Diskursive Praktiken: Formulierung von Voraussetzungen für eine bildungsbereichsübergreifende Institutionalisierung lebenslangen Lernens

Da der Definitionsversuch ,kontinuierliche pädagogische Förderung der Lernkompetenz im Lebenslauf' zum größten Teil von den Informantinnen und Informanten aus dem Elementarbereich und dem Sekundarbereich formuliert wird, beziehen sich vor allem die geäußerten organisationalen und berufsgruppenbezogenen Voraussetzungen auf die Einrichtungen Kindergarten/Kindertagesstätte und Schule. Eine organisationale Grundvoraussetzung seitens des Kindergartens zur Realisierung der oben genannten Definition ist beispielsweise, dass dieser sich als Bildungseinrichtung versteht und die Erzieherinnen und Erzieher als Bildungsbegleiter/ -innen agieren, wie die nachfolgende Passage aufzeigt:

E: Also, äh es findet ja im Moment eine Neuorientierung des Selbstverständnisses statt. Ähm, das, also äh auf den oberen Ebenen wird gesagt Kindergarten als Bildungsinstitutionen und Selbstverständnis wie auch bei Lehrern als Bildungsbegleiter. Äh, obwohl ich betonen möchte, das sind Akzentverschiebungen. So etwas haben auch in den letzten 30, 40 Jahren, äh Erzieherinnen sind ja nicht welche, die mit Kindern gespielt haben, der Bildungsgedanke war bei denen immer da, nur jetzt in der momentanen Gewichtung geht die Waage mehr in Richtung dieser, in Richtung dieser Förderung.

(Interview-Nr. 11, Herr Koch, Elementarbereich, Z. 591-599).

Der Informant weist im Rahmen der Behauptungsaktivität darauf hin, dass eine Neuorientierung des Selbstverständnisses stattfindet. Diese Neuorientierung wird im Rahmen einer Spezifizierung näher erläutert, wobei nicht ersichtlich ist, was der Interviewte unter „obere Ebene“ meint. Eventuell handelt es sich hier um die politische Ebene, die eine Neuorientierung des Selbstverständnisses des Kindergartens von einer Betreuungseinrichtung zu einer Bildungseinrichtung und des Selbstverständnisses der Erzieher/-innen in Richtung Bildungsbegleiter/-innen forciert. Im Anschluss an diese Spezifizierungsaktivität erfolgt eine kurze Bezweiflungsaktivität, in welcher der Interviewpartner darauf verweist, dass es sich nicht wirklich um eine Neuorientierung, sondern eher um eine Akzentverschiebung handeln würde. In der anschließenden Begründungsaktivität unter dem Zugzwang des Berücksichtigen und Abwägens, wird erklärt, dass der Bildungsgedanke schon immer ein Grundgedanke der Elementarpädagogik gewesen sei, im aktuellen politischen Diskurs aber wieder eine stärke Gewichtung erlangt habe.

Als organisationale Grundvoraussetzung seitens der Schule zur Realisierung des oben angeführten Definitionsversuchs wird die Förderung der Lernmotivation und des selbstorgansierten Lernens betrachtet. Um dieser Aufgabe nachzukommen, bedarf es wiederum Veränderungen auf der strukturellen Ebene sowie auf der Ebene der Makround Mikrodidaktik („Ich würde aber gleichwohl, um das noch mal zu sagen, daran festhalten, dass das die Schule sein könnte, aber eine anders strukturierte Schule, wo es nicht heißt, Jahrgangsklasse äh und ein Schritt nach dem anderen und äh 45 Minuten und wenn die Lehrerin kommt, geht es los und wenn es klingelt, ist der Prozess zu Ende, sondern wo so was, so etwas alles viel offener äh organisiert ist, wo die Schule viele Lernangebote hat, Bildungsmöglichkeiten hat, Lernlandschaften hat und dergleichen mehr.“ Interview-Nr. 16, Herr Wolf, Sekundarbereich, Z. 470-477).

In der Erwachsenenbildung/Weiterbildung werden organisationale Voraussetzungen eher im Aufbau von Supportstrukturen, wie Bildungsberatung und Datenbanksysteme, zur Gewährleistung von Transparenz des Weiterbildungsmarktes gesehen.

Eine häufig formulierte berufsgruppenbezogene Voraussetzung in diesem Kontext ist, dass sich die pädagogisch Tätigen im Elementarund Sekundarbereich als Lernoder Bildungsberater verstehen sollten. Hierzu werde der Besuch von Fortbildungen notwendig, in deren Mittelpunkt die Förderung von Lernmotivation und Lernkompetenz stehe.

Die soeben angeführten organisationalen und berufsgruppenspezifischen Voraussetzungen können ein Grund für die des Öfteren im Datenmaterial formulierte berufspolitische Forderung sein, die Förderung von Lernmotivation und Lernkompetenz in die (akademische) Ausbildung und Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte aufzunehmen („Wenn wir die Untersuchungen uns anschauen und aus den Erfahrungen reflektieren, sind die (-) Lehrkräfte an Schulen, Kindertagesstätten und Hochschulen, aber auch Weiterbildungseinrichtungen, äh nicht so gebildet worden in der Primärausbildung wie es diese neueren äh Entwicklungen eigentlich verlangen würden. Also, was heißt das? Du musst anfangen in der zukünftigen Ausbildung das stärker zu berücksichtigen. Ich habe es eben deutlich gemacht an der Lehrerausbildung, aber das gilt natürlich für Erzieherinnenausbildung und äh für, in gewisser Weise für im Rahmen der, der, der Hochschuldidaktik auch für die Hochschulen. Bei den Weiterbildungseinrichtungen würde das natürlich für die Studiengänge Erwachsenbildung äh gelten, aber wie wir wissen äh, ist das Personal in den Weiterbildungseinrichtungen nicht nur aus solchen Studiengängen heraus erwachsen, sondern ja auch aus äh (..) anderen Berufserfahrungen. Also, sprich überall, in allen Bereichen, erwarten uns besondere Ansprüche an Fortbildungen.“ Interview-Nr. 7, Herr Becker, Bildungspolitik Länderebene, Z. 335-350).

 
< Zurück   INHALT   Weiter >