< Zurück   INHALT   Weiter >

4. Ablauf des Interviews Punkte für das Interview

• Werdegang im Beruf (Ausbildung)

• Tagesablauf

• Typische Tätigkeiten

• Typische Probleme/Belastungen

• Evtl. Rolle des Kunden einnehmen, z.B. sich von einem Maskenbildner schminken lassen (Mischung von Interview und Reportage).

• Szenischer Einstieg: „Ich sitze hier auf einem Bagger ...“

• Wünsche, Träume.

Intimität

Die meisten Interviewer scheuen sich, dem Befragten zu nahe zu kommen, wenn es um deren tief greifende Erlebnisse geht. Obgleich der Tod des Bruders auf den Befragten einen tiefen Einfluss gehabt hat, scheut sich der Interviewer, nach den näheren Umständen zu fragen, obgleich hieraus der Einfluss erst deutlich würde: „Wie war das damals?“ „Was haben Sie getan?“. (So würde man in einem Interview mit Rainer Barzel gewiss auch danach zu fragen haben, welchen Einfluss der Selbstmord seiner Tochter auf sein Denken und Handeln hatte.) – Das Problem ist: Der Interviewer bleibt vor der Person stehen, weil er Angst davor hat, beim Aufschließen der Person voyeuristisch zu werden.

Ein Interview zur Person ist jedoch immer auch ein Stück Voyeurismus, eine Aufforderung an den Befragten, sich darzustellen, – in der Tat eine Gratwanderung.

Ratschläge: 1. Bohren Sie weiter. Wenn der Rapport gut ist, wird der Befragte schon sagen, er wolle hierzu nicht weiter antworten. 2. Es hängt fast alles davon ab, wie Sie die Frage stellen: vom Tonfall (dunkel, leise) und vom übrigen nonverbalen Verhalten (leicht vorgebeugt, Blickkontakt, Arme offen, eine Hand am Kinn).

Wie weit darf der Interviewer gehen? Auf diese wichtige Frage kann man nur mit Oscar Wilde antworten: „Fragen sind nie indiskret – Antworten bisweilen“. Wir schlagen vor, von der Annahme auszugehen, man könne alles fragen. Entscheidend ist, in welchem Zusammenhang, aus welcher Perspektive heraus und in welchem Tonfall dies geschieht. Die Einzelheiten einer Scheidung oder die Trauer um den Verlust des Bruders sind für

sich genommen Ereignisse, die wir nicht erfragen müssen. Alles, was aus den Lebensumständen einer Person Sensationen macht, sollten wir anderen Formen des „Journalismus” überlassen. Wenn aber der Tod des Bruders (und hierbei handelt es sich um ein real geführtes Interview) für die befragte Person bis heute eine sehr große Bedeutung hat, weil er ihr Ratgeber war, dann müssen wir danach fragen. Unsere Perspektive ist nicht die eines Schlüssellochs, sondern die, zu fragen, was eine Person geprägt hat. Nicht das Ereignis, sondern dessen Folgen, die Wunden oder die Hoffnungen, die es mit sich brachte, sind für uns wichtig.

Das setzt aber auch voraus, neugierig auf die andere Person zu sein, sie zu respektieren, nach ihr zu fragen und nicht für sich. Dennoch wir die Perspektive auf die Person immer geprägt sein müssen durch die Person der Interviewerin oder des Interviewers. Fehlt deren Interesse, so erfahren wir nichts über die befragte Person – wie in dem nächsten Beispiel 50.

Interview 50

RBB Thadeusz, 6. 12. 2005

Jörg Thadeusz – Julia Jentsch, Schauspielerin

I: Herzlichen Willkommen meine Damen und Herren. Die Frau, die heute bei mir zu Gast ist, ist definitiv unheimlich, denn sie kann zwei Tode am Tag sterben und ist trotzdem hinterher noch absolut lebendig. Filmkritiker, Theaterkritiker, Fernsehkritiker werfen sich vor ihr devot in den Staub und sagen „Diese Frau ist einfach großartig und sie wird davon kein bisschen arrogant, sondern bleibt was sie ist, nämlich hinreißend.“ Ich muss Ihnen anvertrauen, ich habe zu meinem heutigen Gast ein total unkritisches Verhältnis der Bewunderung. Bei mir heute Abend ist Julia Jentsch. Hallo Frau Jentsch.

B: Hallo.

I: Jetzt müssen wir, glaube ich, so ein ganz klein bisschen erst mal 1 das Eis brechen. Wir kennen uns ja überhaupt nicht und deswegen dachte ich, eh, ich muss jetzt mal so ein bisschen, also ich hab mir

nur so ein bisschen eine Vorstellung gemacht und mir so ein bisschen überlegt, was, wie kann ich mich Ihnen so ein klein bisschen nähern. So im Prinzip mit so Gänsefüßchenschritten. Und hab jetzt einfach mal spekuliert. Mit Ihnen kann man bestimmt ganz toll Weißwurst zuzeln ist die erste Theorie.

B: Hm, zuzeln hab ich noch nicht gelernt. Weißwurst hab ich schon gegessen mit Weißbier. I: Ja? Und das schmeckt?

B: Und eh, süßem Senf und das ist, eh, sehr gut. Aber ich hab's, ich hab' noch nicht gezuzelt.

I: Aber sind Sie, als, als, eh, gebürtige Berlinerin so richtig ange- 2 kommen in München. Würden Sie das behaupten?

B: Ähm, bestimmt nicht in die ganzen Münchener Traditionen, eh, eingewiesen. Aber jetzt, es hat drei Jahre gedauert allerdings, bis

ich mich in München jetzt einigermaßen wohl fühle. 3

I: Also das heißt, Sie gehen in die Bäckerei und sagen „Grüß Gott.“?

B: Ich versuch es meistens zu vermeiden. Aber ich … . I: Warum müssen Sie? Fühlt sich komisch an?

B: Ja, weil, ja, doch, es fühl sich immer noch ein bisschen komisch

an. 4

I: Nächste Theorie. Mit Ihnen kann kenntnisreich über Fußball sprechen, ohne dass Sie doofe Mädchenfragen stellen. Nein? Kein Fußball?

B: Versuchen Sie es! Fußball hab ich gestern erst, äh, mit ein paar 5

Leuten, äh, im Theater, wenn man, wenn man eine Zeit lang sozusagen wieder drin ist und die ganzen Namen wieder kennt und ein paar Spiele gesehen hat, dann macht es Spaß. Aber, ähm, ja.

I: Aber Sie versprechen heute hier an diesem Ort, egal, wie lange 6

Sie in München bleiben, Sie werden nicht Anhängerin vom FC

Bayern, oder? Bitte nicht! Oder sind Sie schon? B: Das behalte ich mich vor.

I: Sie, Sind Sie schon?

B: Das behalt ich mir vor.

I: Okay, gut, behalten wir das als Geheimnis. Das jetzt aber schon 7

so ein bisschen zwischen uns steht. Mit Ihnen kann man bestimmt

ganz toll, äh, sonntags länger liegen bleiben.

B: Mhm. Ja, wenn ich nicht aufstehen muss, dann eh.

I: Reagieren Sie gut, wenn wenn Leute, irgendwelche Leute, Ihnen, äh, Früh, Frühstück ans Bett bringen, reagieren Sie dann auch

schön dankbar?

B: Ähm, ja, da würde ich dankbar reagieren. 8

I: Sie würden Dankbarkeit zeigen können? B: Ja.

I: Ist das nicht so, dass Sie so morgenmuffelig sind, dass Sie überhaupt noch nicht mal „Danke“ sagen können.

B: Nee, Morgenmuffel bin ich nicht, eigentlich nicht.

I: Aber melancholischer Stimmung morgens eher, oder?

B (lacht): Mal so, mal so. Vielleicht abhängig davon, wie der Tag oder der Abend vorher war. 9

I: Ihre Tage sind ja jetzt, wenn, die Tage, die man öffentlich mitkriegt, wenn man von Ihnen in der Zeitung liest oder so was. Die sind ja meistens bestimmt durch, durch ganz tolle Ereignisse, weil, eh, bei der Berlinale kam es mir so vor, als würden speziell ältere, eh, Kulturkritiker, die „Sophie Scholl“ beispielsweise gesehen haben, fast Schüttelfrost kriegen vor Begeisterung, so toll fanden die Sie. Und ich habe hier so ein paar Zitate von denen.

B: Echt? Meine Kritiker?

I: Ja, oder, oder auch jüngere Männer, die schreiben dann solche Sachen in der FAZ „Ihr Spiel ist mehr als eine virtuos beherrschte Filmrolle. Es ist ein Stück visueller Erkenntnis, wie man sie im Kino selten findet.“ Geht das, geht das runter wie, wie, wie Butter

oder ist das eigentlich eher ein bisschen komisch? 9

B: Also, das hab ich noch nie gehört, aber, nein, wenn, natürlich ist das komisch, wenn man das als, eh, während der Berlinale, dieser ganze Presserummel auf einmal war. Das ist, äh, es ist eher erstmal sehr unangenehm und es erschreckt einen, ja, weil. Also man hat dann auch das Gefühl letztendlich, es wird über jemand anderen gesprochen, als über, über einen selber, also. Ich bring' das gar nicht direkt mit mir in Verbindung eigentlich.

I: Obwohl die Leute damit ja nur ausdrücken wollen, das was die Julia Jentsch macht, beruflich macht, das ist einfach spitzenmäßig. Das finden wir einfach toll und wir haben schon eine Menge gesehen. Eigentlich ist das ja auch ein Riesenkompliment.

B: Es ist auch schön, das stimmt, klar. Also, man kann sich da auch drüber freuen, aber trotzdem dann, ähm, ja, und es macht einen

25. Das lange Interview zur Person 307

dann auch ein bisschen, es ist ein bisschen unheimlich, ja. 10

I: Was mir unheimlich wäre an Ihrer Stelle, ist was der Berlinale Chef dann, der hat nämlich dann, Dieter Kosslick, der hat dann gleich gesagt: „A star is born.“ Das konnten Sie dann gar nicht nachempfinden, so nach, lern ich gerade aus dem, was Sie gesagt haben.

B: Ja, obwohl, ähm, ich hab ihn dann ja auch kennengelernt und das ist wirklich ein, also ein sehr sympathischer, ein sehr offener Mensch. Und es war dann so ‚ne, es war dann irgendwie, es, er

wollte es einfach so sagen und das war dann okay. Natürlich ist es, 11

ist es merkwürdig.

I: Wenn man ein Star sein muss.

B: Ja, wenn er das einfach so sagt, ja.

I: Er ist wirklich ein sympathischer Zeitgenosse. Äh, Sie müssen jetzt gleich ein bisschen stark sein, ich, äh, ich ruf uns nämlich jetzt hier mal den Service herein, weil Sie doch gewiss was trinken wollen.

B: Gerne. (…)

Anmerkungen

1: Warum diese Metakommunikation und dann noch stotternd „ich muss jetzt mal“, „also ich hab' mir“? Das Ganze mündet dann in eine alberne Feststellung im Frageton, ob man mit ihr gut „zuzeln“ könne.

2: Der I sollte die B öffnen. Stattdessen stellt er hier und in den nächsten acht Fragen nur geschlossene Fragen. Entsprechend kurz sind die meisten Antworten. 3: Diese Fragen sind witzig, aber damit kommt er nicht an die Person heran.

4: Hier hätte der I fragen können „Warum fühlt es sich noch ein bisschen komisch an?“ Beruht die Fußball-Frage auf einer Recherche? Was bringt sie?

5: Kann man mit ihr nun über Fußball reden? Welche Fragen hätte der I gestellt, wenn die Antwort „Ja“ und welche, wenn sie „Nein“ gelautet hätte? Wohin soll die Reise gehen?

6: Etwas gequält witzig; so kommt er nicht zur Person.

7: Man kann es kaum anders sagen: Er macht sie an. Passend dazu: 8: Welche Antwort hätte der männliche I hier gerne gehabt?

9: Bis zu diesem Punkt hat der I nichts über die B erfahren. Was soll die indirekte Bewunderung über die Zitate von überschwänglichen Kritikern?

10: Warum nimmt der I nun „unheimlich“ nicht inhaltlich auf: „Warum?“ oder

„Was daran ist Ihnen unheimlich?“

11. Der gleiche Fall: Warum nimmt der I „merkwürdig“ nicht auf? Hört er überhaupt zu?

In einem Interview (Hoff 2013: 44) hat Thadeusz auf die Frage „Ist das eigentlich eine Untugend in deutschen Talkshows, dass Talkmaster an ihrer Vorbereitung festhängen und dabei vergessen, zuzuhören?“ geantwortet: “Das mag mitunter sein, aber ich hätte schon gerne das ganze Bild. Ich habe sonst das Gefühl, ich trage nicht das ganze Essen raus, das ich gekocht habe“. Leider können sich Befragte und Empfänger daran den Magen verderben.

Der Interviewer muss genau zuhören. Er kann dann im Interview Aussagen aufgreifen, die der Befragte vorher gemacht hat: „Sie sagten vorhin... Wie verträgt sich das?“ Er zeigt damit dem Befragten und den Empfängern, dass er mitdenkt und Folgerungen zieht, möglichst solche, die auch den Befragten ins Grübeln bringen.

Kontinuität

Anschaulichkeit

Vermeiden Sie Fremdwörter und Fachausdrücke. Sie verlieren sonst kurzfristig die Aufmerksamkeit der Empfänger. Tätigkeiten des Befragten muss der Empfänger auch „sehen“ können: Der Befragte arbeitet nicht im Büro, sondern sitzt am Schreibtisch und liest Akten. Mit wem spricht ein Bürgermeister, bevor er in eine Ratssitzung geht?

„Wir“ und „man“ sind keine klaren Antworten; fragen Sie: „Wenn Sie von „Wir/man“ sprechen, wen meinen Sie dann/wer ist das?“ Der Befragte sollte auch erzählen, schildern, nur selten unanschauliche Schlüsse ziehen

„Das muss man tun, um den Aufgaben des Amtes gerecht zu werden“.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >