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1.1 Wohlfahrtsstaats- und Kinderschutzmodell in Südkorea und Deutschland

Von der südkoreanischen Gesellschaft wurde die Gewalt gegen Kinder lange nicht ernst genommen und tabuisiert. In den letzten zehn Jahren ist das Thema Gewalt gegen Kinder jedoch mit zunehmender Intensität in das öffentliche Interesse gerückt und als soziales Problem immer wieder thematisiert worden. Dennoch wird auch heute noch Gewalt gegen Kinder in der Gesellschaft toleriert.

Als Reaktion auf Gewalttaten gegen Kinder erfolgen weiter mildeste Strafen, mit dem Anspruch die TäterInnen zu erziehen. Die Opfer haben Angst vor den TäterInnen und möglichen Konsequenzen (z.B. durch den Prozess der polizeilichen Ermittlung oder dem gerichtlichen Verfahren, Mobbing in der Schule und der Stigmatisierung durch die Gesellschaft). Weiterhin verschließen viele Familien und Nachbarn ihre Augen und Ohren vor den Gewalttaten und streiten diese ab. Aus diesen Gründen war es bisher schwierig Anzeichen von Gewalt an Kindern zu erkennen, um dann ein Einschreiten des Staates in die Wege leiten zu können. Dadurch bedingt verlassen sich Opfer und Familien nicht auf staatliche Institutionen und Maßnahmen, die sie eigentlich schützen sollen. Nach der Statistik des nationalen Kinderschutzzentrums aus dem Jahr 2010 sind noch immer viele Kinder und Jugendliche der alltäglichen Gewalt ausgesetzt. Die Zahl der bekannten Fälle von Misshandlungen und sexuellen Missbrauch bzw. Der Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren wird in Südkorea im Jahr 2010 auf 5657 geschätzt. [1] Im Zeitraum von 2000 bis 2010 ist die Zahl der Gewalttaten gegen Kinder in jedem Jahr kontinuierlich gestiegen (83,2 Prozent davon geschehen durch die Eltern).

Mit der Überarbeitung des südkoreanischen Kinderwohlfahrtsgesetzes im Jahr 2000, bei der Systeme für Prävention und Intervention bei Gewalt gegen Kinder implementiert wurden, vollzog sich ein Paradigmenwechsel. Der Staat als „liberaler Wohlfahrtsstaat“ übertrug die Kinderschutzaufgaben verschiedenen freien Trägern, gab somit also die Verantwortung ab. Nach diesem Modell wird die Kinderschutzarbeit nun also durch freie Träger in Kinderschutzzentren durchgeführt bzw. praktiziert. Obgleich die Aktivität der freien Träger zu flexiblen und dynamischen Angeboten zur Verhinderung von Gewalt gegen Kinder und Familien führte, bleibt die Schwierigkeit der Erfüllung gesetzlicher Aufgaben wie z.B. die Herausnahme der Kinder aus dem Elternhaus oder die Inobhutnahme über 3 Tage, bestehen. Diese Schwierigkeiten sind dadurch bedingt, dass ein Kooperationsproblem zwischen Schulen, staatlichen Behörden, der Polizei usw. besteht und infolgedessen eine Bestrafung der Täter erschwert wird, da diese oftmals nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiten. In den letzten fünf Jahren wurde im südkoreanischen Kinderschutzsystem (KSS) im Hinblick auf Gewalt gegen Kinder häufig diskutiert, ob öffentliche oder freie Träger besser für diese Aufgabe geeignet seien. Darüber hinaus wurde das Eingreifen der Familiengerichte in das Sorgerecht und die Entscheidung über angemessene Maßnahmen bei elterlichen Tätern erörtert. Verschiedene Studien[2] stellten fest, dass die bisherigen Angebote und Maßnahmen der Institutionen nicht ausreichend sind, z.B. aufgrund fehlender Gesetze von Gewalt gegen Kindern, mangelndem Einschreiten durch öffentliche Träger, mangelnder Befugnisse des KSZ, fehlender Interventionen des Familiengerichts bezüglich elterlicher Sorgepflicht und einem Fehlen angemessener Zwangsbzw. Strafmaßnahmen für Täter usw. Weiterhin wird festgestellt, dass die Kinder immer noch als elterliches Eigentum angesehen werden und viele Menschen Gewalt gegen ein solches Eigentum, also als eine familiäre Angelegenheit sehen.

Richtet man den Blick wieder auf die Situation in Deutschland, wird ebenfalls trotz aller aktuellen Gesetze immer wieder von grausamen Gewalttaten gegen Kinder in den Medien berichtet, z.B. von kleinen Kevin aus Bremen oder der dreijährigen Vera aus Wiesbaden. [3] Obwohl vielfältige Präventionsprojekte in Deutschland durchgeführt werden, ist die Zahl der Gewalttaten gegenüber Kindern immer noch hoch. Dies zeigt die polizeiliche Kriminal- und auch die Jugendhilfestatistik deutlich auf. [4] Mit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilferechts im Jahr 1990 und mit der Überarbeitung des „Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes“ (KICK) 2005 vollzog sich in Deutschland nicht nur eine stärkere präventive Förderung und Unterstützung, sondern auch eine hoheitsstaatliche Intervention. Weiterhin sollen nach dem Bundeskinderschutzgesetz (BkiSchG) von 2012 die beteiligten Instanzen, wie zum Beispiel Jugendamt und Kindergarten, also öffentliche und freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe für verbindliche Kooperationen und Informationsaustausch im Kinderschutz sorgen. Es soll also seitens der öffentlichen Träger, sowie des Staates ein Miteinander herrschen, der zu Informationsaustausch zum Wohle der Kinder und Jugendlichen beiträgt. Für das Wohl der Kinder und Jugendlichen ist das Jugendamt als öffentlicher Träger zuständig, d.h. es trägt die Gesamtverantwortung für die Angebote, Interventionen und Folgen bei drohender oder gegebener Gewalt gegen Kinder. Zudem ist das Jugendamt berechtigt und verpflichtet, alle Verfahren präventiver Förderung und Unterstützung vor dem Auftritt von Gewalt gegen Kinder, bis hin zur Untersuchung und Risikoeinschätzung konkreter Fälle im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte, anzubieten und durchzuführen. Das Jugendamt ist zudem verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen bei akuter Kindeswohlgefährdung vorübergehend in Obhut zu nehmen. Sind die Erziehungsberechtigten nicht bereit oder in der Lage, bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos mitzu-wirken, hat das Jugendamt bei der Entscheidung über eine Kindeswohl-gefährdung das Familiengericht hinzuzuziehen, so also eine höhere Instanz für das Wohl des Kindes eingreift. Das Familiengericht prüft, ob von Amts wegen gerichtliche Maßnahmen erforderlich sind, ob darüber hinaus weitere gerichtliche, langfristige Entscheidungen bei Kindeswohlgefährdung notwendig sind oder ob der teilweise oder vollständige Entzug der elterlichen Sorge von Nöten ist. Weiterhin werden verschiedene Dienstleistungen sowie Therapien oder präventive Aktivitäten in Bezug auf Gewalt gegen Kinder von verschiedenen freien Trägern angeboten bzw. durchgeführt. In Deutschland reagieren also Jugendamt, Familiengericht und freie Träger gemeinsam auf potentielle Gefahren für Kinder. Daraus ergibt sich jedoch die zentrale Problematik, wann der genaue Zeitpunkt für die sozialpädagogische Diagnostik, Einschätzung und Entscheidung ist, um anschließend Präventions- und Interventionsmaßnahmen einzuleiten.

Südkorea und Deutschland haben unterschiedliche Wohlfahrtsstaats- und Kinderschutzmodelle, da sie unterschiedlichen sozialen Ausrichtungen in der Kinder- und Jugendhilfe, Familie und Gesellschaft haben. Nach EspingAndersen[5] interveniert Deutschland als konservativer Typ des Wohlfahrtstaates zwar stärker, aber eher temporär aus staatspolitischen, paternalistischen Gründen. Weiterhin ist er stark lohnarbeits- und sozialversicherungszentriert und soziale Rechte sind an Klasse und Status gebunden. Dagegen wird Südkorea in der Forschung meist als liberaler Wohlfahrtsstaat, ähnlich wie die USA klassifiziert. Nach Esping-Andersen wird beim liberalen Wohlfahrtsstaat vor allem die Rolle des freien Marktes und der Familie betont, er ist mit individuellen Bedürftigkeitsprüfungen verbunden und der Leistungsbezug ist oftmals mit Stigmatisierung behaftet. [6] Weiterhin wurde nach Gilbert[7] das Kinderschutz-modell in das Child Protection System und das Family Service System unterschieden. Das Family Service System in Deutschland ist in Form einer auf Familienhilfe, staatlich organisierten, niedrigschwelligen und auf gesellschaftliche Solidarität hin ausgerichteten Kinderschutztradition aufgebaut. Dagegen folgt das Child Protection System in Südkorea einer gefährdungsfokussierten, auf die Intervention in Gefährdungsfällen orientierten Tradition. [8] Internationale Vergleiche dieser Systeme ermöglichen eine Prüfung der jeweiligen Systeme, Diskurse und Ergebnisse und bereichern die Debatte über unterschiedliche Ansätze und ihre jeweiligen Vorteile für den Schutz der gefährdeten Kinder, sowie der Unterstützung der Eltern. [9]

  • [1] National Child Protection Agency, 2010. National Child Abuse Report. Seoul, S. 70
  • [2] Einige Untersuchungen finden sich in den folgenden Büchern: National Child Protection Agency, 2008. National Child Abuse Report. Seoul, S. 38-42; Lee, B., 2008. Kinderpolitik, Ideologie und politische Fragen. National Youth Policy Institute Forum (2). Seoul, S. 3-18; Ders., 2005. Child Protection System Korea Dilemma-Reported, research and service functions, role conflict between. Seoul; Park, S., 2005. A Comparative Study on Child Protection System among OECD Countries. Korea Institute for Health and Social Affairs. Seoul, S. 272-287; Yoon, H., 2003. Child Abuse Prevention Centers: Practice Overview and Implications for Future Development of Child Protective Services. Korea Society of Child Welfare 2003 (1). Seoul, S. 7-38
  • [3] Z.B. Fall Kevin: stern.de/panorama/tod-des-kleinen-kevin-eine-geschichte-desversagens 581-419.html; Vera: merkur-online.de/lokales/regionen/stiefvater-quaeltdreijaehrige 355-690.html: 16.06.2013
  • [4] Bundeskriminalamt 1994-2012 der Bundesrepublik Deutschland; Statistisches Bundesamt. 2013, Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe. Wiesbaden
  • [5] Esping-Andersen, G., 1990. The Three Worlds of Welfare Capitalism. Princeton, S. 26-28
  • [6] Schmid, J., 2010. Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. 3. Auflage. Wiesbaden, S. 101; Esping-Andersen, G., 1990. The Three Worlds of Welfare Capitalism. Princeton, S. 26-28
  • [7] Gilbert, N., 1997. Combatting Child Abuse. Oxford, S. 233
  • [8] Vgl. Müller, R., Nüsken, D. (Hrsg.), 2010. Child Protection in Europe. Münster, S. 31
  • [9] Kojan, B., Lonne, B., 2012. A comparison of systems and outcomes for safeguarding children in Australia and Norway. Child and Family Social Work 17, S. 96
 
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