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Erweiterungsinstitution

Wenn zwei Fremde feststellen, dass sie einen gemeinsamen Freund haben und beide ihm vertrauen, dann wird ein Guanxi auch zwischen ihnen aufgebaut. Im Rahmen einer Studie fragte Yang einen der Teilnehmer, warum er ihr bei einem Problem geholfen habe. Er antwortete: „Old Liao and I have been close friends for a long time. Since it was Old Liao who introduced you to me, it must mean that he trusts you, so I trust you too. Besides, since you are his friend, helping you is helping him too“ (Yang 1994: 125). Der gemeinsame Freund fungiert als eine Brücke zwischen zwei Fremden. In einigen Fällen kann schon die bloße Erwähnung des Namens eines gemeinsamen Freundes eine Vertrauensbeziehung zwischen zwei Fremden herstellen, gleichgültig ob der Freund anwesend oder eine Aufnahme in den Guanxi-Kreis schon erfolgt ist. „He trusts you, so I trust you too“ – mit dieser Logik sind Chinesen in der Lage, ihre Guanxi-Netzwerke wirksam zu erweitern.

Übertragungsinstitution

Trotz dieser Form der Erweiterbarkeit hat Guanxi als Netzwerk persönlicher Beziehungen seine Grenzen. Es ist unmöglich, dass ein Akteur alle Personen in seinen Guanxi-Kreis einbringt, die er auf dem Markt treffen wird oder getroffen hat. Die Übertragbarkeit einer Guanxi-Beziehung kann diese Beschränktheit überwinden. Für jeden Akteur funktionieren seine Guanxi-Partner als Mittelsmänner, durch die er eine Verbindung mit Fremden, die zu den Guanxi-Kreisen seiner Partner gehören, aufnehmen kann, ohne ein direktes Guanxi mit ihnen aufbauen zu müssen. Die Suche nach Arbeitsstellen in chinesischen Regierungsbehörden illustriert dieses Phänomen. Normalerweise besetzen die Kader, die für die Zuweisung solcher öffentlichen Ämter zuständig sind, hohe Positionen, während die meisten Arbeitssuchenden keine persönliche Beziehung zu ihnen haben. Die Arbeitssuchenden können mit den verantwortlichen Kadern aber durch intermediäre Akteure verbunden werden, die ein enges Guanxi zu beiden Seiten unterhalten (vgl. Bian 1997). Auch hier kann aus der Studie von Yang ein Teilnehmer zitiert werden, der auf die Frage, warum er versuche, einen Museumswärter kennenzulernen, antwortete: „Even though this person may not have direct access to certain opportunities, the fact that he was able to land this job indicates that he probably has access to friends in various influential positions, who could be approached through him“ (Yang 1994: 124).

Durch Erweiterbarkeit und Übertragbarkeit können Guanxi-Kreise große Gruppen von Marktakteuren unmittelbar oder mittelbar miteinander vernetzen. Jedem Akteur stehen die gesamten Guanxi-Kreise seiner Freunde zur Verfügung, und umgekehrt haben auch alle seine Freunde Zugang zu seinem Guanxi-Kreis. Diese vielfältig miteinander verflochtenen Guanxi-Kreise bilden ein Netzwerk der Netzwerke für jeden Guanxi-Akteur, das durch intermediäre Akteure manchmal über zwei oder drei Vermittlungsstufen nahezu jeden Marktteilnehmer mit jedem anderen – direkt oder indirekt – verbinden kann. In diesem Sinne kann man die Struktur von Guanxi mit der des Internets vergleichen, und jeder zusätzliche Punkt in diesem Netzwerk bedeutet nicht nur einen weiteren Akteur, sondern verkörpert zusätzliche, möglicherweise enorm wertvolle ,hinter ihm' versammelte Ressourcen an sozialem Kapital.

Die intermediären Akteure vermitteln nicht nur Vertrauen, sondern auch Mianzi und Renqing. Wie bereits erwähnt, können Mianzi und Renqing in dyadischen Interaktionen als Äquivalente für Geld funktionieren. Es kann aber sein, dass entsprechend einem Renqing-Kalkül eine Bitte dennoch abgelehnt wird, wenn der ökonomische Verlust den Gewinn an Mianzi erheblich übersteigt oder der Ausgleich der Renqing-Schuld in der näheren Zukunft nicht stattfinden kann. Dann muss wieder – wenn auch auf subtile und indirekte Art – auf Geld zurückgegriffen werden.

Die Verflechtung und Erweiterung persönlicher Netzwerke erhöht dagegen die ökonomische Bedeutung der informellen Mächte. Mianzi und Renqing werden dann nicht mehr nur in dyadischen Interaktionen berücksichtigt, sondern werden im breiten Umfang der jeweiligen Vernetzungen der privaten Guanxi-Kreise auch indirekt vermittelt. Wenn beispielsweise A (Bittsteller) durch V (Vermittler) eine Bitte an B (Gebetener) richtet, wird V zu B sagen: „Bitte hilf A angesichts meines Mianzis!“ (kann zai wo de mian zi shang). Obwohl das Mianzi von A für B nichts bedeutet, muss B A dennoch helfen, wenn B V nicht verärgern will. Ein alter chinesischer Spruch besagt: „Man muss an das Mianzi des Buddhas denken, auch wenn er sich für das Mianzi der Mönche nicht interessiert“ (bu kan seng mian kan fo mian). So kann der Respekt vor Mianzi durch die Vernetzung persönlicher Beziehungen signifikant erhöht werden, was das Gewicht von Mianzi beim Renqing-Kalkül erheblich vergrößert. Denn indem sie Mitmenschen Mianzi geben, können Akteure später das Mianzi von anderen nutzen, wenn sie durch einen Vermittler eine Bitte an diese richten müssen.

Auf die gleiche Weise überträgt sich auch die Renqing-Schuld. B kann seine Renqing-Schuld gegenüber V begleichen, indem er A hilft, in dessen Schuld V steht. Durch die Erweiterung und Übertragung von Guanxi werden die Möglichkeiten erweitert, die Renqing-Schuld auf dem Markt zu begleichen und zu replizieren. Renqing funktioniert hier als ein allgemeines Äquivalent wie Geld und kann in den vielfältig verflochtenen Guanxi-Kreisen frei zirkulieren.

Guanxi, das früher auf den Klan begrenzt war, hat sich demnach in vielerlei Hinsicht verändert und an die neuen Rahmenbedingungen, wie sie durch die Reform der formellen Institutionen und die Expansion des Marktes in China geschaffen wurden, angepasst. Nach wie vor ermöglicht Guanxi geringe Transaktionskosten, Vertrauen, Loyalität und Solidarität mit entsprechend günstigen wirtschaftlichen Perspektiven für die Mitglieder eines solchen Netzwerks. Seine Weiterentwicklung hat aber zugleich dafür gesorgt, dass sich die Guanxi-Kreise geöffnet haben und sie die Grenzen persönlicher Beziehungen auf lokalen Märkten überwinden konnten.

Ein solcher Netzwerk-Kapitalismus existiert aber nicht nur in China. Der Untersuchung von Alena Ledeneva (1998) zufolge zeichnet sich auch die Ökonomie in Russland durch eine „Economy of favors“ aus, indem ökonomische Transaktionen in erster Linie durch persönliche Netzwerke, anstatt mit Hilfe von Marktinstitutionen durchgeführt werden. Die informellen Interaktionen auf dem russischen Binnenmarkt werden durch „Blat Exchange“ reguliert, wie Ledeneva erklärt: Diese Art von Austausch „was often mediated and covered by the rhetoric of friendship or acquaintance: 'sharing', 'helping out', 'friendly support', 'mutual care' etc. Intertwined with personal networks blat provided access to public resources through personal channels“ (1998: 37).

Russland ähnelt auch in anderer Hinsicht der Situation Chinas: So ist die russische Kultur ebenfalls von einem tiefen Misstrauen gegenüber Fremden geprägt, und in der Übergangsphase nach der Auflösung der Sowjetunion fehlte es auch hier an wirksamen Privateigentumsrechten (vgl. Puffer et al. 2010). Diese Ähnlichkeiten können erklären, warum die Ökonomien in beiden Ländern stark von persönlichen Netzwerken und informellen Institutionen abhängig sind. Die Untersuchung von Ledeneva zeigt darüber hinaus, dass sich auch Blat in Russland an die sich verändernden Rahmenbedingungen anpassen kann. Die schnelle Privatisierung und Entwicklung der Marktwirtschaft im postsowjetischem Russland hat die Blat-Praxis nicht beseitigt, sondern „the forms blat now assumes extend beyond the areas to which the term was applied before. It is important to consider these changes, but also to see the continuity of blat – the ways in which non-monetary forms of exchange are adapting to new conditions“ (Ledeneva 2000: 187). Das Beispiel von Blat in Russland kann dabei helfen, die Funktion und Entwicklung von Guanxi in China besser zu verstehen.

Informelle Institutionen wie Guanxi und Blat sind Lösungen für aktuelle ökonomische Probleme, sie beruhen einerseits auf tradierten kulturellen Überzeugungen und passen sich andererseits flexibel an die rechtlich-politischen Rahmenbedingungen an.

Der historische Hintergrund Chinas konturiert einen besonderen Pfad für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Auch nachdem sich die kapitalistischen Institutionen etabliert haben, existieren die informellen Institutionen in China weiter. Denn die erlernten Fähigkeiten, das angesammelte soziale Kapital, das Beharrungsvermögen von psychologischen Bedürfnissen und das Phänomen der pluralistischen Ignoranz sorgen dafür, dass sich die Akteure auch unter neuen Bedingungen an die althergebrachten Lösungen halten. Das Überdauern von Guanxi in der Marktwirtschaft – sowie von Blat in Russland – ist ein deutlicher Beleg dafür.

Die Ergebnisse dieser Anpassungsleistungen müssen jedoch nicht unbedingt effizient und optimal sein (vgl. Heiner 1983). Guanxi kann zwar unter Marktbedingungen überleben, aber es ist doch fraglich, ob der Netzwerk-Kapitalismus ein funktionales Äquivalent und eine gleichwertige Alternative zum Marktkapitalismus in der westlichen Welt ist. Auch wenn sich Guanxi erfolgreich an die neuen Bedingungen angepasst hat, kann es im Vergleich zu Marktbeziehungen für die ökonomische und politische Entwicklung schlechter abschneiden. Diese Frage stellt sich verstärkt, wenn man an die Fehlentwicklungen und Probleme in der heutigen Marktwirtschaft Chinas denkt (vgl. Kapitel 1). Sind das allgemeine Misstrauen und das gesellschaftsschädigende ökonomische Verhalten auf dem chinesischen Binnenmarkt auf diesen Entwicklungspfad zurückzuführen? Wäre es besser, wenn Guanxi durch Marktbeziehungen ersetzt würde? Leistet Guanxi diesen unerwünschten Phänomenen Vorschub?

 
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