Globale Moderne

Der Ansatz der Globalen Moderne setzt auf einen Diskurs und eine vernunftgesteuerte Ordnung, die zu einer Ausbildung einer globalen kosmopolitischen Elite führt, die in den einzelnen Gesellschaften zu einer Kompromissbereitschaft und einem Ausgleich zum Wohle der Ordnung und des gesamten Austauschs führen soll. [1] Diese Ansätze des Kosmopolitismus setzen als Prämisse zwei Voraussetzungen, die darin bestehen, dass Vernunft aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Voraussetzungen gemeinsam erreicht werden kann und dass diese Vernunft nur des Diskurses als einer argumentativen Verständigung und ihrer Institutionalisierung bedarf. Darin stecken die Reichweite und die Begrenztheit des Ansatzes. Der soziokulturelle Ansatz der Modernisierung gibt einen skeptischen Blick auf die Entwicklung der Modernisierung, der darin besteht dass sich die Solidargemeinschaften auf einer globalen Ebene verallgemeinern und generalisieren lassen. Mit ihm lassen sich zwar Grenzverschiebungen ausleuchten und diagnostizieren, aber im Kern läuft es darauf hinaus, dass mehr oder weniger konfliktreiche Situation geschaffen werden, die sich gegenüberstehen und durch die Modernisierung nicht abgemildert werden können. Die Form der Inklusionsöffnung der Modernisierung ist eine Herangehensweise zu der Beobachtung der Spätmodernisierungen. Eine andere Folge ist die Umgestaltung der askriptiven Solidaritäten und die daraus sich ergebenden Folgen für die Selektionsweise der Funktionssysteme.

Der Ansatz der Globalen Moderne geht davon aus, dass Moderne auf einer Zeitachse vorliegt und sie nicht vorrangig an institutionellen Gegebenheiten, sondern an einer normativ gesellschaftsgeschichtlichen Umgestaltung orientiert ist. Die Globale Moderne entsteht aus der globalen Soziologie, die es ermöglicht, durch das Aufkommen von verallgemeinerten „Weltlevel-Daten“, wie sie zum Beispiel von der Weltbank erhoben werden, diese modernen Zukunftsvorstellungen zu gestalten. Auf der historischen Zeitachse unterscheiden sich drei Formen der Moderne, die eurozentristische, die westzentrierte und die polyzentristische Moderne (Globale Moderne). Zwar wenden sich diese Ansätze gegen die Position der Multiplen Modernen von Eisenstadt, auch hinsichtlich der unterschiedlichen Einschätzung über die Gestaltungsmöglichkeiten, so besteht doch eine Gemeinsamkeit darin, dass die Globale Moderne nicht in allen Weltregionen die gleiche Ausgestaltung erfährt. [2] Der Widerspruch, warum und wo sie nicht zu einer gleichen Ausgestaltung führt, bleibt nur in einem geringen Maße theoretisch erfasst. [3] Dieses Problem lässt sich gut an dem Begriff der „Normativen Moderne“ der Theoretiker der „Globalen Moderne“ belegen:

Der Lernprozess der Normativen Moderne ist geografisch nicht beschränkbar. Die Normative Moderne hat ihre (partielle) Herkunft aus der christlichen Tradition ihrer Säkularisierungsleistungen längst abgestreift. Weil Fragen der normativen Geltung nicht durch Verweise auf die historische Genese der vorgebrachten Gründe entschieden werden können, steht dem universellen Geltungsanspruch der Normativen Moderne ihre Herkunft aus der Kultur des Okzidents auch sonst nicht entgegen. Die Begründungen und Geltungsansprüche, die mit dem Konzept der menschenrechtlichen Gewährleistung von Freiheit und Gleichheit verbunden sind, sind nicht westlich, sondern eben: modern. […] Der Vorschlag des Multiple-Modernitäts-Ansatzes, den Begriff der Moderne selbst zu pluralisieren, ist im Hinblick auf seine normative Dimension deshalb noch unplausibler als der Ansatz, der über den von ihm verwendeten Begriff der „Modernity“ keine Auskunft geben kann. [4]

Die funktionale Differenzierung als evolutionäre Unterscheidung zwischen traditionaler und moderner Gesellschaft, die einen stetigen Umbau fortsetzt, führt im Zeitalter der globalen Moderne zu einer Intensität für die Erreichbarkeit von Mitgliedschaften. In der Theoriekonstruktion der Globalen Moderne entsteht eine Weltgemeinschaft. Sie geht dabei von den supranationalen Blocks im politischen System, wie zum Beispiel der Europäischen Union und der Association of Southeast Asian Nations, aus. Sie werden als Erweiterung der Solidaritätsgemeinschaften interpretiert, die aber auch die Kommunikation von Unbekannten über größere Distanzen beinhaltet. Als Folge davon wird vermutet, dass somit die Ausbildung einer Weltkultur ermöglicht wird, die eine kollektive Bedeutungsproduktion herbeiführt, indem sie geografische oder demografische Kulturunterschiede und ihre Teile mit Lokalem verschmilzt und so eine Lokalität erzeugt, in der die lokalisierte Einheit über den globalen Horizont eine Projektion von Bedeutung anbietet. Daraus kann dann eine postkonventionelle Moralität entstehen. Die Globale Moderne wird keinen Lebensbereich auslassen und zu mehr Wohlstand, mehr Wissen, mehr Kontrolle, mehr Bildung, mehr Innovation, mehr Weltwahrnehmung, mehr Konsum, mehr Spezialisierung, mehr Wettbewerb, mehr Mobilität, mehr Urbanisierung, mehr Langlebigkeit, mehr Stress, mehr Risiko und mehr ökologischer Deregulierung führen. [5] Damit verbindet sie die Vision einer globalen Gesellschaft mit einer nachhaltigen Produktion mit weniger ländlichem Leben, mit weniger Armut der Bevölkerung und weniger Ungleichheit. [6] Mit der polyzentrischen Globalen Moderne steigt die Rolle von Zentren in Ostasien für die Gestaltung der Globalen Moderne. Diese Form der Globalen Moderne ist ein normatives Konzept, das Moderne als positiv bewertet und Traditionales als negativ und überholt und zu überwinden betrachtet. Die Globale Moderne ist fragmentiert und ausgestaltet durch sektorale Unterscheidung von Zonen der Kompetenz, Expertise und Autoritäten. [7]

Die Globale Moderne schlichtweg als eine Zusammenführung von Institutionen zu beschreiben, bei der Wohlstand und Lebenserwartung derart steigen, verdeckt aber die soziale Wirklichkeit. Sie ist eine soziologische Wunschperspektive und nicht eine analytische Kategorie, die Unterschiede der sozialen Wirklichkeit und ihrer Voraussetzung für den fortwährenden Wandel mit einbezieht.

  • [1] Beck, Ulrich. Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Neue weltpolitische Ökonomie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002.
  • [2] Eine Einführung in den Problemabriss der Globalen Moderne liefert Schmidt, Volker H. Global Modernity. A Conceptual Sketch. New York: Palgrave Macmillan 2014. Daran wird auch die Differenz zwischen Erklärungsabsicht und theoretischer Tiefenschärfe erkennbar.
  • [3] Ein differenzierten Blick auf die Diskussion Multiple Modernities oder Global Modernitymit einer Zusammenfassung der unterschiedlichen Ansätze liefert Delanty, Gerad. „Multiple Modernities and Globalization,“ ProtoSociology Vol 20 World System Analysis: Contemporary Research and Directions, 2004, 165–85. Eine Globale Moderne mit den gleichen institutionellen Mustern, das legen die Forschungen der Multiple Modernities vor, ist nicht zu erwarten, doch der Prozess der Modernisierung als ein Wandel der gesellschaftlichen Kommunikation mit Hybridisierung, Creolisierung, Veränderungen der kollektiven Identitäten trifft nach seiner Einschätzung für alle Teile der Weltgesellschaft zu.
  • [4] Guntmann, Thomas. „Zur Institutionalisierung der Normativen Moderne,“ in Aulis Aarnio, Thomas Hoeren, Stanley L. Paulson, Martin Schulte Dieter Wyduckel (Hrsg.). Positivität, Normativität und Institutionalität des Rechts. Festschrift für Werner Krawietz. Berlin: Duncker& Humblot 2013, 487f. Es fällt auf den ersten Blick sofort auf, dass die Vertreter der normativen Moderne nicht auf die Paradoxien und Antinomen des kulturellen Programms der Moderne eingehen wie von Richard Münch, Shmuel N. Eisenstadt. Vgl. zu den Paradoxien zwischen Individualismus – Universalismus, Rationalismus und Aktivismus (Interventionalismus) Münch, Richard. Dialektik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991, 27–48.
  • [5] Schmidt, Volker H. Global Modernity. A Conceptual Sketch. New York: Palgrave, 2014, 66.
  • [6] Die Proklamation der „globalen Demokratie“ aus der Weltsystemperspektive kritisiert den Eurozentrismus und Demokratieansatz, obwohl die Gewaltenteilung, ab Trennung von Staat und Kirche Errungenschaften sind, so basiert diese Demokratie wie schon bei den Griechen auf der Unterdrückung der Sklaven, beim englischen Imperium auf der Ausbreitung der Kolonialgebiete beruhte, so lauten die Kritikpunkt. Aus dieser Perspektive kann daher der Ausgangspunkt für eine globale Demokratie nicht die westliche Demokratie sein, sondern diese hat anders als die Vereinten Nationen von lokalen Anti-Globalisierungsbewegungen auszugehen, die sich der kapitalistischen Marktordnung widersetzen und eine sozialistische Marktordnung einfordern, in der Gesundheits- und Bildungsinstitute dem Staat unterstellt sind und große Unternehmen durch Anteile der Gesellschaftsmitglieder im Volkseigentum organisiert sind. Kleinunternehmen und einzelne private Eigentumsverhältnisse können erhalten bleiben. Die Ausgangspunkte für diese Veränderung können die „Semiperipherien“ wie Mexiko, China, Argentinien, Brasilien, Indien oder Indonesien sein. Globale Demokratie bedeutet, dass wirtschaftliche, politische, kulturelle Rechte und Einfluss für die Mehrheit der Weltbevölkerung über lokale und globale Institutionen , die das Leben beeinflussen, siehe ChaseDunn, Christopher und Terry Boswell. „Global Democracy: A World-System Perspective,“ ProtoSociology Vol 20 World-System Analysis: Contemporary Research and Directions, 2004,15–29.
  • [7] Delanty, Gerad. „Multiple Modernities and Globalization,“ ProtoSociology Vol 20 World System Analysis: Contemporary Research and Directions, 2004, 165–85.
 
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