Problemstellung

Die Untersuchung zur Modernisierung der chinesischen Gesellschaft geht von der Problemstellung aus, dass der strukturelle Wandel der chinesischen Gesellschaft nicht dem Entwicklungspfad der frühen westlichen Institutionalisierung funktionaler Differenzierung folgt. Angesprochen ist damit die institutionelle Ordnung der modernen Gesellschaft in ihrer typischen Ausprägung in Westeuropa und den Vereinigten Staaten von Amerika. [1] Ihr Ziel ist es den unterschiedlichen Entwicklungspfad der chinesischen Modernisierung seit Anfang der 1990er Jahre zu untersuchen. Die Untersuchung zieht für ihre Aufgabenstellungen die Folgerungen aus dem Stand der Debatte über Modernisierungstheorie seit den 1990er Jahren. Die Vorgehensweise ist daran orientiert, für die Beschreibung des Modernisierungsverlaufs einen angemessenen Analyserahmen zu erstellen. Der Anschnitt wird derart gewählt, dass die allgemeine Theorie der Soziologie der Mitgliedschaft einen geeigneten theoretischen Bezugsrahmen bereitstellt, der auf den Falltypus der chinesischen Modernisierung anzuwenden ist.

Das theoretische Bezugsproblem wird dahingehend spezifiziert, dass das Integrationsprogramm der modernen Gesellschaften an der Analyse der chinesischen Gesellschaft überprüft wird. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich unter der Voraussetzung von Globalisierung und der Emergenz einer transnationalen Gesellschaft das Integrationsproblem verschärft stellt. Das betrifft die durch funktionale Differenzierung etablierte Vollinklusion der Gesellschaftsmitglieder in die großen Funktionssysteme und das normative Integrationsprogramm zum Beispiel von Marshall, der die übergreifende moderne Gemeinschaftsbildung durch die ökonomische, die politische, die sozio-kulturelle und die kulturelle Integration (Inklusion) charakterisiert hat.

In der Variation der theoretischen Antworten auf die veränderte Grundsituation der Expansion der Teilsysteme und der „Entfesselten Kommunikation“ und ihrer Gegenläufigkeiten wiederholt sich die grundsätzliche Fragestellung auch in der Debatte der soziologischen Theorie der Gegenwartsgesellschaft. [2] Insofern wägt die Analyse die unterschiedlichen Theoriestände der Modernisierungstheorie, die Konvergenz-, Divergenztheoretiker und als eine Zwischenposition den Multiple Modernities-Ansatz gegeneinander ab. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass für sein Erkenntnisinteresse eine Abstimmung des Multiple Modernities-Forschungsprogramms und des Hybridisierungsansatzes eine geeignete Strategie ist die Fragestellung zu bearbeiten. Aus dieser Sicht, so die Folgerung, hat sich die Modernisierungsforschung im Falle Chinas von den veränderten Voraussetzungen der Globalisierung und Hybridisierung auszugehen. Von dort aus wird eine Kritik an dem Global Modernity im Singular (Volker H. Schmidt) formuliert, der den westlichen Modernisierungspfad verallgemeinert und sich für eine Analyse des Strukturwandels der chinesischen Gesellschaft nicht eignet, da er die Theoriebildung mit dem politischen Programm einer Institutionalisierung der normativen Moderne belastet.

Als Folgerung aus dem Stand der unterschiedlichen theoretischen Ansätze geht die Konstruktion des analytischen Bezugsrahmens davon aus, dass für die Systematisierung der Struktur der chinesischen Modernisierung die Bestandteile der Differenzierungsformen, die unterschiedlichen Integrationsprogramme, die besonderen Formen der Solidaritätsgestaltung, die Konstruktion und Projektionen der Erwartungserwartungen, der Kommunikationsarten und die kollektive Identitäten aufeinander abzustimmen und auf den Forschungsgegenstand zu spezifizieren sind. Die Zielsetzung geht dabei dahin, mit den unterschiedenen Bestandteilen die gesellschaftliche Struktur der chinesischen Modernisierung und den damit einhergehenden Wandel zu beschreiben.

  • [1] Vgl. dazu Münch, Richard. Die Kultur der Moderne (2 Bd.). Ihre Grundlagen und ihre Entwicklungen in England und Amerika (Bd. 1), Ihre Entwicklungen in Frankreich und Deutschland (Bd.2). Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1986.
  • [2] Münch, Richard. Dialektik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991 und Ders. Dynamik der Kommunikationsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1995.
 
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