Diskursive Praktiken: Formulierung von Voraussetzungen für eine bildungsbereichsübergreifende Institutionalisierung lebenslangen Lernens

Die Akteurinnen und Akteure, die eine bildungsbereichsübergreifende Institutionalisierung lebenslangen Lernens im Sinne einer parallelen Inklusion der Lernenden in Bildungseinrichtungen verschiedener Bildungsreiche durch den Aufbau von interorganisationalen Kooperationsbeziehungen definieren, formulieren auf der Ebene der diskursiven Praktiken der Diskurs(re)produktion hauptsächlich organisationale sowie weitere Realisierungsund Gelingensbedingungen.

Als organisationale Voraussetzung wird eine positive Grundhaltung gegenüber interorganisationalen Kooperationen gesehen, die aus Sicht der Interviewpartner/-innen nicht immer gegeben zu sein scheint („Ähm, wenn ich mal den schulischen Prozess nehme, also eine, eine ganz wesentliche Forderung ist, und die ist ja auch hier in der Stadt in vielen Fällen schon ansatzweise und auch etwas weiterführend umgesetzt, dass ich, wenn ich mal vom schulischen Bereich ausgehe, dass sich die Schulen öffnen müssen, dass sich die Schulen öffnen müssen für die externen Bereiche. Das muss jetzt nicht äh, jetzt im Vordergrund sehe ich jetzt nicht die Eltern, sondern für die Unterstützer, die letztlich äh Angebote in die Schule transferieren können. Es darf zukünftig nicht nur so sein, dass die Schule als isolierter Punkt stehen bleibt.“ Interview-Nr. 10, Herr Meyer, kommunalpolitische Ebene, Z. 396-404).

Kooperationsbereitschaft als organisationale Voraussetzung zur parallelen Inklusion der Lernenden in Bildungseinrichtungen unterschiedlicher Bildungsbereiche scheint in enger Verbindung mit einer weiteren Realisierungsund Gelingensbedingung zu stehen. Diese wird mit der unter 8.2.2 erläuterten Metapher ,Durchbrechen der Säulen' beschrieben und z. T. als Hauptschwierigkeit bei der bildungsbereichsübergreifenden interorganisationalen Kooperation betrachtet. Faktoren, die ein Zustandekommen von Kooperationen verhindern, werden von den Interviewten beispielweise in verschiedenen Interessen und Funktionen der beteiligten Einrichtungen gesehen („also in der Lehrlingsausbildung(') die ahm muss dann auch ah wenn das Training on the Job ist(') dann wieso sollen die was mit Schulen oder mit der Uni was machen(?)“ Interview-Nr. 1, Herr Müller, Erwachsenenbildung, Z. 565-567). Aber auch Konkurrenzdenken der beteiligten Einrichtungen wird als Grund für eine Kooperationsverhinderung thematisiert („ahm (4 sek.) meine andere Zielrichtung geht immer ein Stückchen in Richtung Hochschule(') das ist aber viel schwieriger(') weil ich denke(') da kommt es erst mal darauf an ahm Vorurteile abzubauen(') die sicherlich da sind und zweitens zu einer vernünftigen Aufgabenteilung zu kommen(.)“ Interview-Nr. 3, Frau Fischer, Erwachsenenbildung, Z. 399-402). Schließlich wird ein zusätzlicher Arbeitsaufwand für die Mitarbeiter/-innen als Faktor, der eine Kooperation verhindert, dargelegt.

Aus der Realisierungsund Gelingensbedingung ,Durchbrechen der Säulen' und den damit verbundenen Schwierigkeiten kann eine weitere von den Interviewten formulierte Realisierungsund Gelingensbedingung abgeleitet werden: Bildungsbereichsübergreifende Kooperationen müssen auf der Basis gemeinsamer Themen und Interessen aufgebaut werden. Dies kann der Fall sein, wenn ein gemeinsames Bildungsziel für eine gemeinsame Zielgruppe angestrebt wird, das seine Realisierung in einem gemeinsamen Bildungsangebot findet. Hier schließt sich dann die nächste Bedingung der Durchführung einer Potenzialanalyse zu Beginn einer interorganisationalen Kooperationsbeziehung an, damit eine realistische Einschätzung möglich wird, ob notwendige Kooperationsleistung zur Verwirklichung des gemeinsamen Vorhabens erbracht werden können oder nicht („Äh, Potenzialanalyse, also äh meine Beobachtung ist, dass äh häufig die Institutionen selbst nicht genau von sich wissen, was sie können und schon gar nicht die anderen Institutionen. Und äh bevor man jetzt sagt, wir koppeln diese mit jenen zusammen, äh müssten beide Seiten (..) äh in einer Basisanalyse eine Potenzialanalyse auf den Tisch legen, wobei es hilfreich ist, wenn die nicht von mir selbst stammt äh, weil sonst äh Leistungserwartungen geweckt werden, Ansprüche geweckt werden, die äh, die dann im, im (?Vollzug) nicht zu decken sind und das führt dann eher zu einem Rückschlag als zu einer, zu einer Weiterentwicklung.“ Interview-Nr. 5, Herr Hahn, Bildungspolitik, wissenschaftliche Beratung, Z. 224-233).

Im Vergleich der diskursiven Praktiken, die von den Interviewten bei dem Definitionsversuch der kontinuierlichen pädagogischen Förderung von Lernkompetenz im Lebenslauf angeführt werden und sich hauptsächlich auf organisationale und berufsgruppenbezogene Voraussetzungen sowie berufspolitische Forderungen konzentrieren, stehen bei dem Definitionsversuch der parallelen Inklusion der Lernenden in Einrichtungen mehrerer Bildungsbereiche insbesondere Realisierungsund Gelingensbedingungen im Mittelpunkt. Hier scheint eine Bedingung die nächste Bedingung hervorzurufen. Das Zustandekommen interorganisationaler Kooperationen scheint vor diesem Hintergrund mit vielfältigen Voraussetzungen verbunden zu sein.

 
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