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5.1.10 Massnahmenentscheid: Kleinklasse

Hinsichtlich der aus der theoretischen Rahmenkonzeption auf ihre Bedeutsamkeit hin überprüften Hypothesen ergibt sich folgendes Bild:

a. Hinsichtlich des Massnahmenentscheides Kleinklasse sind die Handlungsstrukturen fast aller Akteursgruppen prägnant.

b. Hinsichtlich der untersuchten Eigenschaften der zusammengeführten prägnanten Strukturen zeigen sich bedeutsame Unterschiede.

c. Die formale Struktur und die empirische Struktur weisen keine Übereinstimmung auf.

Auch hier liefert die Entscheidung die Grundlage für die Durchführung der Massnahmen und damit einen wichtigen Referenzrahmen für die damit befassten Akteursgruppen. Diesbezüglich bestätigt die Untersuchung diese Annahme dadurch, dass die befragten Personen, ausser den Schulleitungen, klare Vorstellungen über den Entscheid zur Kleinklassenbeschulung besitzen und diese auch abbilden. Es lässt sich daraus auf eine regelmässige Durchführung der Entscheidungsfindung schliessen, die als unterstützender Faktor für die prägnante Darstellung der Handlungsstruktur interpretiert werden kann. Die Erkenntnis bestätigt die bisher dargestellten Ergebnisse insofern, dass auf eine erfolgreiche Massnahmenfindung immer ein Massnahmenentscheid folgt.

Aufgrund der Beziehungsdichte die zwischen den einzelnen Akteursgruppen herrscht, kann man auch hier von einem stabilen Verbindungs-, Informations- und Kommunikationsfluss ausgehen. Generell lässt sich das stabile Muster zwischen Eltern, Psychologen und Klassenlehrpersonen, das sich auch schon in der vorherigen Frage herauskristallisiert hat, wieder darstellen. In diesem Fall zeigt das Muster allerdings die Psychologen im Fokus der Entscheidung. Interessanterweise wird die tatsächliche Instanz, die für die Entscheidung der Zuweisung zuständig ist, nämlich die kommunale Aufsichtsbehörde, von keiner der befragten Akteursgruppen in die Handlungsstruktur aufgenommen. Es lässt sich vermuten, dass den betroffenen Akteuren hier eine Information fehlt.

Das herausgestellt Grundmuster zeigt auch in diesem Fall bestimmte zentrale Akteursgruppen auf:

Abb. 31 Massnahmenentscheid Kleinklasse

Der Durchmesser der Punkte kennzeichnet den Einbezug der Akteursgruppe in das Netzwerk; die Breite des Pfeils kennzeichnet das Ausmass des Bezugs auf andere Akteursgruppen; die Akteursgruppen sind farblich gekennzeichnet: Klassenlehrpersonen = gelb, Psychologen = rot, Schulleiter = orange, Eltern = braun, Heilpädagogen = schwarz, FLP/FLK = schwarz, Logopädinnen = lila, Vertreter AVK = nicht definiert Die in der Grafik dargestellten Akteursgruppen sind immer mit dem Massnahmenentscheid Beschulung in der Kleinklasse befasst und haben eine Beziehung, die, durch ihre Gegenseitigkeit gekennzeichnet, weniger Gefahr läuft, auseinanderzufallen. Die Zentralitätsparameter weisen bezüglich der erfragten Handlungsstruktur auf zentrale Positionen der Psychologen, Eltern und der Klassenlehrperson hin. Die im Gegensatz zur Entscheidung bei Sonderschulung schwache Orientierung der Klassenlehrpersonen in die Struktur lässt sich darauf zurückführen, dass sie selber in dieser Entscheidungsangelegenheit wieder eine zentralere Rolle übernehmen. Diese Annahme wird durch den deutlich höheren Einbezug bestätigt. Die Psychologen die als einzige Akteursgruppe von den Klassenlehrpersonen einbezogen werden, spielen wieder eine sehr gewichtige Rolle für die Entscheidungsfindung, was den direkten Informationsfluss als einzige Akteursgruppe zum AVK unterstreicht. Darüber hinaus wird die Koordinationsrolle eindeutig durch den hohen Einbezug in die Struktur aber auch durch die klaren Beziehungen zu vielen anderen Akteursgruppen innerhalb der Struktur deutlich. Ihnen kommt deshalb eine leicht übergeordnete zentrale Rolle zu. Der im Vergleich zur Entscheidung bei Sonderschulung höhere Einbezug der Schulleitung in die Struktur deutet auch hier auf eine zentralere Rolle bezüglich der Entscheidungsfindung hin. Schulleiter zeigen selber jedoch keine klare Handlungsstruktur, was die ungleiche Vorgehensweise aus ihrer Sicht belegt. Trotz ihrer relevanten Position scheint die Entscheidung zur Beschulung nicht ganz eindeutig zu sein. Klar ist auch in diesem Zusammenhang, dass das Dreigespann Klassenlehrperson, Eltern und Psychologen auch hier eine sehr zentrale Rolle für die Entscheidungsfindung spielt. Da auch diese Struktur nicht sehr komplex ist, sondern alle Akteursgruppen einen kurzen Kommunikationsweg haben, ist auch in diesem Fall der Informationsfluss garantiert. Einzuholende Informationen müssen nicht über Dritte erfragt werden, was auch für alle weiteren relevanten Gruppen bezüglich dieser Frage gilt. Insgesamt betrachtet läuft die Struktur aufgrund der unterschiedlich zentralen Rolleneinteilung keine Gefahr auseinanderzufallen, wobei die Verbindung zum AVK bei der Herausnahme der Psychologen aus dem Geflecht in Gefahr wäre. Der Strukturvergleich gestaltet sich für den Kleinklassenunterricht in diesem Fall etwas schwierig, da die kommunale Aufsichtsbehörde auch in diesem Fall nicht prägnant in den empirischen Handlungsstrukturen aufgetaucht ist. Dies lässt mehrere Interpretationen zu. Die Wahrscheinlichste ist die, dass die Verfügungen auch in diesem Fall von der kantonalen Aufsichtsbehörde ausgestellt werden oder sogar von der jeweiligen Schulleitung im Auftrag der kommunalen Aufsichtsbehörde. Jedenfalls lässt sich daraus ableiten, dass die Psychologen auch in diesem Fall wieder eine zentrale Rolle spielen.

Auch in diesem Fall ist die Kommunikation unter den beteiligten Fachpersonen und Eltern essentiell. Es lässt sich dabei wieder ein Grundmuster entdecken, dass in den vorhergehenden Ergebnissen bereits gezeigt werden konnte (vgl. Haeberlin et al. 2003; Köbberling & Schley, 2000). Weiter zeigen sich auch Strukturdifferenzen die auf bestimmte Effizienzaspekte zurückzuführen (vgl. Meyer & Rowan, 1977) sind. So wird zwar formal vorgeschrieben, dass die kommunale Aufsichtsbehörde für die Verfügung der Massnahme zuständig ist, sie in der empirischen Praxis aber effektiv nicht auftaucht.

Zusammenfassend lässt sich über den Strukturvergleich des „Massnahmenentscheid Kleinklasse“ sagen, dass die dargestellten Vorstellungen der Handlungsstrukturen grundsätzlich abbildbar sind. Gleichzeitig zeigt die Diversität der Sichtweisen die Notwendigkeit des Einbezugs unterschiedlicher Akteursgruppen in die Entscheidung auf, doch wird andererseits klar, dass die festen reziproken Strukturen das Gerüst der Massnahmenfindung bilden. Ähnlich wie die anderen bereits dargestellten Netzwerke sind hier Kommunikations- und Informationswege einfach und direkt. Die empirische Struktur weicht allerdings hier klar von der formalen Struktur ab. Die kommunale Aufsichtsbehörde als eigentliche Entscheidungsinstanz wird dabei von keiner der befragten Akteursgruppen prägnant in der Handlungsstruktur genannt. Die Gruppe der Schulleiter hat keine klare Vorstellung des Handlungsablaufes, nimmt interessanterweise jedoch eine sehr zentrale Position in dieser Struktur ein. Die Psychologen rücken weitaus mehr in das Zentrum des Geschehens, als sie das schon bei der Entscheidung zur Sonderschule tun und haben hier, unterstützt durch Eltern und Klassenlehrpersonen, die Führung. So ist auch in diesem Fall der Informationsfluss grundsätzlich garantiert, obwohl er an einigen Punkten sicher noch optimierbar wäre. So liefert die Untersuchung einen neuralgischen Punkt des Kommunikationsflusses, der in diesem Fall nur zwischen Psychologen und der zuständigen kantonalen Entscheidungsstelle besteht (AVK), obwohl diese rein formal gesehen nicht dafür zuständig wäre.

 
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