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25. Das lange Interview zur Person

Das lange Interview zur Person von 30 oder 45 Minuten Länge ist die anspruchsvollste und komplizierteste Form des Interviews. Es ist vergleichbar

einer Reise zu einer Person, die man aus Recherchen und Vorgesprächen vorbereitet hat, die aber gerade deshalb neugierig auf diejenigen Aspekte der Person macht, die man nicht kennt: Was man von ihr vermutet, wie etwas gewesen sein könnte und warum sich etwas so ereignet hat.

Es ist auch diejenige Form, in der sich der Interviewer selbst am meisten offenbart. Wie er die Person angeht, welche Fragen er stellt und welche er (nicht mehr) stellt – hieran wird die Person des Interviewers erkennbar. Daher führt jeder Interviewer ein anderes Interview zur Person; es ist am Ende ihre Sicht auf die Person, geprägt eben nicht nur von der Person, sondern auch vom Interviewer. Das Interview zur Person steht und fällt daher mit der Subjektivität des Interviewers – was nicht mit Einseitigkeit gleichbedeutend ist.

Am meisten Schwierigkeiten bereitet dabei die Dramaturgie: Welche Punkte spreche ich zu welchem Zeitpunkt im Interview an? Es ist eine lange Strecke zu planen, und das geht weder ohne Recherche noch ohne Zettel.

So ist es kaum erstaunlich, dass Journalisten, die ganz überwiegend kurze Interviews zur Sache von höchstens vier Minuten gewohnt sind und auch sehr gute „aktuelle“ Journalisten sind, große Schwierigkeiten mit langen Interviews zur Person haben. Das konnten wir immer wieder in unseren Trainingsseminaren feststellen. Es ist nicht ohne Training möglich, sich von der einen auf die andere Form umzustellen. Mehr noch: Es erfordert auch, dass sich der Journalist selbst erforscht. Wer in seinem Leben selbst nie großes Leid erfahren hat, z.B. eine Krankheit oder den Verlust eines Freundes, wird es schwerer haben, eine leidvolle Erfahrung der befragten Person zu erfragen und deren Bedeutung für den Zusammenhang des Lebens der Person herauszuarbeiten.

1. Recherche

Ein langes Interview zur Person erfordert in jedem Falle eine Recherche. Hierzu gibt es zahlreiche Quellen:

• Zeitungsarchive,

• biographische Archive,

• „Who is Who“-Ausgaben, ähnliche Lexika,

• Hörfunkund Fernseharchive,

• CD-Rom, Online-Dienste, Web, z.B. Namen bei „Google“ oder dem

„Archiv“ einer Rundfundanstalt oder bei „Sphinx“ eingeben,

294 Interviews zur Person

• Gespräche mit Personen, die die befragte Person kennen,

• Gespräche mit Personen im gleichen Beruf und ähnlicher Position, um etwas über Probleme des Berufs der befragten Person zu erfahren.

• Frühere Interviews, die die Person gegeben hat.

Sie sollten die Quellen benutzen, bevor Sie das Vorgespräch mit dem Befragten führen. Fragen Sie während der Recherche:

• Was tut die befragte Person?

• Warum tut er/sie das?

• Wie ist er/sie dahin gekommen?

• Warum hat sie sich so entschieden (für ein bestimmtes Verhalten)?

 
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