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5.1.9 Massnahmenentscheid: Sonderschule

Hinsichtlich der aus der theoretischen Rahmenkonzeption auf ihre Bedeutsamkeit hin überprüften Hypothesen ergibt sich folgendes Bild:

a. Hinsichtlich des Massnahmenentscheides Sonderschule sind die Handlungsstrukturen aller Akteursgruppen prägnant.

b. Hinsichtlich der untersuchten Eigenschaften der zusammengeführten prägnanten Strukturen zeigen sich bedeutsame Unterschiede.

c. Die formale Struktur und die empirische Struktur weisen keine Übereinstimmung auf.

Bisher wurden die Vorgänge der Abklärung des Förderbedarfs beschrieben. Besteht Konsens über die benötigten schulischen Massnahmen, kommt es zur Entscheidung bzw. zur Verfügung der entsprechenden Unterstützung. Die Entscheidung liefert die Grundlage für die Durchführung der Massnahmen und damit einen wichtigen Referenzrahmen für die damit befassten Akteursgruppen. Diesbezüglich bestätigt die Untersuchung diese Annahme dadurch, dass die befragten Personen klare Vorstellungen über den Entscheid zur Sonderbeschulung besitzen und diese auch abbilden. Es lässt sich daraus auf eine regelmässige Durchführung der Entscheidungsfindung schliessen, die als unterstützender Faktor für die prägnante Darstellung der Handlungsstruktur interpretiert werden kann. Die Erkenntnis bestätigt die bisher dargestellten Ergebnisse insofern, als dass auf eine erfolgreiche Massnahmenfindung im Normalfall ein Massnahmenentscheid folgt.

Aufgrund der Beziehungsdichte, die zwischen den einzelnen Akteursgruppen herrscht, kann man von einem stabilen Verbindungs-, Informations- und Kommunikationsfluss ausgehen. Trotz der zwar diversen, aber klaren Vorstellungen, lässt sich eine feste Beziehung zwischen den Akteursgruppen erkennen, die sich durch den gegenseitigen Einbezug in die Struktur ergibt und das Grundmuster der erfassten Struktur darstellt. Die feste Beziehung zwischen Eltern und Psychologen bzw. Eltern und Klassenlehrpersonen rückt die Eltern diesbezüglich in den Fokus der Entscheidung. Dass keine Beziehung zwischen den Eltern und dem Amt für Volksschule und Kindergarten (AVK) ausgemacht werden kann, wird in der Praxis höchstwahrscheinlich durch die Beziehung zwischen Psychologen oder Klassenlehrpersonen zum AVK kompensiert. Das würde bedeuten, dass die Kommunikation und der Informationsaustausch zwischen Eltern und AVK hierzu entweder über die Psychologen oder die Klassenlehrpersonen läuft, was von der formalen Vorgabe abweicht, da die Eltern vom AVK direkt in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen wären. Durch den Selbsteinbezug der Eltern und der Klassenlehrpersonen

Abb. 30 Massnahmenentscheid Sonderschule

Der Durchmesser der Punkte kennzeichnet den Einbezug der Akteursgruppe in das Netzwerk; die Breite des Pfeils kennzeichnet das Ausmass des Bezugs auf andere Akteursgruppen; die Akteursgruppen sind farblich gekennzeichnet: Klassenlehrpersonen = gelb, Psychologen = rot, Schulleiter = orange, Eltern = braun, Heilpädagogen = schwarz, FLP/FLK = schwarz, Logopädinnen = lila, Vertreter AVK = nicht definiert, Kind = nicht definiert wird diese Vorstellung auch gestützt, geschwächt allerdings dadurch, dass Psychologen sich nicht selber in den Entscheidungsprozess einbeziehen.

Die in der Grafik dargestellten Akteursgruppen sind immer mit dem Massnahmenentscheid Sonderschule befasst und haben eine Beziehung zueinander, die, durch ihre Gegenseitigkeit gekennzeichnet, weniger Gefahr läuft, auseinanderzufallen. Die starke Orientierung der Klassenlehrpersonen in die Struktur ist dabei sehr interessant. Die feste Beziehung zu den Eltern lässt deutlich werden, dass sich Eltern bei ihrer Entscheidung offensichtlich sehr auf das Urteil der Klassenlehrpersonen verlassen. Fast alle anderen Akteursgruppen beziehen die Klassenlehrpersonen nicht in die Struktur ein, werden aber von ihnen einbezogen. Demnach ist der Prozess der Informationsgenerierung, der die Grundlage für die zu treffende Entscheidung ist, klar. Klassenlehrpersonen holen sich offenbar aus dem Umfeld (Logopädinnen, Heilpädagogen der Kompetenzzentren, andere Fachpersonen) die nötigen Informationen und leiten sie an die Eltern weiter, besprechen sie wahrscheinlich und unterstützen diese dadurch bei ihrer Entscheidungsfindung. Die Rolle der Klassenlehrpersonen ist diesbezüglich brisant: Sollte die Beziehung zwischen Eltern und Klassenlehrpersonen einmal nicht stimmen oder die Kommunikation zwischen ihnen nicht funktionieren, ist der Informationsfluss für die Entscheidungsfindung der Eltern, trotz des Bezugs zu den Psychologen, in Gefahr. Wieder wird die wichtige Beziehung zwischen Eltern und Klassenlehrpersonen offensichtlich. Die Schulleiter spielen innerhalb der Struktur zwar keine sehr relevante Rolle, sie nehmen dennoch eine wichtige Position als Schaltstelle zwischen der Schule und dem AVK ein. Dies wird durch ihre Orientierung in die Struktur deutlich, da sie sich nur auf die Eltern und das AVK beziehen, was sich mit den formalen Vorgaben auch deckt. Schulleiter scheinen demnach eine Vermittlungsrolle zwischen AVK, Schule und den Eltern einzunehmen, was allerdings nur aus der Sicht der Schulleiter nachweisbar ist. Da auch diese Struktur nicht sehr komplex ist, sondern alle Akteursgruppen einen kurzen Kommunikationsweg haben, wird den Klassenlehrpersonen diese Aufgabe erleichtert. Einzuholende Informationen müssen nicht über Dritte erfragt werden, was auch für alle weiteren wichtigen Gruppen bezüglich dieser Frage gilt. Insgesamt betrachtet läuft sie, aufgrund der unterschiedlich zentralen Rolleneinteilung, keine Gefahr auseinanderzufallen. Grundsätzlich sind alle relevanten Akteure, bis auf die kommunale Aufsichtsbehörde, in der empirischen Struktur auffindbar. Die wichtige Beziehung zwischen Klassenlehrpersonen, Eltern und Psychologen bildet dabei nur einen Teil der formalen Vorgabe ab, was die Annahme einer Strukturdifferenz legitimiert. So besteht z. B. keine Verbindung zwischen Eltern und kantonaler Fachstelle. Das Wegfall der kommunalen Aufsichtsbehörde trägt dazu bei und lässt zusätzlich erahnen, dass diese Vorgabe in der Praxis nicht berücksichtigt wird.

Die gefundenen Ergebnisse bezüglich sonderschulischer Massnahmen, bestätigen auch in diesem Fall, wie wichtig die Kommunikation der beteiligten Akteure untereinander ist. Sie spiegelt sich nicht nur im Abklärungsprozess selbst, sondern auch grundlegend im Entscheidungsprozess. Dabei bestätigt das hier gefundene Grundmuster die vorangehenden Ergebnisse insofern, dass wieder ein Kern an zentralen Fachpersonen (bzw. Eltern) im Austausch mit den entsprechenden kantonalen Stellen ausgemacht werden kann (vgl. Haeberlin et al. 2003; Köbberling & Schley, 2000). Auch in diesem Fall sind darüber hinaus die Strukturdifferenzen auf bestimmte Effizienzaspekte zurückzuführen (vgl. Meyer & Rowan, 1977). So wird zwar formal vorgeschrieben, dass die kantonale Aufsichtsbehörde nebst anderen Fachstellen auch die Eltern anhört, praktisch könnte es aber so aussehen, dass der Kontakt zwischen Eltern und Klassenlehrpersonen, bzw. Eltern und Psychologen weitaus schneller und einfacherer, also effizienter, zu realisieren ist.

Zusammenfassend lässt sich über den Strukturvergleich des „Massnahmenentscheid Sonderschule“ sagen, dass die dargestellten Vorstellungen der Handlungsstrukturen grundsätzlich abbildbar sind. Gleichzeitig zeigt die Diversität der Sichtweisen die Notwendigkeit des Einbezugs unterschiedlicher Akteursgruppen in die Entscheidung auf, doch wird andererseits klar, dass die festen reziproken Strukturen das Gerüst der Massnahmenfindung bilden. Auch hier verhindert die Diversität der Vorstellungen nicht, dass eine grundlegende Struktur abbildbar ist. Ähnlich wie die anderen bereits dargestellten Strukturen sind hier Kommunikations- und Informationswege einfach und direkt. Obwohl die formalen Vorgaben hier klar sind, lässt sich eine Struktur erkennen, die nicht mit der Gesetzeslage übereinstimmt. Der fehlende direkte Bezug zwischen Eltern und dem AVK ist zwar verwunderlich, wird aber offensichtlich über die Psychologen oder mit Abstrichen durch die Schulleitung geregelt. So ist auch in diesem Fall der Informationsfluss grundsätzlich garantiert, obwohl er an einigen Punkten sicher noch optimierbar wäre. So liefert die Untersuchung in diesem Fall eine Sichtweise auf die Klassenlehrpersonen, die einen ganz engen Bezug zu den Eltern haben, offensichtlich dann aber wesentlich entscheidend für die Informationsgenerierung zu einer möglichen Sonderbeschulung sind.

 
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