinnt so die Kontrolle über das Interview zurück.

e) Gegenfrage

Die ultima ratio eines Befragten, sich (vermeintlich) aus der Affäre zu ziehen, ist, eine Gegenfrage zu stellen. Das kann geschehen, weil der I eine Frage tatsächlich unklar formuliert, was zum Beispiel zu der Gegenfrage

„Wie meinen Sie das?“ führt. Oder der B will den I verunsichern, weil die Frage eine Behauptung enthielt; B reagiert dann mit „Woher wissen Sie das?“ Es kommt es in der Hektik des alltäglichen regionalen Geschäfts vor, dass ein Interviewer nicht ausreichend Zeit hatte, sich auf das Interview vorzubereiten. Dennoch meint er, ein kontroverses Interview führen zu müssen, mit der Folge, dass er gezwungen ist, die fehlenden Fakten durch Meinungen ersetzen zu müssen. Damit hat ein geschickter Befragter die Möglichkeit, den Interviewer nachgerade zu demontieren, so dass er auch für die Empfänger seine Rolle als Stellvertreter verliert (Interview 30).

Handelt der Befragte dann unfair? Warum sollte er sich nicht das Recht nehmen, einen Journalisten, der schlecht recherchiert hat, zu zensieren?

Interview 30

Deutschlandradio Kultur, Ortszeit, 6. 5. 2014 Christopher Ricke – Mehmet Daimagüler

I: Oliver Bendixen mit einer Kritik an der Nebenklage im NSUProzess. Einer dieser Nebenkläger ist der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler. Guten Morgen Herr Daimagüler!

B: Guten Morgen!

I: Das ist ja schon ziemliche Kritik, die Sie sich da anhören müs sen: Prozessverzögerung, Urteil erst 2016, Man möge sich doch bitte an der Anklageschrift orientieren. Fällt diese Kritik bei 1 Ihnen auf fruchtbaren Boden?

B: Nun wir haben ja eine Anklageschrift, ehm die zehn vollendete Morde, 22 versuchte Morde, 14 Raubüberfälle behandelt. Insofern braucht das Zeit. Von Seiten der Nebenklage sind von den über 200 ehm Zeugen die bislang gehört worden sind, ehm erst zwei benannt worden. Ja also zwei von über 200. Hier die Nebenklage für die Verfahrensdauer und nicht die Taten verantwortlich zu machen, ist schon so ein bisschen seltsam.

I: Bleibt es also dabei, dass Hauptund Nebenklage doch ein gemeinsames Ziel haben? Eine Aufklärung der ganzen Vorgänge, dass man sich nicht ineinander verheddert?

B: Nun wir wollen auf jeden Fall, dass ehm die Hintergründe beleuchtet werden. Hintergründe bedeutet für uns: Gab es Helfershelfer? Gab es Leute, die vor Ort Hinweise gegeben haben? Welche Rolle haben in diesem Zusammenhang insbesondere VLeute gespielt? Und das sind ja Fragen die keineswegs politisch sind, sondern die Tat im Kern betreffen. Ich möchte jedenfalls als Bürger des Landes ruhig ins Bett gehen und das Gefühl haben, wir haben das gesamte Umfeld durchforstet und Schuldige vor Gericht gebracht. Wir können doch nicht ehm gut schlafen, wenn wir das Gefühl haben, dass ehm Teile der NSU noch auf freiem Fuß sind, oder?

I: Die deutschen Ermittler haben ja jahrelang Zusammenhänge nicht erkannt, doch es wurden Konsequenzen gezogen. Heute

schaut man ganz anders auf die Vorgänge. Ich weiß, das macht kein Opfer wieder lebendig, aber vielleicht mindert's ja genau das Risiko, dass sich sowas wiederholt und dass Sie als Bürger dieses Landes eben getrost ins Bett gehen können.

3

B: Da frag ich mal zurück: Welche Konsequenzen wurden denn gezogen, was hat sich denn geändert?

I: Naja, die Fragen, die muss ich jetzt heute stellen, weil ich auch nicht der Jurist bin. Aber ich erinnere mich an Untersuchung...

5

B (gleichzeitig): Doch sie haben ja nicht gefragt, sie haben ja nicht gefragt... nur festgestellt (lacht)

I (gleichzeitig): Na, da gebe ich Ihnen..., dann gebe ich Ihnen (lacht) doch gerne die Antwort. Also wir haben personelle Wechsel bei Landesverfassungsschutzämtern, wir haben Reformen beim Verfassungsschutz, wir haben Untersuchungsausschuss, wir haben Aufarbeitung ehm…

B (gleichzeitig): Welche Reformen haben wir denn, wenn ich fragen darf? Welche Reformen haben wir denn beim Verfas-

sungsschutz?

I: Herr Daimagüler. Kurz zur Rollenverteilung: Sie sind Vertreter der Nebenklage, ich stelle hier die Fragen. Einverstanden?

8

B: Nein, Sie machen ja keine Fragen...

9

I (gleichzeitig): Ok, dann danke ich Ihnen ganz herzlich für die-

ses Gespräch. Sieben Uhr 53. Sie hören Deutschlandradio Kultur.

Anmerkungen

1: „Akzeptieren Sie diese Kritik?“ oder „Können Sie diese Kritik akzeptieren?“ wären besser Formulierungen gewesen als „fruchtbarer Boden“.

2: Hier wäre eine interpretierende Nachfrage sinnvoll gewesen: „Die Nebenklage ist also Ihrer Ansicht nicht dafür verantwortlich, dass der Prozess solange dauert? 3: Und wo ist die Frage?

4: Ja, warum soll der hier nicht zurückfragen?

152 Grundlagen

5: Wenn I etwas behauptet, der B dann nach Belegen fragt, dann kann I schlecht mit einer solchen zensierenden Antwort reagieren.

6: Recht hat er.

7: Ebenfalls gerechtfertigte Fragen, weil sie sich auf Behauptungen des I beziehen. 8: Nun dürften die E den Eindruck gewinnen, ihr Stellvertreter habe schlecht recherchiert und behaupte Dinge, die er nicht belegen kann.

9: Recht hat er.

10: Eine beleidigte Notbremse?

Wenn es in einem kontroversen Interview um das Problem geht, ob weitere Windkraftanlagen gebaut werden sollen, würde keine Interviewerin sich über die Gegenfrage freuen „Wo meinen Sie denn, dass wir die Energie herbekommen sollen?“. Selbstverständlich ist es nicht die Aufgabe der Journalistin, diese Frage zu beantworten. Sie kann nur so reagieren, die Gegenfrage abzulehnen, z.B. mit „Das ist ja die Frage, die ich von Ihnen beantwortet haben möchte.“ Oder „Das ist nicht meine Aufgabe. Nochmals

...[I wiederholt ursprüngliche Frage].

Zwei gute Beispiele sind die Reaktionen von Anne Preun im Interview

25) und Gabi Bauer in dem Interview 51.

Der Befragte kann nun nicht nur Gegenfragen stellen, sondern den Interviewer direkt angreifen; er verlässt die inhaltliche Ebene und stellt die Kommunikation selbst infrage (Meta-Kommunikation). Das ist – zum Glück – sehr selten.

Eben weil es so selten ist und zudem im Sport passierte, erlangte das folgende Beispiel (31) sehr große Aufmerksamkeit in den Medien. Erkennbar wird auch, wie geschickt der Interviewer damit fertig werden kann.

Interview 31

ARD Sport-extra Live, 6. 9. 2003 Waldemar Hartmann (I) – Rudi Völler (B),

Anmoderation: Gerhard Delling (GD) – Günter Netzer (GN) Deutschland hatte gegen Island 0:0 gespielt.

GD: Tja, spätestens jetzt ist klar, die SamstagabendFernsehunterhaltung steckt in einer tiefen Krise. Wenn man sagt, das Spiel war enttäuschend, dann ist eindeutig ein bisschen zu wenig. Wenn man sagt, ….so, dass es richtig frustrierend ist, dann ist es zu passiv, wenn man sagt, das war wieder mal ein absoluter neuer Tiefpunkt, trifft es das?

GN: Ja, es ist ein Tiefpunkt, und ich versteh die Spieler auch nicht, zum Schluss jetzt auch Kehl, warum sagen sie nicht ein-

fach, das war ein schöner Mist, was wir da gespielt haben, äh, da gibt es keine Entschuldigung für, äh, sucht er nach den Stärken von Island, äh, was die alles besser können und was die hier gemacht haben, das darf doch nicht das Kriterium sein, das ärgert mich ein wenig.

GN: Wir wollen gleich noch weiter drüber sprechen, ich hör'

gerade, Rudi Völler ist bei Waldemar Hartmann, und wir sind gespannt, was dabei herauskommt.

I: Das sind wir sicherlich alle, und auch die Zuschauer, Rudi, herzlich willkommen. Äh, als Teamchef, meiner Meinung nach, hat man nach so einem Spiel zwei Möglichkeiten, die eine ist, äh, man stellt sich vor die Mannschaft, weil man weiß, man braucht sie am Mittwoch im Spiel gegen Schottland wieder, oder die andere is, mit harten Worten diese Mannschaft aufrütteln, weil man sie am Mittwoch wieder braucht und vielleicht ganz anders wie heute. Für welche haben Sie sich entschieden?

B: (seufzend) Äch, beides, möchte ich mal so sagen, man muss ja beides versuchen, ist doch ganz klar, natürlich bin ich heute, ähm, ich war, ich wurde nach dem Far…öer…Inselspiel 'en bisschen belächelt, als ich die Mannschaft bisschen in Schutz genommen habe, das's natürlich heute schwierig, weil wir vor allem in der zweiten Halbzeit viel zu behäbig gespielt haben. Ersten Halbzeit, finde ich, ham wir's noch ganz ordentlich gemacht, hatten eigentlich die Isländer recht gut im Griff, ham uns die ein oder andere Torchance auch erarbeitet, aber zweite Halbzeit war einfach zu wenig, da kamen auch äh, Impulse aus'm Mittelfeld zu wenig, vorn im Sturm konnten wir uns kaum durchsetzen, und wir ham uns eindeutig auch etwas zu wenig bewegt. Das is sicherlich 'n Ansatzpunkt und… Eins is klar, Mittwoch können nur Spieler auflaufen, die von vornherein äh, mir das Versprechen abgeben, dass es auch hundertprozentig äh laufen und wirklich für die Mannschaft absolut da sind.

I: Da müssen wir Tore schießen, auch gegen Schottland, ähm, da haben wir die Qual der Wahl, aber wir ham …, also alle, die in Deutschland den Adler tragen, die einen deutschen Pass haben, die Tore schießen können sind an Bord und trotzdem ist das das

Problem in der deutschen Nationalmannschaft. Wie kann man das beheben?

B: Äh, wir müssen dran arbeiten, wir müssen Geduld haben, wir müssen versuchen, das Beste aus unsern Möglichkeiten zu machen, wir ham's ja auch versucht, wir ham auch in der zweiten Halbzeit vor allem mit dem Kevin Kuranyi, der hat seine Sache ganz ordentlich gemacht danach, äh, aber grundsätzlich is natürlich richtig, wir haben wir machen zu wenig Tore, is ja klar, wir haben heute 0:0 gespielt, ähm, das natürlich zu wenig, aber trotzdem möcht' ich'n bisschen den Sebastian Kehl in Schutz nehmen, ich weiß hier unsere meine beiden, äh, Jungs hier von

der ARD, der Günter und auch Delling, die natürlich volling Delling is natürlich schon 'ne Sauerei, was der hier sagt, 's muss

ich einfach ma so sagen. Ich kritisier' die Mannschaft, aber ich muss natürlich auch die Mannschaft in Schutz nehmen, was der Delling macht, is' nich' in Ordnung.

I: Was, äh, meinen Sie jetzt da genau?

B: Ja einfach diese Geschichte immer mit dem Tiefpunkt un'

noch mal 'n Tiefpunkt und dann gibt's noch mal 'n niedrigen Tiefpunkt, ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören, muss ich ganz ehrlich sagen. I… da stell ich mich vor die Mannschaft. Natürlich war das heute nicht in Ordnung, auch in der zweiten Halbzeit, aber man solle schon mal überdenken, wenn man solche Berichterstattung macht, dass man… also ich weiß nicht, wo die äh wo wo die überhaupt das Recht nehmen, so was zu sagen. Kann ich… versteh' ich nich, muss ich ganz ehrlich sagen.

I: Also die Frage war von Gerd Delling, dass es'n Tiefpunkt war,

ich muss Ihnen ganz ehrlich…

B: Nein auch diese Geschichte mit der mit dem mit der Unterhaltung, äh, äh, die die Samstagabend, dann soll er doch Samstagabend Unterhaltung machen, und kein Sport, kein Fußball.

I: Er meint…

B: Da soll er „Wetten, dass“ machen, soll den Gottschalk ablösen, wenn sie….

7

I: Das is'… Das is' in der Hand… das is' im andern Kanal, das

is' beim ZDF,…

B: Ja, da soll er da hingeh'n!

I: und, äh, es gibt eine Krise, das hat auch die ARD schon gesagt, über Samstagabendunterhaltung, und daher hat er das genommen. Ich bin auch nicht der Rechtsbeistand von Gerhard Delling, bin aber auch Journalist, und erlaube mir auch zu sagen, das wissen Sie auch selbst, Sie haben das ja auch gesehen, dieses

Spiel, dass es in den ersten 45 Minuten, die Sie jetzt noch gut

bewertet haben, ganz sicherlich auch ein statisches Spiel war. Ich war hinter dem Tor gestanden,… B: Jaaaa

I: mit Mai… Sepp Maier, wir war'n uns da auch einig, es ist zuwenig gelaufen worden, man hat sich zuwenig angeboten, die Deutschen tun…

B: …aber das is ja alles auch noch in Ordnung, aber ich kann diesen Käse nicht mehr hören und bei jedem Spiel, wenn wir kein Tor geschossen haben, und dann is' noch 'n tieferer Tiefpunkt als wir eigentlich schon hatten, also so einen Scheiß, den kann ich nicht mehr hören! Also da wer' ich, also.. es is' für mich das allerletzte, muss ich ehrlich sagen. Ich wechsel' den Beruf, is' besser.

I: Suchen Sie sich nicht den… im Moment den falschen…

B: Nein, ich such' mir genau den richtigen aus.

I: den falschen Gegner aus,…

B: Weil ich sitz' hier, ich sitz' jetzt sein drei Jahren hier und muss mir diesen Schwachsinn immer anhören. Das is' einfach so.

I: Ja, aber die Mannschaft ist doch der Ansprechpartner, der allererste,…

B: Ja, die kriegen auch… die kriegen auch ihr Fett… I: wenn die gutes Spiel macht…

B: die kriegen auch ihr Fett weg, aber ich kann diesen Käse nicht mehr hören, immer nach jedem Spiel und dann is's wie… ich

kanns mich nur wiederholen, die Geschichte mit diesem Tiefpunkt und noch mal tiefer, natürlich, wir ham heute, und da hat der Sebastian Kehl, wir ham g… äh, recht, wir ham heut beim Tabellenführer gespielt, wir ham 0:0 gespielt, das's sicherlich nicht in Ordnung, das'n Tick zu wenig für unsere Ansprüche, wir sind Vizeweltmeister, das muss'n bisschen mehr kommen, aber diesen Scheiß, der da immer gelabert wird, wir sollten sich alle mal wirklich mal Gedanken machen, ob des.. ob wir in der Zukunft so weitermachen können! Immer diese diese diese Geschichte, alles in'n in den Dreck ziehen, alles 'runter zu ziehen, das ist das allerletzte, und ich lass' mir das nicht mehr so lange gefallen, das sag' ich Euch ganz ehrlich.

I: Rudi, darf ich zu dem Spiel heute noch mal zurückkommen?

B: (leise) Ja gerne.

I: Okay. Da is' 'ne isländische Mannschaft, äh, die meisten Spieler spielen in England in der zweiten Division, sind da auch nich' Stammspieler. Wir müssten doch eigentlich von der Position her, die wir haben, von den Besetzungen, die wir hier haben, die Mannschaft klar beherrschen. Das ham wir nicht.

B: Ach, wieso müssen wir denn die Mannschaften klar beherrschen? Wieso… wir spielen…, die Isländer sind Tabellenführer,

das weißt Du, Waldi,… I: Ja.

(...)

B: 'S war zu wenig Laufbereitschaft und Mittwoch werd'n nurdie Leute spielen, die sich wirklich hundertprozentig 'n Arsch

aufreißen. Aber Men… Ihr müsst doch mal von Euerm hohen

Ross 'runter zuk… 'runterkommen, was Ihr Euch immer alle einbildet, was Ihr wie was für'n Fußball wir in Deutschland spielen müssen. Ihr habt doch früher, der Günter, was die früher für ein Scheiß gespielt haben. Da konnt'ste doch früher gar nicht hingegangen, die ham doch Standfußball gespielt, früher.

I: Also, ich komm noch mal zu auf des zurück, ich schau mir das auch das Spiel an, und wir sin' und ja auch meistens in der Beurteilung dieser Spiele auch einig. Äh, ich… kann jetzt nicht verstehen, warum die Schärfe 'reinkommt,…

B: Aber die Schärfe bringt Ihr doch 'rein! Müss'n wir uns denn alles gefallen lassen!?

I. Ja, i… ich hab' doch keine Schärfe jetzt da 'rein gebracht…

B: Ja, Du nich', Du sitzt hier ja locker bequem hier auf Dei'm Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken, bis' schön locker.

I: (lacht) Also, in Island gibt es kein Weizenbier zu meinem… äh äh, muss ich ganz ehrlich sagen, äh, ähm, ich bin auch kein Wei-

zenbiertrinker, ich weiß auch nicht, ob wir jetzt m…mit dem Stil weitermachen wollen, äh, Du hast es ja gesagt, jetzt simmer nämlich schon da, wo mer waren, warum soll'n mer nicht zu dem…. kommen, wo mer schon lange sin', äh, am Mittwoch müssen die da sein, die sich den Arsch aufreißen…. Sitzen die auf der Bank oder sind die heute schon auf dem Feld gewesen? Und warum ham sie's heute nicht gemacht?

(...)

I: Ich hab auch keine drei Walzbier getrunken, ich mach dieses Interview und wird können daher die Alkoholprobe bei der Do-

pingrobe machen,…

B: Ja komm, jetzt sei nicht beleidigt deswegen. I: mit 0,0.

B: Jaja,

I: Na, ich bin ja net beleidigt, Rudi, aber die Kollegen von den Zeitungen, die schreiben doch das auch, was sie glauben, was der

Leser genauso merkt, da sind doch nicht wir die einzigen, es ist doch nicht so, dass wir im luftleeren Raum schweben und die

Zeitungen die deutsche Mannschaft äh, äh, seit einem Jahr nach der Weltmeisterschaft ständig bewundert haben,…

B: Nein, das ist doch…

I: die macht doch auch Kritik.

B: Darum geht's doch gar nicht, es ist doch richtig, dass wir, das wir sicherlich in den letzten äh, äh, Monaten Spiele abgeliefert haben, die natürlich nicht in Ordnung war'n, es ist doch in Ordnung, nur wehr' ich mich dagegen, dass man… nach solchen Spielen, dass man alles total in den Dreck zieht. Also wirklich,

auf, das ist, ab… allerletzte underste Schublade. Natürlich war das nicht in Ordnung, und ich hab's ja ihnen auch gesagt, da wehr' da wehr' ich mich natürlich auch dagegen, am Mittwoch werden nur Spieler auflaufen, die richtig Gas geben, das is' ganz klar, die Situation hat sich ja für uns ja auch nich' so viel verändert, wir ham heute nicht verloren, wir hatten'n bisschen Glück, wir hätten noch verlieren können am Ende, aber wir müssen die Schotten schlagen, das bleibt jetzt endlich.

I. Okay. Also, jetzt sind natürlich zwei…

B: (legt die Hand auf das Knie von Hartmann)'Tschuldigung, die Geschichte mit dem Weizenbier hab' ich nich' so gemeint, alles andere hab' ich so gemeint, wie ich's gesagt habe.

I: Ja, okay, und jetzt glaub' ich auch, ham die zwei, äh, äh, die jetzt betroffen waren und die Du jetzt angegriffen hast, das

Recht, äh, zu kontern so wie im Fußball… (...)

Anmerkungen

1: Nach der Formulierung „wieder mal ein neuer Tiefpunkt“ ist der Befragte bestimmt (zusätzlich) nicht in guter Stimmung. Es war zu erwarten, dass er irgendwann im Interview darauf eingehen würde.

2: Wie so oft im Sport, gibt der Interviewer Ratschläge, was zu tun sei; hier bietet er zwei Alternativen an. Er hätte besser offen gefragt, was Völler zu tun gedenke. 3: Hier ist sie, die offene Frage.

4: Mitten in die für den Befragten schwierige Antwort kommt nun der bis dahin unterdrückte Unmut.

5: Dies trifft den Interviewer überraschend, aber er reagiert richtig: keine Verteidigung der Kollegen, sondern eine nüchterne Nachfrage, was der Befragte denn meine. Damit gewinnt der Interviewer auch Zeit, um nachzudenken, wie er überhaupt weiter fragen soll.

6: Völler ist keineswegs mit seinen Anschuldigungen fertig, vielmehr bricht es von hier an förmlich aus ihm heraus. Es scheint, als habe er sich nun in eine Position begeben, die sich nur einzunehmen lohnt, wenn er ganz grundsätzlich bleibt und mit seinen Angriffen fort fährt.

7: Drei Versuche des Interviewers, nun doch die angegriffenen Kollegen zu verteidigen. Damit wechselt auch er auf die Meta-Ebene von Völler: Es geht nicht mehr um die Qualität des Spiels, sondern um diejenige der Berichterstattung. Nun hat der Befragte den Interviewer emotionalisiert.

8: Letztlich auch eine Rechtfertigung, denn nun wird auf Kollegen verwiesen, die ähnlich kritisch berichtet habe. Am Ende der Frage der Versuch, wieder zum eigentlichen Thema zu kommen. So hätte er gleich fragen können.

9: Völler kommt nur ganz kurz auf das eigentliche Thema zurück, setzt dann seine Angriffe fort; nun auch direkt gegen den Interviewer, der mit den folgenden Fragen sich zur Zielscheibe macht. Beide sind wieder in der Ebene der Metakommunikation.

10: Neuer Versuch, auf die inhaltliche Ebene zurück zu kehren, eingeleitet von

„Rudi“ statt dem früheren „Sie“ – und das scheint zu helfen,... 11: wie man hier erkennen kann.

12: Nun sind wir wirklich beim üblichen „Du“; die Eintracht scheint hergestellt. 13: Der Befragte kommt nicht mehr von seinen Anwürfen weg. Offenbar hat er sich nun soweit festgelegt, dass es auf weitere Angriffe schon gar nicht mehr ankommt. Der Interviewer kann das Interview auch nicht abbrechen, weil dies für beide ein unbefriedigendes Ende wäre.

14: Nicht erneut von „Schärfe“ reden, weil das nur weiter Schärfe provoziert – was prompt auch geschieht. Der Interviewer hätte besser eine sachliche Frage zur Taktik im nächsten Spiel gegen Schottland gestellt.

15: Das ist lustig und provoziert den Interviewer. Er hat kaum eine andere Wahl als in

16: dies zu verneinen.

17: Man sollte nicht schmollen; die Antwort ist überflüssig.

18: Ebenfalls überflüssig, weil es nur in weitere Kontroversen führt. 19: Und schon geht es mit neuen Angriffen weiter.

20: Die Geste hat wohl den Interviewer beruhigt; er gibt nun weiter an die beiden Moderatoren.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften