Mitgliedschaftsunterscheidung

Die Modernisierung der chinesischen Gesellschaft führt zu einer Variabilisierung der Mitgliedschaftsbedingungen. Das beinhaltet den Umbau der Inklusions-Exklusionsordnung. Unter den Bedingungen moderner Gesellschaften, in denen Inklusion als die Chance oder der Anspruch auf die Berücksichtigung einer Person als Mitglied in einem sozialen System besteht, hat nicht zur Folge, dass damit die Teilnahme in allen Subsystemen einbezogen ist. Vielmehr schließen die askriptiven Solidaritäten die innere Grenze sozialer Systeme für die Berücksichtigung und den Anspruch auf die Teilnahme von Mitgliedschaften. Diese askriptiven Solidaritäten basieren auf einer symbiotischen Beziehung und Verbundenheit, zum Beispiel durch die gemeinsame Herkunft, die Schichtzugehörigkeit, die regionale oder nationale Zugehörigkeit.

Für die chinesische Gesellschaft sind eine differenzierte Mitgliedschaftsbedingung und askriptive Zugehörigkeit, die durch unterschiedliche abgegrenzte Gemeinschaften, wie Gruppen, Klassen und Schichten, charakteristisch. Zu ihnen besteht aber eine gewisse Durchlässigkeit. Die Durchlässigkeit in der chinesischen Gesellschaft wird über die Vision des Bildungssystems geschaffen, das inklusionsoffen ist. Zugleich bestehen in der chinesischen Gesellschaft große Unterschiede. In der chinesischen Gesellschaft gibt es keine Kompensation oder Kompensationsansprüche für die Ungleichheiten zwischen Gruppen, Ethnien oder regionalen Divergenzen. Auch die Ungleichverteilung der unterschiedlichen Chancen, die sich aus divergierenden Zugängen ergibt, wird nicht als problematisch betrachtet. Die Modernisierung schaffte eine weitereichende Differenzierung, die darin besteht, dass die Unterschiede und Möglichkeiten eine hohe Varianz erreichen. Das reicht von der Bäuerin, die auf dem Land die Äcker bewirtschaftet und nebenbei das Kind erzieht und die Schwiegereltern versorgt, bis hin zum internationalen Weltkonzernlenker, der zukünftige Trends auslöst und bestimmt. Das Mitgliedschaftsmedium ist die konventionelle Kommunikation, die eine bestimmte Symbiose aus dem Bildungssystem und seiner Sozialisation, der Kommunikation mit Status- und Prestigegruppen und der persönlichen Situationswahrnehmung nach Chancen beinhaltet. In China herrscht eine Vorstellung der Möglichkeiten, dass sich etwas verändern kann und dass der Aufstieg machbar ist. Das muss nicht in der ersten Generation eintreten, sondern das kann auch langfristig in der zweiten Generation durch die Kinder erreicht werden. Das führt zu keiner solidarischen Integration, wie sie im Westen vorliegt. [1]

Das dominante Merkmal der chinesischen Mitgliedschaftsbedingungen ist ihre hierarchische Konstruktion. Dabei handelt es sich um eine privilegierte Askription. Sie differenziert die Gemeinschaft durch den Zugang zu den freien Ressourcen. Das Idealbild der chinesischen Gesellschaft besteht darin, durch reglementierte Lebensführung, das Streben nach Bildung und die Weiterverteilung in sozialen Netzwerken eine stabile gesellschaftliche Ordnung zu etablieren. Die Teilnahme an solchen Netzwerken ist darauf angelegt, selbst einen entscheidenden Knotenpunkt in einem Netzwerk auszubilden. Das entspricht der gesellschaftlichen Orientierung. Die Hierarchie steht für Stabilität, Wohlstand und für eine Zukunftsperspektive. Daran anknüpfend, liegt eine utilitaristische Kommunikationsweise vor, die durch die Interessen, den Mitmachzwang sowie die Kommunikationsrituale im sozialen Netzwerk eingeschränkt wird. Damit liegt immer eine kollektive Orientierung zur Gruppe und zur nächsthöheren Gruppe, dem nächstgrößeren Netzwerk vor. Das schließt das Konkurrieren von unterschiedlichen Netzwerken nicht aus, sondern begünstigt die Konkurrenz der unterschiedlichen Netzwerke. Die chinesische Selbstbeschreibung interpretiert sich als Abstammungszivilisation, die einmalig ist. Die Einmaligkeitskonstruktion beruht auf der gegenwärtigen Vergangenheit und einer Kontinuität über Tausende von Jahren.

Die chinesische Sozialordnung kennzeichnet sich durch die Mitgliedschaftsunterscheidung der kollektiven Identitäten, erstes Kapitel, der Guanxi-Netzwerke, zweites Kapitel und der Verwandtschaftssysteme, drittes Kapitel. Die Mitgliedschaftssysteme verändern sich durch die operationelle Schließung der Mitgliedschaftsunterscheidung, die sich mit der Modernisierung der chinesischen Gesellschaft verändert hat. Die Grenzziehung (Beobachtung und Entscheidung) dieser Unterscheidung führt zur chinesischen Gesellschaftstruktur, wie sie sich in Gegenwart abzeichnet und leitet dazu über, welche Anschlussvoraussetzungen für die Zukunft bestehen.

  • [1] Frazier, Mark. „Welfare Policy Pathway Among Large Uneven Developers,“ in Scott Kennedy (Hrsg.). Beyond the Middle Kingdom. Comparative Perspectives on China's Capitalist Transformation. Standford: Standford UP, 2011, 89–109.
 
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