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4.4 Netzwerk-Kapitalismus versus Markt-Kapitalismus

4.4.1 Die Möglichkeit einer freiwilligen Kooperationsordnung

Guanxi ist eine kooperative Ordnung, die vollständig durch nicht-kodifiziertes Vertrauen realisiert wird. Deswegen ist die Frage, ob Guanxi eine gleichwertige Alternative zum westlichen Marktkapitalismus ermöglichen kann, teilweise gleichbedeutend mit der Frage, ob eine Kooperationsordnung ohne Zwangsinstitutionen in einer Gesellschaft denkbar ist.

Sozialwissenschaftler wie Michael Taylor bejahen dies. Anders als klassische Liberale, die für eine Lösung des Problems der sozialen Ordnung großes Gewicht auf Privateigentumsrechte und staatlich gesicherte Marktinstitutionen legen, beschäftigt sich Taylor mit den Bestandsbedingungen für informelle Institutionen. Er ist der Ansicht, dass eine spontane, freiwillige und staatsfreie Kooperationsordnung in kleinen und stabilen Gemeinschaften durchaus möglich ist. Die sozialen Kontrollmaßnahmen in solchen Gemeinschaften beruhen auf wechselseitiger Überwachung und informellen Sanktionen durch die beteiligten Akteure selbst (Taylor 1982: 91):

The principle types of social controls are (i) the threat of “self-help“ retaliation, (ii) the offer of reciprocity and the threat of its withdrawal, (iii) the use of the sanctions of approval and disapproval, the latter especially via gossip, ridicule and shaming, and (iv) the threat of witchcraft accusations and of supernatural sanctions.

Für Taylor sind die Lebensbedingungen in funktionierenden sozialen Gemeinschaften die Quelle spontaner und freiwilliger Kooperation. Staatliche Institutionen können im Gegensatz dazu die Bereitschaft zur Kooperation verdrängen, indem sie das Fundament der Gemeinschaft umwälzen. Interne Verhaltensbindung wird durch externe Verhaltenssteuerung ersetzt und Kooperation ist in dieser Situation nur möglich, wenn formelle Institutionen wirksam werden. Das führe aber zu einem Teufelskreis (Taylor 1987: 168):

… the more the state intervenes in such situations, the more “necessary“ (on this view) it becomes, because positive altruism and voluntary cooperative behaviour atrophy in the presence of the state and grow in its absence. Thus, again, the state exacerbates the conditions which are supposed to make it necessary.

Aus dieser Perspektive ist freiwillige Kooperation durch informelle soziale Kontrollmechanismen nicht nur möglich, sondern ist auf sie auch angewiesen. Dieser Ansatz von Taylor wird durch Thesen von Richard Titmuss (1997) und Bruno Frey (1997) unterstützt. Der „Verdrängungseffekt“ formeller Institutionen, wie Frey es nennt, könne dazu führen, dass moralische Motive der Akteure durch egoistische Motive ersetzt werden.

Während Taylor die Möglichkeit freiwilliger Kooperation theoretisch analysiert, hat Robert Axelrod sie unter Laborbedingungen untersucht. Durch zwei „Computer Tournaments“ versuchte Axelrod (2006) herauszufinden, welche Strategie in einem iterativen Gefangenendilemma die beste ist. Bei den Turnieren wurden Ökonomen, Mathematiker und Politikwissenschaftler eingeladen, eine möglichst erfolgversprechende Strategie einzureichen. Obwohl die eingeladenen Teilnehmer zahlreiche komplexe und ausgefeilte Strategien entwarfen, ist die erfolgreichste Strategie die sogenannte „Tit for Tat“-Strategie. Die „Tit for Tat“Strategie besteht darin, beim ersten Zusammentreffen mit einem anderen Spieler zu kooperieren und in allen weiteren Runden dann stets dessen Verhalten aus der Runde davor nachzuahmen. Der reziproke Charakter dieser Strategie erklärt ihren Erfolg (Axelrod 2006: 54):

What accounts for TIT FOR TAT's robust success is its combination of being nice, retaliatory, forgiving, and clear. Its niceness prevents it from getting into unnecessary trouble. Its retaliation discourages the other side from persisting whenever defection is tried. Its forgiveness helps restore mutual cooperation. And its clarity makes it intelligible to the other player, thereby eliciting long-term cooperation.

Die „Tit for Tat“-Strategie ist umso stärker und robuster, je mehr Spieler sie wählen. Sobald eine ausreichend große Zahl der Mitglieder in einer Population der Norm des „Tit for Tat“ folgt, gibt es keinen Grund mehr für die übrigen, eine andere Strategie zu nutzen. Die „Tit for Tat“-Strategie ist dann auf eine kollektive Weise stabil, d.h. sie ist in der Lage, sich zu schützen, aufrechtzuerhalten und zu verbreiten.

Beginnend bei einem Hobbesschen Naturzustand beschreibt Axelrod einen möglichen Evolutionsprozess der Kooperation. „Mutual cooperation“, resümiert er, „can emerge in a world of egoists without central control by starting with a cluster of individuals who rely on reciprocity“ (Axelrod 2006: 69). Der Stellenwert der „Tit for Tat“-Strategie ist auch im Alltag präsent, da in fast jeder Gesellschaft Normen wie „Niemand werfe den ersten Stein“ oder „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gängig sind und weltweit zum Kernbestand sozialer Normen gehören.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Chancen für eine zwangsfreie Kooperationsordnung beschränkt sich nicht auf theoretische Analysen oder Studien unter Laborbedingungen. Elinor Ostrom (1990) untersucht zahlreiche tatsächliche Lösungen der Probleme kollektiven Handelns bei knappen natürlichen Ressourcen – den CPRs („common-pool resources“) – in verschiedenen Gebieten der Welt. Ihre Beobachtungen weichen von den konventionellen Theorien über Allmenderessourcen ab: In vielen Fällen wird eine effiziente und nachhaltige Bewirtschaftung von lokalen CPRs weder durch eine zentralisierte Macht noch durch Privatisierung verwirklicht, sondern durch lokale selbstorganisierte Kooperation. Auch eine Feldstudie von Robert Ellickson belegt, dass ökonomische Konflikte zwischen Nachbarn häufig aufgrund von sozialen Normen anstatt formalen Gesetzen gelöst werden (1991: 282):

… neighbors in rural Shasta Country are sufficiently close-knit to generate and enforce informal norms to govern minor irritations such as cattle-trespass and boundary-fence disputes. This close-knittedness enables victims of social transgressions to discipline deviants by means of simple self-help such as negative gossip and mild physical reprisals. Under these circumstances, informal social controls are likely to supplant law.

Diese Studien beleuchten die Möglichkeiten für spontane Kooperationsordnungen auch in modernen Gesellschaften. Es scheint, dass unter bestimmten Bedingungen informelle soziale Normen im Vergleich zu staatlichen Institutionen gleichwertige und manchmal sogar bessere Leistungen erbringen.

Können diese Ergebnisse nun die Annahme stützen, dass die durch Guanxi organisierte Marktwirtschaft in China ein möglicherweise vollwertiges Äquivalent zum Marktkapitalismus in der westlichen Welt darstellt? Es wäre vorschnell, eine definitive Antwort geben zu wollen. Denn in allen erwähnten Untersuchungen ist eine eher kleine und stabile Gemeinschaft die Voraussetzung für spontane und freiwillige Kooperation – was aber nur für das ländliche China der 1980er Jahre gilt, in denen Guanxi grundsätzlich auf Blutsverwandtschaft beruhte und lokal begrenzt war. Die weitere Entwicklung der Marktwirtschaft in China unterminierte diese lokalen persönlichen Beziehungen. Seit dem Beginn der 1990er Jahre verließen Millionen Menschen ihre Heimat und suchten nach besseren Erwerbs- und Lebenschancen in den großen Städten oder im wirtschaftlich fortgeschrittenen Südostchina. Dadurch schwächte sich die Bedeutung der Blutsverwandtschaft zwischen Menschen ab. Zwar hat sich – wie gesehen – Guanxi in einem erheblichen Maße an die Marktbedingungen angepasst, wurde flexibler und erweiterte sich und spielt deshalb weiterhin eine bedeutende Rolle. Doch ist es durchaus zweifelhaft, wie effizient Guanxi in dieser Funktion in einer Gesellschaft sein kann, in der formelle Institutionen erhebliche Wirksamkeitsdefizite aufweisen.

 
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