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2.1.2 Der Cultural Approach

Im Gegensatz zum „Calculus Approach“ unterstellt der „Cultural Approach“, dass das Verhalten von Menschen stark durch ihre jeweilige Kultur geprägt wird, die sie für selbstverständlich halten. In dieser Sichtweise kann das Befolgen von Normen relativ immun gegenüber individueller Rationalität sein. Doch jenseits dieser grundsätzlichen Anerkennung der zentralen Rolle von Kultur für menschliches Verhalten existieren erhebliche Divergenzen in der konkreten Analyse: Was soll man unter „Kultur“ verstehen, und wie genau beeinflusst Kultur das menschliche Verhalten? Bei der Behandlung dieser Fragen wird Kultur zum einen als ein geteiltes Wertesystem verstanden, das die Präferenzen der Menschen strukturiert; zum anderen als ein „Tool Kit“, mit dem man vorgegebene Ziele erreichen kann; oder schließlich drittens als ein evolutionärer Prozess, in dem sich Normen und Regeln spontan entwickeln.

Kultur als Wertesystem

Ein Verständnis von Kultur als Wertesystem ist eng mit der soziologischen Tradition von Émile Durkheim und Talcott Parsons verbunden. Für Durkheim sind die „sozialen Tatbestände“, welche den Gegenstand der Soziologie ausmachen, als objektive Dinge zu behandeln. Gesetze, Sitten und Gebräuche existieren demnach unabhängig vom Einzelnen und entziehen sich seiner Kontrolle. Sie üben einen mehr oder weniger unwiderstehlichen Zwang aus, dessen Wirkung sich der Einzelne im Alltagsleben nicht entziehen kann (vgl. Durkheim 1976). In dieser Betrachtungsweise bilden eine Gesellschaft und ihre Institutionen eine Ganzheit, die nicht einfach als eine Summe aller Teile anzusehen ist. Individuelle Entscheidungen und Verhaltensweisen werden nur dann verständlich und erklärbar, wenn sie unter den von dem System vorgegebenen Strukturen analysiert werden. Diese holistische Position steht in einem direkten Gegensatz zum Methodologischen Individualismus, der die Grundlage des „Calculus Approach“ ist.

Talcott Parsons entwickelte diese soziologische Tradition weiter. Seiner Handlungstheorie zufolge prägen die kulturell vorgegebenen Werte die individuellen Handlungsziele und schränken diese ein. Demnach folgen Menschen Normen nicht aufgrund einer individuellen Nutzenkalkulation, sondern aufgrund einer Internalisierung von Werten, vermittelt durch die Sozialisierungsinstitutionen ihrer Gesellschaft. Ein Wert, so definiert Parsons, ist „an element of a shared symbolic system which serves as a criterion or standard for selection among the alternatives of orientation which are intrinsically open in a situation“ (Parsons 1991: 7).

In dieser Tradition sind die Präferenzen von Menschen nicht durch Natur bestimmt, sondern von Kultur gestaltet. Moralische Werte und Normen können internalisiert werden und materielle Anreize überlagern oder verdrängen. Auf diese Weise übe Kultur als Wertesystem großen Einfluss auch auf die institutionelle Entwicklung aus. Diese Sichtweise kommt etwa bei Weber zum Ausdruck, wenn er argumentiert, dass die protestantische Ethik durch die Unterdrückung des Hedonismus und die Propagierung eines asketischen Lebens die Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa gefördert habe (vgl. Weber 2010); bei Fukuyamas in der Annahme, dass die starke Verpflichtung gegenüber Familienangehörigen in China zur Dominanz von Familienunternehmen in der chinesischen Wirtschaft geführt habe (vgl. Fukuyama 1996); oder auch bei der Theorie, dass die traditionelle Einstellung zur Vorsorge für Angehörige für lange Zeit die Lebensversicherungsmärkte in den USA behindert habe (vgl. Zelizer 1979).

 
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