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5.2.3 „Market Corruption“ und „Nonmarket Corruption“

Es lassen sich demnach in China zwei Arten von Korruption beobachten: die durch Guanxi vermittelte Korruption einerseits und die Guanxi entzogene Korruption andererseits. Diese zwei Arten entsprechen den Kategorien von James Scott (1972: 54), der „Market Corruption“ und „Nonmarket Corruption“ unterscheidet. Laut Scott bezieht sich „Market Corruption” auf „selling of government goods and services to the highest bidder“ (1972: 12). Bei solchen Transaktionen ist die Identität von Verkäufer und Käufer irrelevant, da es für die Verhandlungsmacht nur auf die „Qualität“ der verkauften politischen Macht und den vom Käufer angebotenen Preis ankommt. Im Gegensatz dazu berücksichtigt man in den von der „Nonmarket Corruption“ vermittelten Transaktionen die gegenseitige Verpflichtung – eine derartige Korruption wird von Granovetter auch als „Netzwerkkorruption“ bezeichnet (Granovetter 2007: 162). Allerdings warnt er davor, hier in einem Entweder-Oder-Schema zu denken: „we should be cautious, however, about assuming too sharp a line between them“, weil „many actors prefer to achieve their goals through networks of obligation and turn to bribes or extortion only when these networks fail or are absent“, und deswegen existiert„ an intimate relation between the two types“ (Granovetter 2007: 167).

Das trifft auf Chinas Situation zu. In den meisten Fällen versuchen die Unternehmer, eine Bitte an einen Kader in einem Guanxi-Kontext zu richten. Eine direkte Bestechung oder „Market Corruption“ findet nur dann statt, wenn kein Guanxi zwischen den Beteiligten besteht oder es schwer aufzubauen ist. In diesem Sinn funktioniert Guanxi-Kapital als ein Äquivalent zu Geld, genau wie bei Transaktionen zwischen Akteuren auf dem Markt (vgl. Kapitel 4). Wenn Wank von einer Entkopplung von Guanxi und Korruption ausgeht, setzt er voraus, dass unter Marktbedingungen Geld von den Beteiligten für wichtiger gehalten wird als Renqing und Mianzi. Er vernachlässigt dabei jedoch die historischen und kulturellen Hintergründe Chinas. Die besondere Art und Weise des Aufstiegs des chinesischen Kapitalismus und die kulturellen Überzeugungen über die Formen und Inhalte menschlicher Interaktionen prägen zusammen einen besonderen Entwicklungspfad Chinas, der sich nur sehr schwer wird verändern lassen.

Die erste Generation von Kapitalisten in China profitierte im Wesentlichen von ihrer Guanxi-Fähigkeit, also der Fähigkeit, Renqing-Schuld zu produzieren, ein stabiles und umfangreiches soziales Netzwerk zu etablieren oder aufrechtzuerhalten und gezielt unanstößige Geschenke zu machen. Diese sozialen „Techniken“ können auch angewendet werden, wenn sich unter veränderten Rahmenbedingungen neue Optionen eröffnen (vgl. Arthur 1994). Denn das akkumulierte Guanxi-Kapital, [1] unsichere politische Umgebungen oder mehrdeutige soziale Situationen (vgl. Kapitel 4.2) motivieren Akteure nach wie vor dazu, traditionelle Guanxi-Strategien einzusetzen. Wenn es ihnen möglich ist, werden sie die Normen von Renqing und Mianzi zur Einflussnahme auf politische Kader nutzen. Dabei ist Geld zwar immer unentbehrlicher geworden, doch kann es in den meisten Fällen zumindest anfänglich nur auf eine bescheidene und indirekte Weise gegeben, also im Rahmen von Guanxi-Kontexten vermittelt werden. Aus diesem Grund ist es auch heute noch oft sehr schwierig, Korruption von normalen sozialen Interaktionen in China zu unterscheiden (vgl. Steidlmeier 1999).

  • [1] In vielen chinesischen Familienunternehmen kann eine neue Generation das soziale Netzwerk ihrer Eltern erben, was die Entwicklung der Unternehmen erheblich befördern kann (vgl. Zheng 2010: 98–126).
 
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