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Aufbauendes

17. Nonverbale Kommunikation

Am Abend eines harten (Seminar)-Tages erholen wir, die beiden Trainer, uns in einem italienischen Restaurant. Am viersitzigen Nachbartisch, durch den Gang von uns getrennt, sitzen drei Menschen. Auf der einen Bank allein ein älterer Herr, Mitte sechzig, kurze weiße Haare, eher klein und schlank, mit Goldrandbrille, im kleinkarierten blauen Sakko mit Goldknöpfen, in grauer Hose, weißem Hemd mit Krawatte und Doppelmanschette mit goldigen Knöpfen, konservativer Asket. Ihm gegenüber auf der anderen Bank ein etwas massigerer, etwa fünfzigjähriger Mann und eine gleich alte Frau. Er, lässiger gekleidet (dunkles Sakko mit Rollkragenpullover), sie im dezent-farbigen Kleid, ein Friseurbesuch am Nachmittag ist wahrscheinlich.

Und weil es uns Spaß macht, sehen wir Folgendes (hören können wir nichts Genaues): ein Architekt will seinem Bauherrn seine neuesten Ideen schmackhaft (sic! Das Restaurant ist wirklich gut) machen. Der Bauherr betrachtet die herübergereichten Skizzen, schweigt beim Betrachten, das Gesicht regungslos: keine Reaktion, jedenfalls keine schöne für das Paar. Servietten werden neu gefaltet, wippende Knie unterm Tisch, Füße suchen Stand, Beine verknoten sich. Der Blick des anderen wird gesucht, aber nicht gefunden. Der Oberkörper des Architekten kommt nach vorn, die Arme legen sich auf die Tischplatte (dringen ein in den Nahbereich („personal space“) des Gegenübers) – da: endlich eine Reaktion. Der Bauherr lehnt sich zurück (weicht dem Drängen aus), nimmt seine Brille ab, setzt sie wieder auf, fasst sich an die Nase und sagt etwas (wahrscheinlich „ganz interessant“). Das löst einen längeren Wortbeitrag des Architekten aus – Ellenbogen aufgestützt, die Hände in Mundhöhe in kreisender Bewegung, attestiert durch kurze Bemerkungen der Frau. Der Bauherr kreuzt jetzt die Arme vor der Brust. Der Erlöser in Gestalt des Kellners tritt hinzu. Getränke werden bestellt. (Sich jetzt auf einen gemeinsamen Wein zu verständigen, wäre wundervoll!) Die Dame zuerst (Weißwein, wie sich wenig später zeigt), dann der Bauherr (Wasser) und der Architekt (richtig: auch Wasser!). Dann beginnt das dreifach einsame Suchen in der Speisekarte. Funkstille? Aus-Zeit? Der Bauherr blättert wie Minuten vorher in den Skizzen, wird rasch fündig. Die Frau hat auch schon was gefunden (schlau), beginnt ein Zweiergespräch. Bauherr lehnt sich vor, Architekt fällt sofort (postwendend) an den Sitzrücken zurück (überlässt dem Bauherrn das Feld), weitersuchend. Endlich, er hat gewählt, richtet sich auf, und endlich kann auch der Bauherr sein Glas, toastend, heben. Unser Essen kommt und wir tratschen (etwas davon haben wir oben kursiv eingefügt) über den Nachbartisch. Dort zieht es sich hin. Zu lange für uns. So wissen wir nicht, ob das Paar den Auftrag erhält.

Wer hat uns beobachtet? Was denkt derjenige, der das gemeinsame Klingen des von uns gerade zeitgleich abgelegten Bestecks hört? Den Griff zur Zigarette! Das Heben der Hand, um den Kellner um einen Espresso zu bitten?

Kommunikation ist eben nicht nur der Austausch von gesprochenem Wort, die verbalen Teile. Auch die nonverbalen Kanäle der Kommunikation werden von uns benutzt, nur zum geringen Teil bewusst, weitgehend aber unbewusst. Diese

„Körpersprache“ dient nicht nur als Ersatz, der Verstärkung oder der Abmilderung (bis zum Widerspruch) des Gesagten, sie informiert auch über die Einstellungen und Gefühle von Personen, oft deutlicher und ehrlicher als das Wort, weil sie wenig oder gar nicht kontrolliert ist.

Es gibt eine umfangreiche Literatur zu dem Thema: wissenschaftlich, feuilletonistisch und folkloristisch, oft kühn in ihrer Bestimmtheit. Im Literaturverzeichnis finden Sie einige empfehlenswerte Veröffentlichungen, u.a. den Überblick von Werner Dieball (2005).

Körpersprache, also alles, was wir mit Augen, Gesicht, Gestik, Bewegungen und Haltungen und Tonfall ausdrücken, ist aber mindestens so wichtig wie das gesprochene Wort. Jedenfalls wird es vom „Anderen“ wahrgenommen, meist nicht so sehr bewusst, und doch wirksam, um das Gesagte zu interpretieren.

„Du sollst doch nicht selbst die Bonbons oben aus dem Schrank holen!“, schimpft der Vater und lächelt dabei, stolz über die akrobatische Leistung der Dreijährigen. Und dieses Lächeln löscht die Ermahnung, und die Kleine klettert noch einmal.

Körpersprache wirkt immer, im Alltagsgespräch und, obwohl es eine künstliche, inszenierte Situation ist, auch im Interview. Auch die Hörer und Zuschauer werden den nichtsprachlichen Teil des Interviews ebenso stark wahrnehmen wie den verbalen, vermutlich umso stärker, je weniger sie vom Inhalt des Interviews verstehen.

Als Interviewer sollte man deshalb einige grundlegende Kenntnisse über Körpersprache parat haben, die die Arbeit ein wenig erleichtern oder sogar verbessern können. So kann der Befragte mit seinen Reaktionen im Vorgespräch und im Interview besser interpretiert, verstanden werden, er kann aber auch leichter von uns gesteuert werden.

 
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