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3. Kapitel: Familismus, Guanxi und die Entstehung des Kapitalismus in China

3.1 Der Familismus in China

Sowohl Weber als auch Fukuyama betrachten die chinesische Kultur als Hindernis für die Entwicklung einer modernen Ökonomie. Es gibt aber auch die gegenteilige Meinung, dass der wirtschaftliche Aufschwung in China sowie im gesamten ostasiatischen Raum der konfuzianischen Kultur zu verdanken ist. Beide Ansichten setzen jedoch voraus, dass Kultur individuelles Verhalten prägen kann. Im vorangegangenen Kapitel wurde weitergehend argumentiert, dass individuelles Verhalten durch das Zusammenwirken von formellen, sozialen und kulturellen Institutionen beeinflusst wird (siehe Abb. 5). Ein solch komplexer Prozess ist bei der Entwicklung der privaten Ökonomie Chinas in den 1980er Jahren in der Tat zu beobachten. Bevor ich auf diesen Prozess eingehe, muss zunächst das Phänomen des Familismus und sein Einfluss im traditionellen China auf staatliche und soziale Institutionen erläutert werden. Diese Kenntnisse können helfen, den besonderen Entwicklungspfad Chinas zu verstehen.

„Kultur“ ist vielleicht der schwierigste Begriff in den Sozialwissenschaften. Die Debatte über seine Definition dauert schon seit Generationen an, und ein Ende ist nicht in Sicht. Wichtig ist an dieser Stelle der Einfluss unterschiedlicher Weltinterpretationen auf das Verhalten von Menschen. Traditionell werden Werte und Einstellungen als die Hauptverbindung zwischen Kultur und Verhalten gesehen. Aus dieser Perspektive beeinflusst Kultur menschliches Verhalten, indem sie die Präferenzen der Menschen (mit)bestimmt. Im Gegensatz dazu schlägt Swidler (1986) vor, Kultur als einen „Tool Kit“ zu betrachten, mit dessen Hilfe wir unsere „Handlungsstrategien“ festlegen (siehe hierzu Kapitel 2). Kultur strukturiert aus dieser Sicht also die menschlichen Verhaltensweisen, mit denen Akteure ihre Ziele zu erreichen versuchen – ein Verständnis von Kultur, das auch der Untersuchung von Greif zugrunde liegt:

Die zwei mittelalterlichen jüdischen Gruppen der Genueser und Maghribis verfolgten eigentlich dieselben Ziele, doch entschieden sie sich aufgrund ihrer jeweiligen Kulturen für unterschiedliche Lösungen desselben ökonomischen Problems. Hier bestimmt Kultur nicht, was Menschen wollen, sondern wie Menschen das erreichen, was sie wollen. Diese Perspektive hat dazu beigetragen, dass der Begriff „Kultur“ in ökonomische Diskussionen mit einbezogen werden konnte, denn den Akteuren wird ein unmittelbares Eigeninteresse unterstellt, was der traditionellen Annahme von Ökonomen entspricht.

Ich gehe davon aus, dass Kultur einerseits als eine kognitive Struktur zu verstehen ist, mit der Menschen die Welt wahrnehmen und ihre – ökonomischen und nicht-ökonomischen – Ziele zu realisieren versuchen. Andererseits ist sie aber auch als ein evaluatives Wertesystem zu verstehen, das individuelle Präferenzordnungen prägt. Denn es lässt sich häufig beobachten, dass eine traditionelle Verhaltensweise nicht geändert wird, auch wenn alternative und effizientere Handlungsstrategien durchaus wahrgenommen werden. Aus dieser Perspektive lässt sich auch der Familismus in China analysieren.

Der im Konfuzianismus verwurzelte Familismus ist das kulturelle Erbe Chinas, das bei der Wirtschaftsentwicklung in China eine besonders wichtige Rolle gespielt hat und auch heute noch spielt. Der Familismus prägt die Grundstruktur der sozialen Beziehungen in China und damit auch das ökonomische Verhalten der Chinesen. Familismus bedeutet, einfach gesagt, eine starke Verpflichtung gegenüber Familienangehörigen und Blutsverwandten, also gegenüber den Mitgliedern des eigenen „Klans“. In einer familistischen Kultur wohnen die Blutsverwandten zusammen, die dieselben Ahnen verehren und ein gemeinsames Erwerbs- und Sozialleben führen. Das kollektive Interesse des Klans ist der höchste Wert, während das Eigeninteresse des Einzelnen dahinter zurückstehen muss. Zugunsten des Wohlstands von Familie und Blutsverwandten werden gegebenenfalls auch große individuelle Opfer verlangt. Hilfsbereitschaft unter Blutsverwandten ist sicherlich kein Phänomen, welches einer elaborierten soziologischen Erklärung bedarf. Biologen betonen (vgl. Hamilton 1964), dass sie ein Ergebnis der Evolution ist, weil Solidarität unter genetisch verbundenen Menschen die Chancen zur Weitergabe der eigenen Gene an die nächste Generation vergrößert. Das ist der Grund, warum alle Gesellschaften usprünglich auf Verwandtschaftsbeziehungen beruhen. Die Besonderheit der chinesischen Gesellschaften ist, dass auch nach der Entstehung von Großgesellschaften und staatlicher Ordnungen der Familismus weiterhin als das grundlegende Prinzip für menschliche Beziehungen gilt. Der Staat selbst wird in China als eine große Familie angesehen. Diese Sichtweise stammt von Konfuzius und seinem Studenten Menzius, deren Philosophie für 2000 Jahre die chinesischen Gesellschaften beherrscht hat.

Für Konfuzius sind Familienbeziehungen die Grundlage der Gesellschaft und des Staates. In li ji, einem der wichtigsten Bücher des Konfuzianismus, heißt es:

„Wenn Ehemann und Ehefrau einander richtig behandeln, dann sind Vater und Sohn miteinander vertraut; wenn Vater und Sohn miteinander vertraut sind, dann ist das Volk gegenüber dem Fürsten loyal und der Fürst behandelt das Volk gut.“ [1] Konfuzius hat seinen Studenten auch gesagt: „Dass jemand, der als Mensch pietätvoll und gehorsam[2] ist, es dennoch liebt, seinen Oberen zu widerstreben, ist selten. Dass jemand, der es nicht liebt, seinen Oberen zu widerstreben, Aufruhr macht, ist noch nie da gewesen. Der Edle pflegt die Wurzel; steht die Wurzel fest, so wächst der Weg. Pietät und Gehorsam: das sind die Wurzeln des Menschentums“ (Gespräche 1.2). [3] Die Ordnung der Familie bildet demnach die Basis des Staates und der ganzen Gesellschaft. In diesem Sinne ist Politik nichts anderes, als eine Familie zu leiten. Wenn Konfuzius gefragt wurde, warum er nicht in die Politik gehe, antwortete er:

„Wie steht es im ,Buch' von der Kindespflicht geschrieben? Kindliche Ehrfurcht und Freundlichkeit gegen die Brüder, das muss man halten, um Leitung zu üben. Das heißt also auch Leitung auszuüben. Warum soll denn nur das (amtliche Wirken) Leitung heißen?“ (Gespräche 2.21).

Wird das Prinzip der Familie als die Grundlage des Staates verstanden, taucht das Problem auf, welche Rolle Gesetze spielen sollen. In der konfuzianischen Sicht kann die Ordnung der Familie nicht durch geschriebene Gesetze verwirklicht werden. Stattdessen ist diese Ordnung durch die Zuneigung unter Familienangehörigen zu realisieren, also durch die Pietät von Sohn und Tochter gegenüber den Eltern und die Liebe der Eltern gegenüber Sohn und Tochter. In Bezug auf den Staat ist Konfuzius der Überzeugung, dass der Staat auf derselben Grundlage zu ordnen ist. Regiert der Staat nur durch Gesetze, kann das zu negativen Konsequenzen führen: „Wenn man durch Erlasse leitet und durch Strafen ordnet, so weicht das Volk aus und hat kein Gewissen. Wenn man durch Kraft des Wesens leitet und durch Sitte ordnet, so hat das Volk ein Gewissen und erreicht (das Gute)“ (Gespräche 2.3). Aber was ist zu tun, wenn das Prinzip der Familie den staatlichen Gesetzen widerspricht? Etwa wenn ein Vater ein Schaf gestohlen hat: Was soll sein Sohn dann tun? Konfuzius plädiert für den Vorrang der Familienbande: „Der Vater deckt den Sohn und der Sohn deckt den Vater. Darin liegt auch Ehrlichkeit“ (Gespräche 13.8).

Konfuzius' primäres Interesse besteht darin, dass Familienbeziehungen als die Grundlage der Gesellschaft nicht zerstört werden, da ansonsten der gesamte Staat in Unordnung gerät, in der keiner mehr dem anderen vertrauen kann. Gegen die staatlichen Gesetze zu verstoßen ist zwar falsch, aber um eine größere Tragödie zu vermeiden, kann auch die Vertuschung einer Straftat gerechtfertigt sein: Harmonische Familienbeziehungen aufrechtzuerhalten, ist dann die oberste Devise.

Doch das philosophische Denken von Konfuzius ist nur eine Seite, die Rolle dieser Philosophie im Alltagsleben der Menschen die andere. Das, was in den Klassikern steht, ist zuweilen etwas ganz anderes als das, was in der Praxis umgesetzt wird. Die Lehre von Konfuzius hat zwar bedeutenden Einfluss auf die chinesische Gesellschaft, aber in der Realität wird einer der wichtigsten Aspekte des Konfuzianismus häufig vernachlässigt. Im Konfuzianismus zielt die Hervorhebung des Familismus auf eine harmonische Gesellschaft, in der jeder Mensch alle anderen Menschen als Familienangehörige behandelt, wie Mencius – der bekannteste Student von Konfuzius – sagt: „Behandle ich meine älteren Verwandten, wie es dem Alter gebührt, und lasse das auch den Alten der anderen zugute kommen; behandle ich meine jüngeren Verwandten, wie es der Jugend gebührt, und lasse das auch den Jungen der andern zugute kommen“ (Mencius: Liang Hui Wang. Abschnitt A). [4] Die Praxis des Familismus hat aber in Wirklichkeit zu einem umgekehrten Effekt geführt: Indem sie einen sehr starken Zusammenhalt innerhalb der Familie aufgebaut hat, haben viele Chinesen gleichzeitig nur ein sehr geringes Vertrauen und Verpflichtungsgefühl gegenüber Fremden entwickelt.

Dieses Phänomen wird von Shumin Liang (2005) als der größte Unterschied zwischen europäischen Gesellschaften und der chinesischen Gesellschaft bezeichnet. Europäer haben sich ihm zufolge schon seit dem antiken Rom an ein Gruppenleben gewöhnt, in dem sich Menschen in erster Linie als Mitglieder von Gruppen verstehen und verhalten. Im Gegensatz dazu sei das „Gruppenleben“ für Chinesen sehr fremd, da sie im Wesentlichen ein Familienleben führten, in dem individuelle Pflichten und Verantwortung durch Verwandtschaft festgelegt würden. Auf der Grundlage ihres Gruppenlebens hätten Europäer allmählich den Geist der Gesetze entwickelt und schließlich eine solidarische Gesellschaft aufgebaut, während sich Chinesen im Familienleben zuvorderst auf persönliche Netzwerke verliessen. Da sich Chinesen vor allem gegenüber Familienangehörigen und Verwandten verpflichtet fühlen und sich ansonsten kaum sozialer Verantwortung bewusst seien, erscheine die ganze chinesische Gesellschaft wie „a loose tray of sand“ – um das Bild von Fukuyama aufzugreifen.

Der Anthropologe Xiaotong Fei charakterisiert die familienorientierte Struktur der chinesischen Gesellschaft als „differential mode of association“ (cha xu ge ju) (Fei 1992: 63):

In Chinese society, the most important kinship is similar to the concentric circles formed when a stone is thrown into a lake. […] each network is like a spider's web in the sense that it centers on oneself. Everyone has this kind of a kinship network, but the people covered by one network are not the same as those covered by any other. We all use the same system of notation to identify our relatives, but the only thing we hold in common is the system of notation itself. This system is merely an abstract pattern, a set of categorical concepts. When we use this system to identify concrete relatives, however, each term identifies a different person. In our kinship system, we all have parents, but my parents are not your parents. No two people in the world can have entirely the same set of relatives. Two brothers certainly would have the same parents, but each brother would have his own wife and children. Therefore, the web of social relationships linked with kinship is specific to each person. Each web has a self as its center, and every web has a different center.

Der Familismus in China ist, wie Liang und Fei betonen, durch partikularistische und expressive Beziehungen gekennzeichnet, in denen andere Personen gemäß dem „differential mode of association“ jeweils unterschiedlich behandelt werden. Je näher sich ein Freund oder Verwandter am Zentrum des Netzwerks – dem „Ich“ – befindet, desto größer sind Vertrauen und Verpflichtungsgefühl dieser Person gegenüber. Personen außerhalb des Netzwerks wird dagegen mit Misstrauen begegnet. Die Ansichten von Liang und Fei ähneln dabei durchaus denen von Fukuyama: Während der Familismus in China einen extrem starken Zusammenhalt innerhalb des Klans fördert, bleiben Vertrauen und Verpflichtungsgefühl gegenüber Fremden nur sehr schwach entwickelt. Fukuyama ist allerdings der Überzeugung, dass gerade diese Eigenschaft der chinesischen Kultur den Übergang zur modernen Ökonomie behindert, während Liang und Fei keine direkte Verbindung zwischen dem Familismus und der Rückständigkeit der chinesischen Wirtschaft herstellen.

Eine generelle Feststellung darüber, ob der chinesische Familismus die Ökonomie fördert oder behindert, ist allerdings auch kaum möglich und erscheint wenig sinnvoll. Die ökonomischen Wirkungen des Familismus sind vielmehr davon abhängig, unter welchen formellen institutionellen Rahmenbedingungen und durch welche sozialen Institutionen er die Ökonomie beeinflusst. Zumindest zu Beginn der wirtschaftlichen Reformperiode nach 1980 hat der Familismus durchaus positive Effekte für die wirtschaftliche Entwicklung gezeitigt. Dieser Prozess ist der Schwerpunkt dieses Kapitels. Zuvor sind aber noch einige weitere chinesische Begriffe zu erklären, die mit im Zentrum stehen.

  • [1] Aus <li ji•hun yi>: „fu fu you yi er hou fu zi qin, fu zi you qin er hou jun chen zheng“ (eigene Übersetzung).
  • [2] Hier bedeutet „pietätvoll und gehorsam“ eine Haltung gegenüber Eltern, die auf Chinesisch als „xiao“ bezeichnet wird.
  • [3] Gespräche sind Dialoge zwischen Konfuzius und seinen Studenten. Es ist eines der bedeutendsten Bücher des Konfuzianismus. Vgl. Wilhelm, R. (Übers.): Gespräche. Beijing: Lehr- und Forschungsverlag für Fremdsprachen 2010.
  • [4] Übersetzung vgl. Wilhelm, R. (Übers.): Mong Dsi. Die Lehrgespräche des Meisters Meng K'o. Beijing: Verlag für fremdsprachige Literatur 2009.
 
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