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3.4 Korruption und die ökonomische Entwicklung in China

Guanxi kann demnach mit einer Oase der Kooperation in einer Wüste von Misstrauen verglichen werden. Die in den Guanxi-Netzwerken verankerten sozialen Beziehungen und Normen ermöglichten den Aufstieg der Privatwirtschaft und des Kapitalismus in China auch unter Bedingungen, unter denen freie Transaktionen unter privaten Akteuren erst einmal unwahrscheinlich waren. Die starken Bindungen zwischen Familienangehörigen und Klans, durch die das fehlende Eigentums- und Vertragsrecht kompensiert werden konnte, lösten aber nur eines der Probleme für Markttransaktionen in einer „feindlichen“ institutionellen Umwelt. Ein weiteres Problem bestand für die ökonomischen Akteure darin, wie sie den Kontrollen und Sanktionen des Staates entgehen konnten. Die Entwicklung der privaten Ökonomie wäre in China unvorstellbar gewesen, wenn die offiziellen staatlichen und rechtlichen Institutionen, die der wirtschaftlichen Privatisierung zunächst im Wege standen, wirksam funktioniert hätten. In dem vorangegangenen Abschnitt ist bereits dargestellt worden, dass lokale Kader eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der privaten Ökonomie gespielt haben: Soziale Institutionen wie Shareholding-Kooperative als auch Unternehmen mit „rotem Hut“ wären unmöglich gewesen, wenn sie keine Anerkennung bei der lokalen Regierung gefunden hätten. Dabei handelte es sich zum einen um formelle oder legale Unterstützung. In diesem Abschnitt geht es aber um das illegale Handeln, also die Korruption, wobei davon ausgegangen wird, dass Korruption trotz ihres notorischen Schädigungspotentials für eine Gesellschaft einen positiven Beitrag zur Entwicklung der chinesischen Ökonomie geleistet hat.

Unter Korruption versteht man gemeinhin die Verletzung des allgemeinen Interesses zugunsten eines privaten Vorteils in einer Position öffentlicher oder ziviler Verantwortung. Sie kann im Rahmen einer Patron-Klient-Beziehung praktiziert werden, in der ein Klient – etwa ein Marktakteur – versucht, staatliche Eingriffe in die marktvermittelte Ressourcenallokation zugunsten seiner eigenen Interessen herbeizuführen, indem er den zuständigen Patron – etwa einen relevanten Beamten – durch Bestechung zu beeinflussen sucht.

Korruption kann so ein illegales Instrument des von politischen Ökonomen so genannten „RentSeeking“ sein.

Die Schäden durch Korruption sind gut bekannt: Sie führt zu Marktversagen, weil Entscheidungen auf dem Markt nicht mehr nach betriebswirtschaftlicher Rationalität getroffen werden. Sie schädigt die Volkswirtschaft, indem Bestechungsforderungen öffentlicher Entscheidungsträger die Kosten für potentielle Investoren erhöhen und damit die Investitionen senken. Unter bestimmten Bedingungen kann Korruption jedoch wirtschaftlich förderlich sein. So schreibt David H. Bayley (1989) Korruption in Entwicklungsländern ein grundsätzlich positives Potential zu, und auch Jon Elster (1989) hält es nicht für ausgeschlossen, dass Korruption unter bestimmten Bedingungen zur ökonomischen Entwicklung einer Gesellschaft beitragen kann.

Im heutigen China wird Korruption zwar als illegales und unmoralisches Verhalten gebrandmarkt, das schädlich für Wirtschaft und Politik ist. Aber zu Beginn der ökonomischen Reformen haben bestimmte Formen der Korruption tatsächlich einen nicht unerheblichen Beitrag zum Aufschwung der chinesischen Privatwirtschaft geleistet. Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass die wirtschaftliche Entwicklung und die Entwicklung der Korruption in China zu ein und demselben Prozess gehörten. Denn unter den in China herrschenden politischen Rahmenbedingungen konnte kein privates Unternehmen ohne den Schutz mächtiger Kader gegründet und betrieben werden.

Ein wichtiger Grund für die Koalition zwischen korrupten Kadern und privaten Unternehmern ist die Möglichkeit, dass Kader ihre politische Macht zu Eingriffen in den Markt nutzen (vgl. Oi 1989). Dies allein kann aber nicht erklären, warum Korruption in China nicht zur konfiskatorischen oder räuberischen Korruption geworden ist, die dem systematischen Diebstahl öffentlicher und privater Finanz- und Vermögenswerte gleichkommt, sondern zur Kategorie der „Dividenden-Eintreibung“ gehört, die politische Akteure zu einer produktiven Wirtschaftsregulierung motivieren kann (vgl. Heilmann 2002: 181). Um das zu erklären, muss die Korruption in China in einem kulturellen und sozialen Zusammenhang betrachtet werden. Die Korruptionspraxis in China wird nicht willkürlich umgesetzt, sondern war von Beginn an in Guanxi-Beziehungen eingebettet und den dort geltenden Normen unterworfen.

 
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