Sprecherposition: selbstinitiiert und extern anerkannt

Jene Akteurinnen und Akteure, die eine selbstinitiierte und extern anerkannte Sprecherposition einnehmen und den Definitionsversuch einer kontinuierlichen pädagogischen Förderung der Lernkompetenz im Lebenslauf vertreten, stammen sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis, wobei die Wissenschaftler/-innen – ohne quantifizierende Aussagen treffen zu wollen – hierbei stärker vertreten sind. Bezogen auf die Sprecherrolle haben fast alle sowohl einen berufsbiografischen als auch beruflichen Bezug zum lebenslangen Lernen. Im folgenden Beispiel wird der berufsbiografische Bezug thematisiert:

E Also, seitdem ich meine Schule beendet habe, bin ich permanent dabei mich weiterzubilden. Also, lebenslanges Lernen ist gewissermaßen mein Arbeitsbereich. Also, ich habe lange Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Projekten gearbeitet, äh, äh Professur für (benennt die Professur) und jetzt hier (benennt die aktuelle Professur). Also, ich bin permanent lebenslang, ich würde hier sogar eher den anderen Begriff nennen, lebenslänglich am Lernen.

(Interview-Nr. 11, Herr Koch, Elementarbereich, Z. 33-39)

Zu Beginn der Argumentation formuliert der Akteur zwei Behauptungen. Zum einen weist er auf fortlaufende Weiterbildungsaktivitäten nach seinem Schulabschluss hin. Zum anderen bezeichnet er das lebenslange Lernen als seinen Arbeitsbereich. In der anschließenden Begründungsaktivität unter dem Zugzwang des Differenzierens und Respezifizierens wird deutlich, was er mit seiner zweiten Behauptung meint. Aufgrund seiner Hochschullaufbahn musste er sich permanent weiterbilden, erst im Rahmen von Hochschulprojekten als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann durch die Übernahme seiner ersten Professur und schließlich durch die Übernahme der aktuellen Professur, die in einer anderen erziehungswissenschaftlichen Teildisziplin verortet ist als die erste. Mit einer abschließenden Konklusion, welche die handlungspraktische Funktion einer Bewertung einnimmt, konstatiert er, dass in seinem Fall eher der Begriff

,lebenslängliches Lernen' [1] passen würde. Während beim berufsbiografischen Bezug lebenslanges Lernen reflexiv auf das eigene Lernverhalten im Kontext der Berufsbiografie bezogen wird, stellt das lebenslange Lernen beim beruflichen Bezug einen Themenbereich des beruflichen Aufgabengebiets dar („und ahm ah das heißt lebenslanges Lernen bedeutet für mich ganz zentral sich zu überlegen(') wie kann Schule sich darauf einstellen und wie kann sie sozusagen ahm auf der einen Seite die natürliche Neugier ahm der Schüler aufrechterhalten(') auf der anderen Seite sie eben auch für dieses sie erwartende Arbeitsleben qualifizieren(.)“ Interview-Nr. 19, Frau Wagner, Sekundarbereich, Z. 69-73).

Die selbstinitiierte und extern anerkannte Sprecherposition scheint eine positive Wirkung auf die Erfüllung der Sprecherrolle zu haben. Die betreffenden Akteurinnen und Akteure inszenieren sich in ihrer Sprecherrolle als aktive Gestalter/-innen im Bereich des lebenslangen Lernens. Dies kommt einerseits zum Ausdruck, wenn sie ihr berufliches Tätigkeitsfeld thematisieren und damit ihren Beitrag zum Spezialdiskurs (im Elementarbereich, Sekundarbereich, Erwachsenenbildung) oder zum öffentlichen Diskurs (Bildungspolitik) zum Ausdruck bringen („Beruflich bin ich äh im Moment der Leiter der Abteilung Lehrerbildung, Landesprüfungsamt und Weiterbildung und damit also mit diesen Themen direkt beruflich äh verbunden. Ich war bis vor einem Jahr der äh Vorsitzende des Ausschusses (nennt die Bezeichnung des Ausschusses). Und ich bin jetzt noch immer der Leiter des äh, der Koordinator, der Leiter eines Förderprogramms und eben da eine Reihe von Programme laufen lassen in, im äh Europa-Kontext, der länderseitige Koordinator für lebenslanges Lernen und könnte Ihnen jetzt noch eine Reihe von sonstigen Aktivitäten bis hin zu Lernenden Regionen und dergleichen mehr mitteilen, wo ich überall dann tätig war.“ Interview-Nr. 6, Herr Becker, Bildungspolitik Länderebene, Z. 21-30). Zum anderen beziehen die Informantinnen und Informanten lebenslanges Lernen reflexiv auf ihre eigene Berufsbiografie und zeigen auf, welche Konsequenzen das selbst praktizierte lebenslange Lernen auf die eigene berufliche Weiterentwicklung hat. Hier steht die aktive Gestaltung der eigenen Berufsbiografie unter dem Postulat des lebenslangen Lernens im Vordergrund („und dann habe ich versucht eine neue, offene Schule zu gründen. Das war damals in x-Stadt zunächst und dann später y-Stadt. (..) Und zwar war das ganz einfach äh, ohne einen einzigen Lehrer, eine Schule ohne Lehrer, ohne Gebäude, nur von einem, mit einem Mentor und den Schülern. (…) Bin aber dann kurz danach äh zur Einrichtung für Selbstlernen, habe das (nennt den Namen der Einrichtung) gegründet damals, war Gründungsdirektor. Habe das 12 Jahre geleitet, auch eine andere Form des Lernens. Angeleitetes Selbststudium.“ Interview-Nr. 4, Herr Weber, Erwachsenenbildung, Z. 133-138, Z. 189-190).

Bei den Akteurinnen und Akteuren, die den Definitionsversuch

,Kontinuierliche pädagogische Förderung der Lernkompetenz im Lebenslauf' vertreten und eine selbstinitiierte und extern anerkannte Sprecherposition einnehmen, können bei der Rekonstruktion der argumentativen Praktiken in der konkreten Interviewsituation Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Es handelt sich zum einen um die Anwendung routinisierter Modi der Verständigung im Zuge abkürzender Argumentationspraktiken. Diese äußern sich in der Übernahme und Nutzung von Fachbegriffen in den eigenen Sprachgebrauch, die im kommunikativen Handeln schlagwortartig angeführt und nicht erläutert werden. Damit scheint eine zum Teil kontrafaktische Unterstellung eines gemeinsam geteilten Hintergrundwissens zwischen Interviewten und Interviewerin einherzugehen. In der sozialen Welt (vgl. Strauss 1990) der Akteurinnen und Akteure wird bei der Verwendung von Fachbegriffen scheinbar davon ausgegangen, dass die Zuhörenden das Gleiche unter den Fachbegriffen verstehen, wie die/der Sprechende selbst. Im konkreten Interaktionsgeschehen könnte man an diesen Stellen auch von einer Stichwortoder Schlagwortkommunikation sprechen. Diese kann als Abkürzungsstrategie vor dem Hintergrund knapper zeitlicher Ressourcen sowie als Strategie der Selbstpräsentation gedeutet werden. Durch die schlagwortartige Verwendung von Fachbegriffen wird der Eindruck erweckt, als hätte das Gesagte einen sinnhaften Zusammenhang. Dem Gegenüber wird suggeriert, dass er Bescheid wissen müsse. Als Beispiel für die Anwendung routinisierter Modi der Verständigung kann die folgende Aussage eines Interviewpartners aus dem Elementarbereich angeführt werden. Sie ist Bestandteil einer Begründungsaktivität im Zuge der Darstellung der pädagogischen Förderung der Lernkompetenz im Lebenslauf:

E: zum Beispiel Entwickeln des I: (gz) mhm(')

E: Selbstkonzeptes(') es ist nicht eine Aufgabe nur des vorschulischen Alters(') sondern sie ist genauso relevant im Schulalter(') wenn ich dem Kind

I: (gz) mhm(')

E: Selbstregulation vermittle(') kann ich das im Kindergarten tun(') ich kann es auch in der in der Grundschule oder ich mu:ss das auch in der Grundschule fortsetzen(.) wenn ich sage lernmethodische Kompetenzen(') wo&woher ist keine Kompetenz(') die reserviert ist für eine Bildungsstufe(') sondern sie geht über die Stufen hinweg(.)“

(Interview-Nr. 12, Herr Bauer, Elementarbereich, Z. 157-166)

Der Interviewpartner führt in dieser Begründungsaktivität unterschiedliche Elemente an, die es vonseiten der pädagogischen Einrichtungen (hier speziell Einrichtungen des Elementarund Primarbereichs) zu fördern gelte. Er verbleibt hierbei auf der Ebene der Stichwortkommunikation, da er nicht weiter erläutert, was konkret die Entwicklung des Selbstkonzepts, die Förderung von Selbstregulation und lernmethodischen Kompetenzen bedeutet und welche pädagogischen Maßnahmen damit verbunden sein könnten.

Das Textbeispiel weist zum anderen auf eine weitere Gemeinsamkeit hinsichtlich argumentativer Praktiken im Zusammenhang von Behauptungen, Begründungen und Belegen hin. Alle Sprecherinnen und Sprecher binden wissenschaftliches Wissen in ihre Argumentationen und hier vorwiegend in ihre Begründungsund Belegaktivitäten ein, welche dann in den routinisierten Modi der Verständigung zum Ausdruck kommen. Der doch auffällige Einbezug von wissenschaftlichem Wissen mag darin begründet liegen, dass die meisten Vertreter/innen aus der Wissenschaft stammen.

  • [1] Vgl. hierzu Kapitel 7.5.2 „Austauschbarkeit der metaphorischen Anteile: lebenslang – lebenslänglich – lebensbegleitend“.
 
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