Eine Typologie von Institutionen

Zwar beschäftigen sich immer mehr Ökonomen und Soziologen mit der Neuen Institutionenökonomik, ohne dabei aber der Klassifikation von Institutionen sonderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Nach einer gängigen Klassifikation begnügt man sich damit, Institutionen entweder in formelle oder in informelle Institutionen einzuteilen. Die politische und staatliche Rahmenordnung, Recht und Organisationen gelten als formelle Institutionen, Kultur, Ideologie, soziale Netzwerke und Normen werden als informelle Institutionen zusammengefasst. In dieser Klassifikation wird Kultur mit sozialen Normen gleichgesetzt, und sogar beim „Cultural Approach“ werden Kultur und soziale Normen als eine Sache behandelt.

Ich schlage dagegen vor, Kultur von sozialen Beziehungen und Normen zu trennen. Sie gehören zwar gemeinsam zur Kategorie der informellen Institutionen, haben aber dennoch verschiedene Funktionen und unterliegen nicht den gleichen Mechanismen. Soziale Institutionen beziehen sich auf soziale Normen, die in sozialen Beziehungsstrukturen durch interpersonale Interaktionen entstehen und durchgesetzt werden. Die betreffenden Akteure wissen, was die sozialen Normen bedeuten und mit welchen Konsequenzen sie rechnen müssen, wenn sie die Normen befolgen oder sie missachten. Soziale Normen unterliegen Veränderungs- und Anpassungsprozessen, die in den jeweiligen sozialen Kontexten von den Akteuren selber ausgehen.

Im Gegensatz dazu lässt sich Kultur nur schwer verändern. Sie strukturiert den kognitiven Rahmen, die Werteinstellungen und Ideale von Menschen und prägt ihre Entscheidungen auch jenseits situativer Bedingungen und Anreize. Kultur beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen ihre materiellen Interessen verfolgen, sie verkörpert aber auch Werte als endgültige Ziele. Da Kultur von Generation zu Generation weitergegeben und unmerklich internalisiert wird, ist eine reflexive Distanz zu ihr schwierig. Kultur darf nicht mit sozialen Instiutionen verwechselt werden. Denn Kultur bietet uns keine konkreten Strategien oder Verhaltensregeln für aktuelle Probleme. Menschen erwerben nur die jeweiligen subjektiven Perspektiven ihrer Kulturen, mit denen sie die objektive Welt beobachten, interpretieren und bewerten, was ihre Verhaltensweisen und die Institutionenentwicklung beeinflussen kann. Versteht man Kultur als Institutionen, muss ein weites Institutionenverständnis vorausgesetzt werden – wie etwa in der Definition von Greif: „An institution is a system of rules, beliefs, norms, and organizations that together generate a regularity of (social) behavior“ (Greif 2006: 30). Es ist aber fraglich, ob man allgemeine Weltdeutungen und Werthaltungen („beliefs“) zusammen mit konkreten sozialen Normen und (Organisations-) Regeln („rules“ und „norms“) in einem Rahmen analysieren sollte. Zwischen sozialen Normen, kulturellen Werten und Traditionen bestehen große Unterschiede. Fasst man Kultur unter einen allgemeinen Begriff informeller Institutionen, darf man ihre Besonderheit im Vergleich zu formellen und sozialen Institutionen nicht ignorieren.

Sitten und Gebräuche sind unter diesem Gesichtspunkt keine kulturellen Phänomene, sondern soziale Institutionen. Sitten und Gebräuche werden durch interpersonale Interaktionen durchgesetzt und sanktioniert. Sie sind formbar und adaptiv und passen sich an die jeweilige gesellschaftliche und ökonomische Umwelt an, was in der folgenden Untersuchung zur Wirtschaftsgeschichte Chinas deutlich wird. [1]

Ich schlage demnach vor, drei Typen von Institutionen zu unterscheiden: formelle Institutionen (vor allem staatlich-rechtliche Ordnungen), soziale Institutionen (vor allem soziale Beziehungen und Normen) und kulturelle Institutionen (vor allem Werte und Weltanschauungen). Die drei Perspektiven in der Neuen Institutionenökonomik konzentrieren sich jeweils auf einen dieser Institutionentypen: der „Calculus Approach“ auf formelle Institutionen, der „Cultural Approach“ auf Kultur und die ökonomisch-soziologische Perspektive auf soziale Institutionen. In Ergänzung zu Abb. 3 lässt sich die Typologie von Institutionen in dem folgenden Schaubild verdeutlichen.

Inhalt

Institutionenwirkung

Institutionenentwicklung

Formelle Institutionen

Staatlich-rechtliche Ordnungen

Anreize

Interessenkampf

Kulturelle Institutionen

Werte und Weltanschauungen

Habitualisierung

Reproduktion und

Anpassung

Soziale Institutionen

Soziale Normen

Soziale Kontrolle

Soziale Dynamik

Abb. 4 Typologie von Institutionen

Geht man davon aus, dass die drei Arten von Institutionen in einer Gesellschaft gemeinsam existieren und gleichzeitig Einfluss auf die Individuen nehmen, muss man ebenfalls unterstellen, dass sich menschliches Handeln in der Realität nicht ausschließlich nach einem Verhaltensmodell – Homo oeconomicus oder Homo sociologicus – erfassen lässt, sondern dass menschliches Handeln und seine Motivation kontextabhängig variiert. Legt man die Annahme motivationaler Heterogenität zugrunde, lassen sich die Beziehungen zwischen Institutionen und Individuen wie folgt illustrieren:

Abb. 5 Ein Modell der Beziehungen zwischen Institutionen und Individuen

Wesentlich ist für diese Beziehungen, dass keine Art von Institution unabhängig von den anderen Institutionen das Verhalten der Individuen prägen kann. Formelle Institutionen beeinflussen Individuen durch äußere Belohnung und Bestrafung, Kultur bietet Individuen Orientierung durch Werte und Weltanschauungen, soziale Institutionen funktionieren durch interpersonale Interaktionen, in denen wechselseitige Überwachung und Sanktionen spontan entstehen. Aber keine diese Institutionen kann das Verhalten von Individuen allein bestimmen. So werden etwa materielle Anreize oder Strafdrohungen von Individuen wahrgenommen, deren kognitives Muster stark durch ihre Kultur geformt wird und deren Handeln in sozialen Institutionen eingebettet ist. Wenn der Tod in einer Rebellion als heroische Tat gilt oder wenn in sozialen Gemeinschaften Opferbereitschaft gefordert und als soziale Norm anerkannt wird, hätten auch drakonische Strafen wenig Abschreckungseffekt. Auf diese Weise müssen die Handlungen von Individuen als ein Ergebnis der Wechselwirkung zwischen formellen, sozialen und kulturellen Institutionen verstanden werden.

Darüber hinaus können Menschen nicht als passiv angesehen werden. Sie sind zwar für unterschiedliche Arten von institutionellen Einflüssen empfänglich; gleichwohl haben sie die Fähigkeit, subversive Entscheidungen zu treffen, die zu institutionellen Veränderungen führen können – etwa wenn sie der Ansicht sind, dass die formellen Institutionen nicht mehr ihren Interessen entsprechen. Als Gesetzgeber können sie den institutionellen Rahmen zu ihrem Vorteil direkt reformieren, im Kontext sozialer Beziehungen können sie neue soziale Institutionen erfinden oder erfolgreiche Institutionen kopieren, um die formellen Institutionen zu umgehen. Die Entkopplung von formellen und sozialen Institutionen kann am Ende zur Reform auch der formellen Institutionen führen – was ich später am Beispiel Chinas verdeutlichen werde.

Ebenso wenig ist die Kultur der allein dominierende Faktor. Sie prägt zwar subjektive Perspektiven und Einstellungen, aber diese Perspektiven und Einstellungen sind eher allgemein und pauschal als konkret und präzise. Deswegen können Individuen ihre Kultur reinterpretieren und anpassen, wenn Weltanschauungen und Traditionen Fortschritte verhindern und ineffiziente Strukturen perpetuieren. Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte „konfuzianische Geschäftsmann“ in der chinesischen Ming-Dynastie (1368 n.Chr.). Vor der Periode der Ming-Dynastie galt der Beruf des Geschäftsmanns für konfuzianische Gelehrte als eine unehrenhafte Tätigkeit. Um sich und seine Familie zu ernähren, sollte sich ein konfuzianischer Gelehrter mit der Landwirtschaft beschäftigen, während Geschäftemacherei in den Augen des Konfuzianismus etwas Ruchloses war. Doch seit dem Beginn der Ming-Dynastie standen immer mehr konfuzianische Gelehrte unter ökonomischem Druck. Diese Situation führte schließlich zu der revisionistischen Auffassung, dass sich konfuzianische Gelehrte um einen ersten „Lebensunterhalt“ (zhi sheng) kümmern müssten. Dies wurde damit begründet, dass das eigentliche konfuzianische Ideal – die staatliche Prüfung zu bestehen und ein Beamter zu werden – nur zu erreichen ist, wenn man sich ausreichend finanzieren kann. Mit dieser Neuinterpretation wurden kommerzielle Aktivitäten fortan eng mit dem konfuzianischen Ideal verbunden und der Konfuzianismus nicht mehr als Hindernis für kommerzielle Aktivitäten wahrgenommen (vgl. Yu 1987).

Das bedeutet nicht, dass soziale Institutionen von Kultur vollkommen unabhängig sind. Die Frage etwa, welche moralischen Rechte und Pflichten ein Mensch in sozialen Beziehungen hat, wird häufig mit dem Verweis auf kulturelle Überzeugungen und Werthaltungen beantwortet – kulturelle Einflüsse sind deshalb ein wichtiger Grund, warum sich in verschiedenen Gesellschaften soziale Institutionen erheblich anders entwickelt haben, obwohl die gleichen formellen Institutionen vorhanden waren.

Formelle, soziale und kulturelle Institutionen entwickeln sich auf diese Weise teilweise eigenständig und zum Teil in gegenseitiger Abhängigkeit. Dabei geht es nicht nur um eine mögliche Spannung zwischen „altered formal rules” und „informal constraints“ (North 1990: 45), sondern um komplexe Wechselwirkungen zwischen relativ beständigen kulturellen Wertordnungen, dynamischen und kontextabhängigen sozialen Institutionen sowie planmäßig geschaffenen formellen, staatlich-rechtlichen Institutionen.

Ich möchte die Fruchtbarkeit einer solchen Sichtweise anhand einer exemplarischen Analyse der chinesischen Wirtschaftsentwicklung belegen. Die vorliegenden Ansätze zur Erklärung der chinesischen Wirtschaftsentwicklung beruhen jeweils auf unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen mit Blick auf die verschiedenen Institutionenarten: Es werden dabei mal politische, mal soziale und mal kulturelle Faktoren als entscheidende Ursachen für die ökonomischen Veränderungen in China genannt. Diese unterschiedlichen Perspektiven spiegeln die unterschiedlichen Ansätze in der Neuen Institutionenökonomik wider. Demgegenüber soll im Folgenden versucht werden, die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung in China auf die genuinen Wechselwirkungen zwischen drei Typen von Institutionen zurückzuführen: das kulturelle Erbe des konfuzianischen Familismus, die auf Guanxi-Beziehungen basierenden sozialen Institutionen und die politisch-ökonomische Rahmenordnung der sogenannten „sozialistischen Marktwirtschaft“.

  • [1] Zu diesen Eigenschaften von Sitten und Gebräuchen vgl. Schlicht (1993).
 
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