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Diskussion und Ausblick

Diese Arbeit liefert einen Beitrag zum sehr kontrovers diskutierten Thema der schulischen Integration von Kindern mit besonderem Förderbedarf. Diese Diskussion findet statt im Lichte des Neo-Institutionalismus nach den leitenden Kriterien von John Meyer & Brian Rowan (1977), Richard Scott (1975) und nicht zuletzt Karl Weick (1976). Durch die systematische Erhebung von vorfindbaren „empirischen“ Strukturen und dem Vergleich zu vorgegebenen „formalen“ Strukturen wurde in diesem Zusammenhang eine neue Vorgehensweise entwickelt, mit der es – sowohl wissenschaftstheoretisch wie auch forschungsmethodisch fundiert – möglich wird, das Problem der Umsetzung schulischer Integration aus einer Sicht zu analysieren, die vor allem auf die Interaktion zwischen den Anforderungen an einschlägige Institutionen und den Bezug der damit befassten Akteure fokussiert ist. In diesem Rahmen können die Ergebnisse dieser Arbeit als spezifizierende Weiterentwicklung der Theorie des Neo-Institutionalismus verstanden werden und gleichzeitig als empirischer Beitrag zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich der Erklärung sozialer Ungleichheit als Bildungsungleichheit unter dem Aspekt der schulischen Integration. Aus dieser Perspektive soll nun ein Ausblick in mögliche zukünftige Entwicklungen gewagt werden. Zum ersten sollen – in der spezifischen Sicht dieser Arbeit – einige Möglichkeiten einer Weiterentwicklung des neo-institutionalistischen Ansatzes skizziert werden. Zum zweiten sollen weiterführende Möglichkeiten der hier entwickelten netzwerk-orientierten Methodologie erörtert werden. Zum dritten soll auf einige inhaltliche Desiderate für die künftige Integrationsforschung hingewiesen werden, die sich im Lichte dieser Arbeit mit Blick auf die bereits durchgeführten Studien und ihre Erkenntnisse aufdrängen. Den Schluss bilden eine Reihe von Konsequenzen, die aufgrund der hier erzielten Ergebnisse und der verfolgten Sichtweise für die Praxis diskussionswert erscheinen.

Möglichkeiten einer Weiterentwicklung des neo-institutionalistischen Ansatzes

In der Theoriediskussion des Neo-Institutionalismus wird die Möglichkeit eines direkten Einflusses von formal vorgegebenen Strukturen auf vollzogene empirische Handlungsstrukturen sehr kontrovers diskutiert (vgl. Zucker, 1977; Di Maggio & Powell, 1983; Walgenbach & Meyer, 2008). So geht beispielsweise Scott (2001) davon aus, dass eine langfristige Entkopplung von formalen und empirischen Strukturen für eine Organisation nicht möglich ist, während an anderen Stellen z. B. durch Brunsson & Olsen (1993), Entkopplungsmechanismen nachgewiesen werden konnten. In diesem Zusammenhang hat sich die Unterscheidung zwischen einer „action-“ und einer „talk-“ Ebene als hilfreich erwiesen, etwa wenn betroffene Akteure die Entscheidungen auf institutioneller Ebene zwar mittragen, sich ihre tatsächlichen Handlungen jedoch nicht verändern. Die Ergebnisse der hier vorliegenden Arbeit unterstützen oder ergänzen die Ergebnisse derartiger Untersuchungen dahingehend, als darin mögliche Divergenzen von Aktivitätsstrukturen und Formalstrukturen in bestimmten Bereichen nachgewiesen werden und auf deren Inhalts- und Personenabhängigkeit differentiell hingewiesen werden kann; zumindest – ähnlich wie bei Walgenbach (1998; 2000) – als eine Entkopplung der beiden Strukturtypen in bestimmten Bereichen. Einen weiteren Beitrag zur Entwicklung des neo-institutionalistischen Ansatzes liefern die Ergebnisse der Untersuchung durch den Hinweis auf die inkonsistenten „formalen“ Anforderungen schulischer Integration an die Akteure. Denn aufgrund der Gewährung einer bestimmten Handlungsfreiheit, werden die formalen Vorgaben sehr offen, bzw. teilweise sogar widersprüchlich formuliert (vgl. Luhmann, 1972; Kühl, 2011). Dies wirft die weitergehenden Fragen auf, wie die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen für die Umsetzung schulischer Integration in Form der formalen Struktur für die Akteure in konsistenter Form durch die Organisation:

a. gebündelt werden sollen,

b. gebündelt werden können.

Bereits Di Maggio und Powell (1983) haben in dem von ihnen beschriebenen Prozess der Isomorphie darauf hingewiesen, dass der Übersetzungsprozess diverser gesellschaftlicher Anforderungen hin zu institutionellen Vorgaben ein zentrales Element neo-institutionalistischer Überlegungen ist, was sich auch in dieser Arbeit offenbart. Zukünftige Untersuchungen sollten nebst der Analyse der Anpassung der Institutionen an die Umwelt (Isomorphie), auch auf den „Übersetzungsprozess“ der Institutionen selbst abzielen. Bereits Walgenbach & Meyer (2008) haben darauf hingewiesen, dass dabei zwar die Koordination der unterschiedlichen Anforderungen für die Organisation komplexer wird, die Akteure im Vollzug der formalen Vorgaben jedoch entlastet werden. Bei dieser Vorgehensweise müssten sowohl die Ausgestaltung der Handlungsspielräume der jeweiligen Akteure, wie auch die Funktion und Folgen, die inkonsistenten Anforderungen formaler Vorgaben für sie haben, reflektiert werden (Ankopplung der Strukturen).

 
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