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4.2 Die Pfadabhängigkeit von Guanxi

Ein zentrales Thema der Neuen Institutionenökonomik ist die Pfadabhängigkeit. Abhängig von der Konzentration auf unterschiedliche Arten von Institutionen haben Wissenschaftler jeweils unterschiedliche Mechanismen der Pfadabhängigkeit identifiziert. North führt den Effekt der Pfadabhängigkeit auf die Interessengruppen zurück, die von den alten Systemen profitieren (North 1990). Greif glaubt, dass die Robustheit der Institutionen von der sogenannten „fundamentalen Asymmetrie“ (vgl. Greif 2006: 189ff.) zwischen kulturellen Überzeugungen und technologisch möglichen Alternativen verursacht wird; und um das Überdauern von unpopulären Normen zu erklären, zieht Cristina Bicchieri das Phänomen der sogenannten „pluralistischen Ignoranz“ heran, „a psychological state characterized by the belief that one's private thoughts, attitudes, and feelings are different from those of others, even though one's public behavior is identical“ (Bicchieri 2006: 186). Mit dieser Einstellung kann der Einzelne trotz seiner persönlichen Abneigung eine Norm befolgen, weil er dem Fehlschluss unterliegt, dass das Befolgen dieser Norm durch andere deren wahre Präferenz offenbart. Auf diese Weise kann eine unpopuläre Norm dauerhaft existieren, indem jeder einzelne die Zahl ihrer Befürworter überschätzt.

Im Folgenden werden diese drei Mechanismen im Kontext von Guanxi erläutert und es wird gezeigt, warum Guanxi auch in der neuen kapitalistischen Welt weiterhin eine wichtige Rolle spielt und wahrscheinlich noch länger spielen wird.

4.2.1 Steigende Renditen und Interessengruppen

Laut North können durch politische Institutionen Interessengruppen entstehen, die von den mit diesen Institutionen verbundenen Renditen profitieren und alle Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des Status quo unternehmen, obwohl eine effizientere institutionelle Alternative realisierbar wäre (vgl. North 1990). Dies trifft auch auf China zu. Soziale Institutionen wie Guanxi beförderten in den 1980er Jahren die private Ökonomie und Marktwirtschaft erheblich und ließen neue wirtschaftliche und politische Eliten auf den Plan treten, die Interesse an einem immer größer werdenden Markt hatten. Schließlich veränderten diese neuen Eliten – vor allem private Unternehmer und mit ihnen verbundene Kader – die alte politische Machtstruktur: Die kommunistische Ideologie wurde in der Folge durch ein System der materiellen Anreize ersetzt.

Aber die Einführung der Marktwirtschaft hat nicht zu weiteren politischen Reformen und nicht zu einer allgemeinen Demokratisierung und einer Entwicklung rechtsstaatlicher Institutionen geführt. Im Vergleich zu den umfassenden Reformen der wirtschaftlichen Rahmenordnung haben sich die Grundsätze der chinesischen Politik in den vergangenen 30 Jahren kaum geändert. Das politische System der VR China ist nach wie vor ein autoritäres, sozialistisches Einparteiensystem. Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Vereinigungsfreiheit sowie Demonstrationsfreiheit stehen immer noch lediglich auf dem Papier. Das Überdauern des alten politischen Systems ist jedoch durchaus nachvollziehbar. Denn der Erfolg der neuen Eliten beruhte nicht auf einem stabilen rechtlichen Rahmen, sondern im Gegensatz dazu gerade auf den Mängeln der staatlichen und rechtlichen Institutionen. Ihre Ineffektivität ist sowohl beim Umgehen hinderlicher Gesetze als auch für die Sicherung politischer Privilegien auf dem Markt vorteilhaft und gewünscht. Auch nach der Etablierung der Marktwirtschaft nutzen die neuen Eliten institutionelle Lücken, um etwa auf dem Markt die Konkurrenz durch politische Patron-Klient-Beziehungen zu überflügeln. Das ist ein wichtiger Grund, warum nach der Liberalisierung und Privatisierung der Nationalökonomie nicht nachdrücklicher ein wirkungsvoller rechtlicher Schutz des Privateigentums gefordert wird.

Markttransaktionen sind in dieser Situation deshalb nach wie vor mit erheblichen Risiken verbunden: Man kann in vielen Fällen Verträge brechen oder Partner betrügen, ohne eine Bestrafung befürchten zu müssen. Die Opfer nehmen die Schädigung hin, ohne sich an die Polizei oder die Gerichte zu wenden, weil sie dafür beträchtliche Schmiergelder bezahlen müssten. Solche Schwierigkeiten sind aber für die meisten chinesischen Unternehmer nur von nachrangiger Bedeutung, da sie sich in einem Markt ohne wirksamen Rechtsschutz bereits eingerichtet haben. In China können offenbar nach wie vor nur diejenigen Unternehmer Erfolge erzielen, die über außerordentliche Guanxi-Kenntnisse und -Fähigkeiten verfügen. Sie müssen Experten von Guanxi sein, die nicht nur in der Lage sind, durch ihr persönliches Charisma und ihre soziale Kompetenz ein umfangreiches und stabiles Guanxi-Netzwerk aufzubauen, sondern auch wissen, wie man seine Guanxi-Partner mit Renqing-Schuld belastet und wie man die MianziNorm ausnutzt, um andere Menschen zu beeinflussen. Auch wenn sich ab Mitte der 1990er Jahre die Rahmenordnung für die Marktwirtschaft immer weiter verbessert hat, sind viele chinesische Unternehmer nach wie vor der Ansicht, dass Guanxi-Praktiken ihnen mehr Profite einbringen als formelle Gesetze. Die steigenden Renditen aus Guanxi-Praktiken und die von ihnen profitierenden Interessengruppen rücken auf diese Weise die Guanxi-Institution auch in den Mittelpunkt der entwickelten chinesischen Marktwirtschaft.

Die Pfadabhängigkeit des Guanxi ist somit in zweifacher Hinsicht verstärkt worden. Einerseits hat das Überdauern des politischen Systems die Ineffektivität der formellen Institutionen zementiert. Fast alle öffentlichen Verwaltungen in China sind für ihre langwierige und komplizierte Bürokratie und auch manchmal für die Erpressung von Schmiergeld notorisch bekannt. Andererseits haben die chinesischen Unternehmer in jahrelanger Praxis große Ressourcen und Fähigkeiten als Guanxi-Experten erworben, mit denen sie die meisten Probleme auf dem Markt mit geringeren Kosten lösen können. In diesem Sinne kann Guanxi als ein Ersatz für ineffektive staatliche Institutionen verstanden werden (vgl. Xin/ Pearce 1996).

Es ist allerdings fraglich, ob die Renditen aus der Guanxi-Institution die durch funktionierende Märkte möglichen Profite wirklich übersteigen. Je größer der Markt, desto stärker ist die Spezialisierung auf dem Markt und desto produktiver ist die Industrie. Guanxi-Netzwerke können jedoch dazu tendieren, Märkte in lokal begrenzte persönliche Beziehungen zu segmentieren, was ökonomische Öffnung und weiteres Wachstum stark behindern würde. Und wenn die Renditen aus der Guanxi-Institution im Vergleich zu den möglichen Profiten aus einem politisch und rechtlich geordneten Markt unbedeutend werden, entstehen Anreize zu weiteren institutionellen Reformen. Dass die Veränderung der Rahmenbedingungen zum Aufstieg neuer Eliten führen kann, die alte Interessengruppen herausfordern, wurde schon im vorangegangenen Kapitel festgestellt. Die Persistenz der Guanxi-Institution erfordert deshalb Flexibilität, die eine Anpassung dieser Institution an die Erfordernisse offener Märkte erlaubt. Ich werde darauf zurückkommen.

 
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