(a) Lernen als anthropologischer Bestandteil

Bei der Darlegung ihres Verständnisses verweisen einige Informantinnen und Informanten auf das Lernen als Bestandteil des menschlichen Seins, das über die gesamte Lebensspanne hinweg stattfindet. Lernen wird hier als anthropologischer Bestandteil betrachtet. [1] Gehlen (1966) [2], einer der Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie, beschreibt den Menschen im Vergleich zum Tier zunächst als ,Mängelwesen', um vor diesem eher negativen Gegenhorizont das eigentliche Spezifikum des Menschen hervorzuheben: Der Mensch als handelndes Wesen (vgl. Gehlen 1966: 28). Zur Überwindung der Mängel der menschlichen Konstitution, wie z. B. die Instinktreduktion (vgl. a.a.O.: 26) oder allgemeiner formuliert die physische Unangepasstheit, die Unspezialisiertheit sowie das Unentwickeltsein (immer im Vergleich zu Tieren und hier speziell zu höheren Säugern), und zur Sicherung der eigenen Lebensfähigkeit sei der Mensch gezwungen, selbsttätig zu handeln, sich seine Umwelt lernend anzueignen und so umzuformen, dass sie seinen ,natürlichen' Ansprüchen entspricht (vgl. a.a.O.: 36-37). Ansonsten, „innerhalb natürlicher, urwüchsiger Bedingungen würde er als bodenlebend inmitten der gewandtesten Fluchttiere und der gefährlichsten Raubtiere schon längst ausgerottet sein“ (a.a.O.: 33, Hervorhebung im Original). Dazu befähige ihn u. a. seine Weltoffenheit. [3] Vor dem Hintergrund des Menschenbildes ,der Mensch als handelndes Wesen' nimmt das Lernen eine zentrale Position ein.

Bei der Thematisierung der anthropologischen Komponente verwenden einige Akteurinnen und Akteure den Begriff ,Lernen' und nicht den Ausdruck ,lebenslanges Lernen'. Eine mögliche Begründung hierfür liefert die nachfolgende Aussage eines wissenschaftlichen Vertreters aus dem Sekundarbereich:

E: also, grundlegend ist

Lernen immer lebenslang. Äh, wir können nicht sagen, wir stoppen unser Lernen, sondern Lernen ist äh grundlegend für&für das, was wir sind und insofern ist das ein äh Pleonasmus. Lernen ist immer lebenslanges Lernen.

(Interview-Nr. 18, Herr Peters; Sekundarbereich, Z. 8-12)

In Rahmen einer Konklusion wird zusammenfassend dargestellt, dass das Lernen ein grundlegender Bestandteil des menschlichen Seins sei und daher lebenslang stattfinde. Neben diesem Resümee wird aber auch noch die Bewertung des Ausdrucks ,lebenslanges Lernen' als Pleonasmus vorgenommen. Der aus der Rhetorik stammende Begriff ist die Bezeichnung für „überflüssige inhaltliche Wiederholungen“ (Plett 2001: 45). Aus Sicht des Informanten findet Lernen als anthropologischer Bestandteil in der gesamten Lebensspanne statt, wodurch die Betonung des Lernens mit dem Adjektiv ,lebenslang' überflüssig sei.

Lernen als anthropologischer Bestandteil tritt im Datenmaterial aber auch unter dem Aspekt der intrinsischen Lernmotivation zu Tage („Die Bereitschaft sich immer wieder weiterzuentwickeln und die Motivation, die eigene dafür, sich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Das wäre jetzt so in Kurz-, in der Kürze. Also, nicht nur bezogen auf Wissensstoff, sondern alle Bereiche.“ Interview-Nr. 14, Frau Voigt, Elementarbereich, Z. 101-103). Es handelt sich hierbei um eine Lernvoraussetzung, die Bezugspunkte zur Philosophischen Anthropologie beinhaltet. Die intrinsische Lernmotivation kann als Voraussetzung für die von Gehlen konstatierten menschlichen Eigenschaften der Weltoffenheit, Formbarkeit, Lernfähigkeit und Erfindungsgabe betrachtet werden.

Die Thematisierung des Lernens als Bestandteil des menschlichen Seins, das über die gesamte Lebensspanne hinweg stattfindet, wird von Akteurinnen und Akteuren der Erwachsenenbildung/Weiterbildung sowie des Sekundarbereichs, die einen persönlichen Bezug zur Wissenschaft haben, sei es in Form der eigenen akademischen Qualifizierung oder in Form des beruflichen Tätigkeitsfeldes im Tertiärbereich vorgenommen. Lebenslanges Lernen als intrinsische Lernmotivation – dieser Bedeutungskontext ist innerhalb des Datensamples breiter verteilt. Er wird sowohl von Vertreterinnen und Vertretern der Bildungspolitik, des Sekundarbereichs sowie des Elementarbereichs angeführt und überwiegend von Praktikerinnen und Praktikern thematisiert.

  • [1] Anthropologie wird im weiteren Sinne definiert als „die Lehre bzw. Wissenschaft vom Menschen sowie das Wissen des Menschen um sich selbst. Im engeren Sinne ist sie der reflexive Versuch des Menschen, sein Selbstverständnis methodisch gesichert zu gewinnen und als systematisch geordnetes Wissen über den Menschen darzustellen. Anthropologie wird von anthropologisch relevanten Einzelwissenschaften aus (z. B. der Biologie, Medizin, Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Pädagogik, Theologie) mit verschiedenen Fragestellungen und unterschiedlichen Methoden bearbeitet (…) Die Philosophische Anthropologie bemüht sich darum, das Gesamtwissen über den Menschen zu integrieren, die Teilaspekte im Gesamtzusammenhang als sinnhaft zu interpretieren sowie den Menschen in seiner jeweiligen Welt und geschichtlichen Situation zu verstehen“ (Weber 2003: 20). Während die Philosophische Anthropologie auf den Menschsein an sich abzielt, setzt die Pädagogische Anthropologie im Vergleich dazu ihren Fokus auf den lernenden, den zu erziehenden und den erziehenden Menschen. Es wird von der Grundannahme ausgegangen, dass „Erziehung mit zwischenmenschlichen Interaktionen und Beeinflussungen zu tun hat, die es zu verstehen und zu verantworten gilt, [daher, C.D.] setzt alles pädagogische Denken und Handeln anthropologische Reflexion voraus“ (a.a.O.: 25). Zu den Vertretern der Pädagogischen Anthropologie gehören u.a. Martinus J. Langefeld, Martin Rang, Theodor W. Adorno, Rudolf Lassahn, Otto Friedrich Bollnow, Andreas Flitner, Josef Derbolaw, Werner Loch, Heinrich Roth, Max Liedtke, Dietmar Kamper, Jürgen-Eckhardt Pleines, Hans Scheuerl (vgl. Wulf & Zirfas 1994).
  • [2] Arnold Gehlen gehört neben Helmuth Plessner und Max Scheler zu den Hauptvertretern der Philosophischen Anthropologie.
  • [3] Die menschliche Eigenschaft ,Weltoffenheit' wird von Gehlen auch als Belastung bewertet: „Der Mensch unterliegt einer durchaus untierischen Reizüberflutung, der ,unzweckmäßigen' Fülle einströmender Eindrücke, die er irgendwie zu bewältigen hat. Ihm steht nicht eine Um welt instinktiv nahegebrachter Bedeutungsverteilung gegenüber, sondern eine Welt – richtig negativ ausgedrückt: ein Überraschungsfeld unvorhersehbarer Struktur, das erst in ,Vorsicht' und ,Vorsehung' durchgearbeitet, d. h. erfahren werden muß. Schon hier liegt eine Aufgabe physischer und lebenswichtiger Dringlichkeit: aus eigenen Mitteln und eigentätig muß der Mensch sich entlasten, d. h. die Mängelbedingungen seiner Existenz eigentätig in Chancen seiner Lebensfristung umarbeiten“ (Gehlen 1966: 36, Hervorhebungen im Original).

 
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