Die absolute Metapher ,lebenslanges Lernen': Wissenschaftliches Konzept und empirische Dimensionalisierung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Diskurs über die bildungsbereichsübergreifende Umsetzung lebenslangen Lernens basierend auf Argumentationen von Akteurinnen und Akteuren aus dem Elementarbereich, dem Sekundarbereich, der Erwachsenbildung/beruflichen Weiterbildung sowie der Bildungspolitik transparent zu machen und einen Beitrag zur Entwirrung der im Diskurs enthaltenen unterschiedlichen Vorstellungen und Intentionen zu leisten.

Dabei ist die Verfasserin der Untersuchung bei der Identifizierung der Kernkategorie, des „Herzstücks des Integrations-Prozesses“ (Strauss & Corbin 1996: 101), im Zuge der Entwicklung einer gegenstandsverankerten Theorie in allen Interviews auf Phänomene gestoßen, die unter dem Kategorientitel ,Lebenslanges Lernen – eine absolute Metapher' konzeptuell festgehalten werden können. Die Verfasserin greift bei dieser Kategorienbezeichnung auf das wissenschaftliche Konzept der absoluten Metapher von Blumenberg (1960/1998) zurück. [1]

In der Grounded Theory gibt es zwei Typen von Kategorien. Es handelt sich dabei zum einen um die sogenannten „In-vivo-Kodes“ (Strauss & Corbin 1996: 50) bzw. „natürlichen Kodes“ (Strauss 1998: 64):

„Eine andere wichtige Quelle für Namen sind die Worte und Äußerungen, die von den Informanten selbst verwendet werden, die so treffend sind, daß Sie sofort auf sie aufmerksam werden.“ (Strauss & Corbin 1996: 50)

„(…) ,[Sie, C.D.] sind geradewegs der Terminologie des Forschungsfeldes entnommen oder daraus abgeleitet: in der Hauptsache die Begriffe, die die Handelnden in diesem Bereich verwenden'. Während der Forscher offen kodiert, bekommt er diese Ausdrücke von den Akteuren oft zu hören, und er wird diese Begriffe dann in seine Analyse aufnehmen.“ (Strauss 1998: 64)

Zum anderen besteht die Möglichkeit, wissenschaftliche Konzepte als Kategorienbezeichnung zu verwenden:

„(…) ,Soziologische Konstrukte sind andererseits Kodes, die der Soziologe formuliert (,Bewußtseinskontext', ,medizinische Verlaufskurve').' (Die Konstrukte müssen natürlich keine soziologischen sein; sie können je nach wissenschaftlicher Disziplin auch psychologischer, anthropologischer usw. Natur sein.) Diese Konstrukte basieren auf einer Kombination aus dem Fachwissen des Forschers und seiner Kenntnis des zu untersuchenden Forschungsfeldes. Folglich können sie der Analyse mehr soziologische (sozialwissenschaftliche) Bedeutung geben als natürliche Kodes. Sie vergrößern auch die Reichweite einer Theorie, indem sie über lokale Sinndeutungen von Daten hinausgehen zu allgemeineren Problemen der Sozialwissenschaft. Analytisch gesehen sind sie wertvoll, weil sie klar und systematisch konstruiert sind.“ (Strauss 1998: 64-65)

Auch wenn die „Theoriegenerierung eine Prämie auf emergente, erst noch zu entwickelnde Konzeptualisierungen“ (Glaser & Strauss 2008: 46) setzt, ist die Übernahme von wissenschaftlichen Konzepten in der Grounded Theory erlaubt. Sie muss aber mit Sorgfalt erfolgen und deren Bedeutungen müssen bei der Analyse berücksichtigt werden (vgl. Strauss & Corbin 1996: 49-50).

Die Kategorie ,lebenslanges Lernen – eine absolute Metapher' entspricht den Ansprüchen Strauss' und Corbins an eine Kernkategorie, die „den entscheidenden Kitt beim Zusammenfügen – und beim ordentlichen Zusammenhalten – aller Komponenten der Theorie“ (Strauss & Corbin 1996: 101) darstellt: Unter der Bedingung, dass lebenslanges Lernen eine absolute Metapher ist, wodurch Begriffsbestimmungen sowie konkrete Aussagen zur bildungsbereichsübergreifenden Umsetzung des lebenslangen Lernens erschwert werden, ergreifen die sozialen Akteurinnen und Akteure im Rahmen der durchgeführten Interviews kontextgebundene Definitionsversuche. Diese werden aus der methodischen Perspektive der Grounded Theory als Handlungsstrategie der Expertinnen und Experten betrachtet, um trotz der vorhandenen immanenten semantischen Vagheit bei absoluten Metaphern dennoch Aussagen über die Bedeutung des lebenslangen Lernens und dessen bildungsbereichsübergreifender Umsetzung für ihr jeweiliges Handlungsfeld treffen zu können (siehe hierzu Kapitel 8).

In diesem Kapitel wird die Kernkategorie der gegenstandsverankerten Theorie vorgestellt. Dabei wird sich zunächst mit dem wissenschaftlichen Konzept ,absolute Metapher' auseinandergesetzt, um dessen Bedeutungen darzulegen: Es erfolgt Kontextwissen zu Metaphern im Allgemeinen, zu deren Bedeutung in der Pädagogik sowie zur absoluten Metapher als Sonderform der Metaphern. Danach wird Bezug genommen auf die theoretischen Überlegungen de Haans zur absoluten Metapher ,lebenslanges Lernen'. Abschließend erfolgt die Darlegung der empirischen Merkmale der absoluten Metapher ,lebenslanges Lernen', die induktiv aus dem Datenmaterial generiert wurden und als ein wesentliches Ergebnis der komparativen Analyse der vorliegenden Arbeit gelten.

Im anschließenden Kapitel 8 werden mittels des Aufzeigens von Bedingungspfaden die kontextgebundenen Definitionsversuche der Expertinnen und Experten im Umgang mit der absoluten Metapher ,lebenslanges Lernen' präsentiert.

  • [1] Bereits Gehard de Haan (1991) hat in einer theoretischen Auseinandersetzung mit pädagogischen Metaphern, dem lebenslangen Lernen den Status einer absoluten Metapher zugeschrieben (vgl. de Haan 1991: 367-368; nähere Erläuterungen hierzu in Kapitel 7.4).
 
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